Ein Roboter für mehr Teilhabe / Kassel
Wir besuchen Pia im Klinikum Kassel. Nur einer von etlichen Aufenthalten, hier auf der Kinderkrebs-Station. Im Mai 2021 bekommt sie die schreckliche Diagnose.
Pia Schüler-Springorum Krebs-Patientin
"Am Anfang war's auf jeden Fall einfach nur krass. Die ersten Tage hier auf Station, die Leute waren zwar super lieb, aber es war für mich einfach nur schrecklich. Ich wollte nur nach Hause. Ich hab immer nur geweint, wenn ich her musste!"
Ihr Kampf gegen die Erkrankung gleicht einer Achterbahnfahrt. 2022 kann sie die sehr seltene Form von Muskelkrebs erst besiegen, doch er kommt zurück. Durch die Therapien entwickelt sich zusätzlich Blutkrebs. Ihr schwaches Immunsystem lässt Schule nicht zu - dabei ist es die, die ihr besonders fehlt.
"Man ist ja auch total isoliert, also ich durfte ja kaum mit Freunden irgendwie raus, einfach wegen Infektionsgefahr und weil man ja viel zu schwach ist. Und Schule war das einzige normale was es noch gab, das war das einzige was ICH steuern konnte. Wo keine Ärzte mir reingeredet haben, wo keiner irgendwie was an mir gemacht hat."
Kurz nach ihrer Diagnose erfährt sie von einem kleinen Roboter, einem Avatar, der für sie in die Schule kann. Dank ihm kann sie am Unterricht teilnehmen.
Freistand
"Siehst du das so?" "Ja, so ist gut"
Die 18-Jährige muss dank "Ivy", so hat sie den Avatar getauft, kein Schuljahr mehr wiederholen und macht in diesem Jahr sogar ihr Abitur an der Georg-Christoph-Lichtenberg-Schule in Kassel, gemeinsam mit ihren Mitschülerinnen.
Johanna Heinrich Mitschülerin von Pia
"Wir kamen ja alle so ein bisschen aus dem Lockdown raus und dann hat das auch noch mit ihr angefangen, das war halt echt nicht cool und als Ivy dazu kam, das war echt schön, sie in der Pause dabeizuhaben und dann mit ihr durch die Schule rumzulaufen."
Denn nicht nur im Unterricht, sondern auch drumherum kann Pia jetzt dabei sein. Sie verpasst nichts mehr vom neusten Klatsch und Tratsch, kann Karten spielen oder passt schon mal auf die Schulsachen von anderen auf.
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Dabei hat der Avatar viele helfende Funktionen. Er kann sich drehen, den Kopf neigen um vom Blatt oder Tablet abzulesen, grün blinken um sich zu melden und blau leuchten, wenn Pia nur Zuhören möchte - das macht sie, wenn es ihr schlecht geht. Verschiedene Gesichtsausdrücke kann Ivy auch.
(Pia spricht durch Ivy)
"Also das ist normal. Das ist verwirrt, das hab ich meistens in Mathe immer drauf, also Standard. So guckt er glücklich und wenn er traurig guckt, dann guckt er so."
Lehrerin Nicole Mahlke-Harms hat sich an den Avatar nach rund drei Jahren mehr als nur gewöhnt.
Nicole Mahlke-Harms Lehrerin
"Also ich finde, es ist ein ganz großer Zugewinn, weil wir sonst Pia quasi gar nicht mehr wahrnehmen würden und so ist sie eben anwesend über diesen kleinen Roboter und das ist eben schön zu sehen, dass sie sich beteiligen kann, dass sie Fragen stellen kann, dass sie einfach mitbekommt was ist."
Der kleine Roboter Ivy ist also wichtig. Für Pias Mitschüler, ihre Lehrer, aber vor allem für sie.
Pia Schüler-Springorum Abiturientin
"Das klingt für manche vielleicht komisch, aber wo die Sommerferien kamen und Ivy nicht benutzt wurde. Das war für mich... ich war richtig einsam, weil ich diese Möglichkeit nicht mehr hatte und kaum war die Schule wieder da, das neue Schuljahr, da war's wieder besser."
Auf den Avatar aufmerksam wurde Pia über den Verein für krebskranke Kinder in Kassel. Claudia Röllke besucht die Kinder-Onkologie-Station mehrmals in der Woche, versucht die Zeit zwischen den Therapien so angenehm wie möglich zu gestalten. Der Verein hat die Avatare der norwegischen Firma "No Isolation" angeschafft, denn sie werden nicht von der Krankenkasse bezahlt. Sie sind aus Spendengeldern finanziert, auf die der Verein angewiesen ist.
Claudia Röllke Verein für krebskranke Kinder Kassel
"In Deutschland besteht ja nunmal die Schulpflicht, also alle Kinder, auch onkologische Kinder, die erkranken müssen beschult werden. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen Avatare anzuschaffen und haben im Laufe der Zeit immer mehr dazubekommen, und haben jetzt 8 Avatare, die wir den Patienten der Station zur Verfügung stellen können, also der Kinderonkologie."
Pia hat der Avatar also sehr geholfen - und sie hilft auch anderen. Auf TikTok und Instagram postet sie Updates von ihrem Kampf gegen den Krebs und will anderen so Mut machen.
Pia Schüler-Springorum Abiturientin
"Also ich bin jemand, ich sehe das Glas mehr so halb voll als halb leer, weil... also natürlich ist es scheiße so und es ist auch nicht schön hier zu sein, aber wenn ich jetzt halt die ganze Zeit noch traurig bin, dass ich hier bin, das macht es noch schlechter und noch schlimmer."
Muskelkrebs im vierten Stadium, 69 Bestrahlungen, dazu etliche Operationen und Chemotherapien. Jetzt hofft sie auf eine Stammzellentransplantation, damit sie den Blutkrebs loswerden kann. Pia glaubt, dass sie auch wegen ihrer positiven Art all das durchsteht - eine starke junge Frau, die dank eines kleinen Roboters mehr vom Leben hat.