Sie haben sich einen geschützten Ort zum Sprechen gewünscht. Die Mütter, die ich gleich persönlich zum Interview treffen werde, kostet es große Überwindung ihren Fall öffentlich zu machen. Schon vorab hatten wir Kontakt, auch per Videotelefonat. Sie sagen: Unsere Kinder wurden sexuell missbraucht - von ihrem Kita-Erzieher. Und niemand hilft uns.
Mama, ich hab Angst. Ich wusste, hier ist was Schlimmes passiert.
Er hat geweint, er hat um sich geschlagen.
Ich dachte, Scheiße, mein Kind ist betroffen. Ganz sicher.
Gleich sechs Kinder schildern quasi identische sexuelle Übergriffe - und trotzdem gibt es keine gerichtlichen Konsequenzen?!
Ich möchte mehr erfahren und treffe zwei Mütter zum persönlichen Gespräch, wir nennen sie Miriam und Mia. Zum Schutz der betroffenen Kinder zeigen wir ihre Gesichter nicht offen. Mit plötzlich auffälligem und sexualisiertem Verhalten habe alles angefangen. Was genau passiert sein soll, die Kinder hätten es ihnen beschrieben und auch gezeigt, erzählen Miriam und Mia.
Mia: Er war auf einmal nicht mehr trocken. Mein Kind hat angefangen sich Dinge in den Po einzuführen…. Das war ganz extrem, wo ich mein Kind immer wieder davon abgehalten habe und er immer wieder gesagt hat: Aber Mama, das ist halt eben so, das muss man so machen.
Miriam: Es war jeden Tag Theater, er wollte nicht in die Kita, wollte lieber mit zur Arbeit und 7 Stunden im Auto sitzen. Ich war völlig überfordert mit der Sache - total. Aber ich habe nie daran gezweifelt, dass das was mein Kind gesagt hat nicht stimmen könnte.
Auch den Namen des mutmaßlichen Täters nennen die Kinder offenbar übereinstimmend: Den eines Kita-Erziehers. Noch wissen die Eltern nichts voneinander, erstatten einzeln Anzeige. Erst durch Äußerungen von Polizisten erfahren sie, dass es offenbar mehrere Betroffene gibt. Die Eltern sollen dann die Anweisung bekommen haben, zu Hause nicht über die mutmaßlichen Taten zu sprechen - um Beeinflussungen zu vermeiden. Viereinhalb Monate vergehen! Erst dann kommt es zu Befragungen bei Gericht. Und auch die verlaufen anders als erwartet:
Mia: In absolut fremder Umgebung, mit fremden Menschen in einem ganz kalten Raum, also nicht von der Temperatur her, sondern wirklich von der Gestaltung des Raumes her. Und wie gesagt, mit vier fremden Menschen und die Kleinsten mussten da an einem Stuhl sitzen und Rede und Antwort stehen.
Das klingt für mich jetzt erst mal wie eine Erwachsenenbefragung.
Total.Das war alles andere als kindgerecht.
Beim zuständigen Amtsgericht werde ich bald noch mehr Einblicke bekommen in den Umgang mit Kinderzeugen in Deutschland – Einblicke, die ernüchternd sein werden für mich.
Die Kinder seien einzeln befragt worden, erzählen mir Miriam und Mia – und dabei verunsichert gewesen. Eltern durften als Beobachter dabei sitzen. Konkrete Übergriffe oder einen Täter benennen die Kinder bei den Befragungen nicht. Der beschuldigte Erzieher schweigt. Und das war es. Von der Staatsanwaltschaft heißt es dazu:
Das Ermittlungsverfahren ist hier mangels Tatverdacht eingestellt worden, weil aussagetüchtige Zeugen nicht zur Verfügung standen…
Staatsanwaltschaft Osnabrück
Mit diesem Schriftstück, was man dann letztendlich bekommen hat, ging so eine Wut und eine gewisse Ohnmacht einher. Na ja, einfach, dass so was nicht zu Ende geführt wird.
Mein Sohn sagt heute noch, mir wird nicht geglaubt.
Ja, so fühlt es sich an.
Wurde hier wirklich ausreichend ermittelt?! Ich werde das hinterfragen.
Ein Gedanke beschäftigt mich aber auch: Missbrauchte Kinder sind meist die einzigen Zeugen des Missbrauchs - wie verlässlich sind ihre Aussagen?! Das frage ich Dr Anke Elisabeth Ballmann.
Aus Ihrer Erfahrung, sowohl als ehemalige Kita Leiterin als auch als Psychologin - wo siedeln Sie die Glaubwürdigkeit von Kinderaussagen an?
Dr Anke Elisabeth Ballmann: Ich sage, 3jährige Kinder können sich so was nicht ausdenken und denken sich das auch nicht aus. Natürlich sind Kinder phantasievoll in den magischen Phasen. Da geht es um Krokodile, die unterm Bett leben und die Dinge, die in einer Kinderwelt stattfinden. Aber jemand, der den Finger in den Popo eines Kindes steckt, das findet nicht in deren Fantasie statt.
Ann Heigl: Was brauchen denn Kita-Kinder für eine Umgebung, damit die Chance, dass sie sich öffnen maximal ist?
Dr Anke Elisabeth Ballmann: Je jünger die Kinder sind, umso wichtiger ist es, dass der Raum, in dem sie befragt werden, dass der kindgerecht gestaltet ist. Man braucht wirklich eine Wohlfühlatmosphäre, um die Kinder zu befragen.
Weil wenn da vier Erwachsene drin sind und eine Kamera und drei Legosteine, das hält kein dreijähriges Kind aus. Die Kinder haben Angst in dem Moment.
Am Tag darauf: Ich bin auf dem Weg in die Kita, in der die sexuellen Übergriffe passiert sein sollen. Das Arbeitsverhältnis mit dem Erzieher wurde aufgelöst – laut Kita-Leitung sei der Grund gewesen, dass es gleiche mehrere Anschuldigungen gegeben habe.
Tatsächlich sind auch zwei Erzieherinnen, die hier weiterhin tätig sind, bereit mit mir zu sprechen. Ohne Kamera. Was ich von ihnen über den Ablauf der Ermittlungen höre, erschreckt mich erneut.
Ann Heigl: Sie fühlen sich hilflos, machtlos und sie verstehen nicht, warum sie bis heute nicht befragt wurden. Das haben mir die beiden Erzieherinnen eben gesagt. Denn die betroffenen Kinder haben sich auch ihnen geöffnet, haben sehr genau erzählt, was ihnen passiert ist. All das ist schriftlich festgehalten in den Kinderakten - nur wurden die nie angefordert von der Staatsanwaltschaft zur Einsicht.
Ich fahre zum Amtsgericht Osnabrück. Hier bekomme ich zunächst die Möglichkeit mir den Raum anzusehen, in dem die Kinder befragt wurden.
Damaris Fleige ist Richterin hier und zeigt mir alles.
Dass dieser Raum für die Befragung sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen genutzt wird, macht mich stutzig.
Was ich dann zu sehen bekomme - auch…
Das ist unser Raum für Videovernehmungen…
In unserem Fall bedeutet das: In diesem Raum saßen jeweils ein Kind - dazu eine befragende Richterin, ein Gutachter und ein Prozessbegleiter. Bei manchen Befragungen waren auch Eltern dabei.
Alle Aussagen wurden per Videokamera aufgezeichnet. Zur Erinnerung: Eine altersgerechte Wohlfühlatmosphäre sei wichtig, damit Kinder sich öffnen können - das sagen Fachleute. Bis auf das kleine Regal mit Spielsachen wirkt hier allerdings nichts kinderfreundlich auf mich!
Es ist nüchtern… Im Vordergrund standen erstmal die technischen Voraussetzungen es muss gut verständlich sein - wie haben immer wieder mit dem Ton probiert. Deshalb ist auch nicht so viel hier drin. Je mehr man hier reinpackt, desto mehr schluckt es auch den Ton.
Durch meine Recherchen weiss ich, dass im Ausland behördliche Kinderbefragungen ganz anders ablaufen. Beispiel: Skandinavien! In sogenannten Barnahus, also Kinderhäusern, werden Kinder befragt, die beispielsweise Opfer sexueller Gewalt wurden. Alles dort ist auf kindliche Bedürfnisse ausgerichtet - um dabei zu helfen, dass Kinder sich öffnen können.
Wie muss sich dagegen eine solche Umgebung für Kinder im Kita-Alter anfühlen?! Die noch dazu über sexuelle Übergriffe sprechen sollen…
Wenn ein Kind sich in dieser Umgebung nicht öffnen kann, wie lange wird befragt, wann wird aufgeben und warum? RICHTERIN: Im Zweifel wird abgebrochen und man verabredet sich nochmal. Im Ermittlungsverfahren entscheidet die Staatsanwaltschaft, was gemacht wird oder nicht.
In diesem Fall wurden die Kinder genau einmal befragt. Und die Kita-Fachkräfte, mit denen ich gesprochen habe, gar nicht. Warum - diese Fragen lässt die Pressestelle der Staatsanwaltschaft unbeantwortet. In Bezug auf den beschuldigten Erzieher heißt es den Eltern gegenüber:
Ich kann ihm eine strafbare Handlung mit der für die Anklageerhebung erforderlichen Sicherheit nicht nachweisen.
Staatsanwaltschaft Osnabrück
Ich möchte auch wissen, was der ehemals Beschuldigte zu den Vorwürfen sagt. Doch meine Anfrage über seinen Anwalt bleibt unbeantwortet. Eine Wiederaufnahme des Verfahrens wird es nicht geben. Aber - ein Hilfsangebot, das gibt es….
Hallo. Jetzt sind wir komplett!
Weil die Ermittlungen eingestellt sind, haben die Familien auch keinen Anspruch auf therapeutische Hilfe. Dr Anke Elisabeth Ballmann möchte deshalb mit ihre Stiftung „gewaltfreie Kindheit“ unterstützen und begleiten. Sie schreibt:
Eine meiner ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen bietet allen Eltern die das möchten eine kostenlose Sitzung an.
Es rührt mich alt einfach grad mega doll. Ich bin einfach sehr sehr dankbar und freu mich da drüber. Sorry.
Gar nicht sorry. Ich freu mich!
Immerhin eine kleine Hilfe, die ich vermitteln konnte. Und die Dankbarkeit dafür macht mir noch einmal sehr deutlich, wie allein gelassen sich die Eltern gefühlt haben bisher.