Die Eltern, die mich zu Hiilfe rufen, wollen nicht erkannt werden. Sie haben nach eigenen Worten Angst, ihre Kita-Plätze endgültig zu verlieren, wenn sie die Zustände öffentlich machen. Immer wieder falle die Betreuung aus, die Eltern müssen spontan freinehmen.
OT Mutter
Eine Ermahnung habe ich schon. Ich habe Angst um meinen Job, und mein Mann genauso.
Ich kenne solche Probleme aus ganz Deutschland – doch in dieser Kita im niederrheinischen Kamp-Lintfort ist es offenbar extrem. Seit einigen Monaten werden Kinder hier offziell nach einem Rotationssystem betreut – sie dürfen nur noch an bestimmten Tagen kommen.
OT Mutter
Wenn Sie in die Kita gehen, sind nicht alle Räume geöffnet, die Spielpartner, die sie normalerweise haben, sind nicht da.
Und immer wieder – so hatten mir die Eltern berichtet - mache die Kita sogar spontan komplett dicht.
OT Thorsten
Das stellt die Eltern vor eine große Herausforderung, wenn sie so kurzfristig nach einer Betreuung suchen müssen.
Angeblich sollen einigen Eltern sogar Konsequenzen angedroht worden sein, sollten sie die Probleme öffentlich machen. In einem Chat zwischen Kita-Eltern heißt es:
Zitat Mutter (Over Voice)
Ich wurde im Büro gefragt, wer RTL geholt hat. Ich habe gesagt, dass ich es nicht weiß, wer es veranlasst hat oder Kontakt zu RTL aufgenommen hat.
Damit werde ich die AWO später konfrontieren. In dieser Familie sind beide Elternteile berufstätig. Seit Oktober letzten Jahres gebe es für ihre drei und vier Jahre alten Söhne massive Einschränkungen – viel zu oft klingele das Telefon, und dann müssten Freunde und Bekannte spontan unterstützen.
OT Vater
Meine Frau und ich versuchen es so zu regeln, dass wir jemanden einbinden und weitere Personen eintragen, die sich kurzfristig darum kümmern können, dass die Kinder abgeholt oder betreut werden.
Die AWO wird das später mit unbesetzten Stellen und krankheitsbedingten Ausfällen in der Einrichtung begründen und beruft sich dabei auf ein bundesweites Problem im Bereich der Kinderbetreuung. Daher müsse man auch in Kamp-Lintfort geeignete Maßnahmen ergreifen.
OT Thorsten
Es gibt da ein sogenanntes Flexibles Modell, dass man nur tageweise kommt oder die Kinder hinbringen kann. Wie läuft das ab?
OT Mutter
Da sind zwei Wochenpläne, und die Kinder sind in Gruppen eingeteilt. Und wenn dann über die Kita-App eine Nachricht kommt, ab der kommenden Woche müssen wir wieder zum Flex-Care, so heißt das System von der AWO. Und manchmal sind es wirklich nur zwei Tage die Woche, wo das Kind dann hin darf.
Wir haben uns bereits mehrfach an Träger und Behörden gewandt, doch es tut sich kaum etwas, hatte uns eine Familie geschrieben. Ich will helfen und wende mich zunächst per E-Mail an den AWO-Kreisverband Wesel - der ist zuständig für die betroffene Einrichtung. Da ich einmal vor Ort bin, möchte ich zumindest versuchen, auch ein persönliches Gespräch zu führen. Ich will wissen…
OT Thorsten
…gibt es hier bereits Pläne, die Situation zu verbessern?
- Musikauftakt / Trenner -
Tatsächlich konnte ich kurz mit dem Sprecher der AWO reden. Die Sorgen der Eltern würden sehr ernst genommen, versichert er mir. Aber ein Fernseh-Interview wolle man aktuell nicht geben. Das bekomme ich später auch schriftlich:
OT Thorsten
Aufgrund aktueller Prioritäten fehlt uns derzeit leider die nötige Zeit, um mit Ihnen ein Gespräch vor Ort und vor der Kamera über unsere Kita in Kamp Lintfort zu führen. Man möchte sich aber ausführlich zu meinen Fragen schriftlich äußern.
Ich werde weiter nachhaken – und am Ende tatsächlich einiges erreichen! Zunächst möchte mir selbst ein Bild von besagter Kita machen. Sie liegt direkt am Rande eines Neubaugebietes. Zurzeit werden hier 91 Kinder betreut, theoretisch. Sie sind verteilt auf sechs Gruppen. Heute Vormittag wirkt hier alles sehr ruhig, nur vereinzelt höre ich Kinderstimmen. Durch eine Glasschleuse im Eingangsbereich erfahre ich lediglich, dass heute normaler Kita-Betrieb sei, dann bittet man mich zu gehen.
OT Thorsten
Das Gebäude macht einen sehr schönen und modernen Eindruck auf mich, also schade, dass es die Probleme gibt.
Dafür aber eine Nachbarin, die direkt gegenüber wohnt. Sie hat auch schon vom Unmut der betroffenen Familien gehört und könne die Sorgen aus eigener Erfahrung nachvollziehen.
OT Thorsten
Wir sind gerade zufällig ins Gespräch gekommen, als ich mir die Kita angeguckt habe. Sie müssen auch wieder ran, an die Erziehung, aber nicht drüben, oder?!
OT Nachbarin
Nein, privat. Meine Schwiegertochter hat im November ihre Elternzeit rum, und hat keinen Kita-Platz in Kamp-Lintfort für ein einjähriges Kind bekommen.
Nicht alle Familien haben das Glück, dass die Großeltern in der Nähe wohnen. Ich habe mich mit anderen Betroffenen verabredet, darunter auch eine alleinerziehende Mutter, die nicht weiß, wie lange sie das noch mit ihrem Job vereinbaren kann. Alle möchten nur verdeckt gefilmt werden. Eigentlich wollten noch mehr Eltern zu dem Treffen mit mir kommen, doch dann habe man angeblich Druck auf sie ausgeübt.
(Nochmal das Zitat aus dem Eltern-Chat, diesmal mit Themenbilder Spielplatz vor Ort)
Ich wurde im Büro gefragt, wer RTL geholt hat. Ich habe gesagt, dass ich es nicht weiß, wer es veranlasst hat oder Kontakt zu RTL aufgenommen hat.
Und dann erfahre ich noch ganz andere Dinge. Laut dieser Mutter herrsche großer Spardruck, den die engagierten Erzieher und Erzieherinnen sogar privat auszugleichen versuchten.
OT Mutter
Das Personal versucht alles. Es werden Ausflüge gemacht, die von Erziehern bezahlt werden. Material, das von Eltern oder Erziehern gespendet wird, für die Schultüten eta - das hat eine Erzieherin komplett aus eigener Tasche bezahlt.
Auch dazu haben die AWO um eine Stellungnahme gebeten, doch bis zum Ende unserer Dreharbeiten keine Antwort erhalten.
Weil die Kita aber so oft ausfalle und das überforderte Personal ansonsten zu wenig Zeit für individuelle Betreuung habe, erzählt mir diese Mutter sogar von Entwicklungsverzögerungen, die bei Kindern beobachtet habe. Fünfjährige könnten kein einfaches Strichmännchen malen oder mit einer Schere Formen aus Papier ausschneiden.
OT Mutter
Selbstgemalte Bilder mit nach Hause zu bringen, gibt es gar nicht. An Muttertag, Vatertag, irgendwas zu basteln gibt es auch nicht. […] Uns hatte man auch versprochen, dass sie frisch mit den Kindern kochen.
Es sei nicht sachgerecht, individuelle Entwicklungsstände ausschließlich der Kita zuzuschreiben, so die AWO. Man würde auf Grundlage eines geprüften pädagogischen Konzepts arbeiten und regelmäßige Entwicklungsgespräche mit den Eltern führen.
OT Mutter
Es gab erst ein Entwicklungsgespräch.
In Deutschland fehlen zehntausende Fachkräfte. Eltern und Erzieherinnen stehen unter massivem Druck. Wir sprechen Bundesfamilienministerin Karin Prien auf die Situation in Kamp-Lintfort an. Sie sagt uns: die Bundesregierung wolle zügig den Weg freimachen für weitere Erzieherinnen und Erzieher – denn gerade aus der Ukraine seien ausgebildete Fachkräfte eigentlich schon hier, dürften aber bisher nicht arbeiten.
OT Karin Prien, Bundesfamilienministerin
Zurück in Kamp-Lintfort. Unser Dreh hat offensichtlich für Aufruhr gesorgt. Zwei Mütter erzählen mir, dass ihnen sogar angeblich mit Kündigung der Kita-Verträge gedroht worden sein soll. Ich will jetzt vom Pressesprecher der AWO wissen, was es mit diesem angeblichen Druck auf sich hat.
OT Thorsten frei
Ich habe von mehreren Eltern gehört, dass Ihnen gedroht wurde die Kindergartenplätze wegzunehmen.
OT AWO Sprecher / Gedächtnisprotokoll
Das ist völliger Unsinn. Da können Sie auch gerne meine Nummer an alle weiterleiten. Ich würde gerne wissen, wer sowas in Umlauf bringt. Das ist ja rufschädigend.
Der AWO-Sprecher schlägt vor, dass sich stellvertretend eines der Elternteile bei ihm meldet. Sollte so eine Äußerung aus den Reihen der AWO gekommen sein, werde er der Sache nachgehen, denn so könne man natürlich nicht mit Familien umgehen.
OT Thorsten
Dann bin ich beruhigt und danke Ihnen für das offene Gespräch.
Das ich als sehr fair empfunden habe. Und tatsächlich – schon wenige Tage später gibt es bereits konkrete Pläne für die Kita am Volkspark. Das hatte mir eine Familie mitgeteilt, die ich daraufhin noch einmal treffe.
O-Ton
Und auch das pädagogische Arbeiten solle mehr ausgebaut werden, bei dem auch die Wünsche der Eltern mehr berücksichtigt werden sollen
OT Thorsten
Wenn wir ein bisschen was bewirken können, freut mich das natürlich.
OT Mutter
Ja… uns auch.
Ich werde mit den Eltern in Kontakt bleiben und mir anhören, wie die Zusagen umgesetzt werden. Aber ich freue, dass ich helfen konnte – und alle nun wieder deutlich positiver in die Kita-Zukunft blicken.