„Das ist Wucher!”: Plötzlich um 100 Prozent teurer! Droht uns jetzt der Wasser-GAU?
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Wasser aus dem Hahn wird für viele Haushalte spürbar teurer. In einem kleinen Dorf in Thüringen trifft es die Bewohner besonders hart. Wenn RTL-Zuschauerin Doreen Raßlaff morgens den Wasserhahn aufdreht, ist der Ärger sofort da. Kaffee kochen, Hände waschen oder die Toilette spülen – jeder Handgriff kostet plötzlich deutlich mehr Geld.
Wenn Doreen Raßloff in diesen Tagen den Wasserhahn aufdreht, dann ärgert sie sich ganz schön. Egal ob für den Kaffee am Morgen, zum Kochen, Händewaschen oder die Toilettenspülung. Jeder Liter, den sie verbraucht, kostet jetzt deutlich mehr. Um sagenhafte 107 Prozent hat der örtliche Versorger den Preis erhöht. Das bringt sie und etwa 600 andere Bewohner des kleinen Dorfes Höngeda in Thüringen so in Rage, dass sie uns geschrieben haben.
„Guten Tag. Kommen Sie rein.“
Drinnen im Haus liegt schon die Rechnung bereit, die der Wasser-Zweckverband Doreen Raßloff geschickt hat. „Das war unser bisheriger Abschlag. 73 € quartalsmäßig zu zahlen. Und jetzt sind wir im Quartal bei 176 €.“ „Ach du Himmel. Das grenzt nicht an Wucher. Das ist Wucher.“
1,65 Euro kosteten 1000 Liter Wasser bislang in Höngeda, nun sind es 3,41 Euro. Weil gleichzeitig die Grundgebühr verdoppelt wurde, zahlen Doreen Raßloff und ihr Mann nun etwa 350 Euro im Jahr mehr. „Wenn mein Handytarif zu teuer wird. Ja, klar, Da schaue ich mich nach einem anderen Anbieter um oder mein Stromanbieter, wechsle ich im nächsten Jahr. Aber hier Das Trinkwasser beziehen wir von diesem Verband und haben gar keine Möglichkeit, das Wasser von irgendwo anders her zu beziehen. Wir sind ja gezwungen, ja diese Preise zu zahlen.“
Grund für den Anstieg sollen angeblich hohe Reparaturkosten für Leitungen sein – was der Versorger dazu sagt, das will ich mir später noch anhören. Erst mal geht’s zu Familie Rausch, die Luftlinie etwa zwei Kilometer entfernt wohnt. Ob beim Gießen im Garten oder wenn der Geschirr-Spüler läuft, müssen die Rauschs draufzahlen. 200 Euro mehr als bisher pro Jahr. Was die Familie zusätzlich ärgert: auf ihren Widerspruch antwortet der Wasser-Zweckverband nach ihrer Wahrnehmung mit einer Drohung. Er sei formell unzulässig, sie solle ihn schnell zurücknehmen.
„Wenn ich ihn nicht zurückziehe, geht es in die Rechtsabteilung bei Ihnen und würden für mich erhebliche Kosten entstehen. Du hast das eben hinzunehmen. Und wenn nicht, wird gleich gedroht. So sieht's aus. Ich habe es natürlich nicht zurückgezogen.“ Wehren wollen sich auch andere Dorfbewohner. Auf dem Platz vor der örtlichen Kegelbahn hat sich ein Teil von ihnen versammelt. „Man hat ja dafür auch Geld eingenommen. Wo sind die Gelder hin? Das interessiert uns eigentlich genau. Man hat absolut keinen Einblick und es ist nicht nachvollziehbar, was jetzt passiert.“
„Es wurde jetzt festgestellt, dass alles marode ist und das hätte man viel früher schon feststellen können und das punktuell anheben. Es wird alles teurer. Klar, aber nicht in dem Umfang und nicht mit einem Mal.“
„Was ist Ihre Sorge dann für die nächsten Jahre?“
„Dass das generell so bleibt und vielleicht sogar noch mehr wird? Sollte mal wieder irgendwo eine größere Reparatur sein? Man weiß es ja nicht.“
Aber wie ist das mit dem Wasser und dem Preis dafür überhaupt geregelt? Das will mir Saidi Sulilatu von der Zeitschrift Finanztip erklären. Es gebe in Deutschland viele teils auch sehr kleine Versorger: für jede Region oder Stadt ist EIN Zweckverband oder EINE Firma zuständig, in beiden Fällen steht dahinter oft der Staat. Dass es nicht mehrere Anbieter gibt, liegt daran, dass kein deutschlandweites Wassernetz existiert und die Infrastruktur jeweils sehr teuer ist. „Das ist eben nicht so einfach, wie einfach mal Strom ins Netz einzuspeisen, sondern Wasser muss gereinigt werden. Das muss einwandfrei sein. Und gleichzeitig geht es da halt auch um eine Grundversorgung, eine Daseinsvorsorge, kann man sagen.“
Vorteil des Modells: beim lebensnotwendigen Wasser geht es nicht um große Profite. Aber wo es nur einen Anbieter gibt, haben Kunden keine Wahl und müssen steigende Preise fast immer akzeptieren. Der Staat verlangt deshalb Kontrollen: über das Kartellamt oder kommunale Parlamente, die Preise genehmigen müssen. Doch wird den Versorgern wirklich auf die Finger geschaut, will ich von unserem Experten wissen.
„Ja, das auf die Finger schauen bei Preiserhöhungen, insbesondere bei der Wasserversorgung, das ist in Deutschland, würde ich sagen, tendenziell mangelhaft. Denn einerseits schauen die Kartellämter da aus meiner Sicht nicht wirklich ganz gut hin. Und auch die Entscheidungen der Kommunalparlamente kann man ja durchaus als Bürgerin oder Bürger des Inneren andere mal kritisieren.“
Sicher ist jedenfalls: die Wasserpreise sind seit 2020 deutlich gestiegen, im Bundesdurchschnitt um fast 29 Prozent. Das trifft nicht nur Hausbesitzer, sondern über die Nebenkosten auch die Mieter. Und es gibt extreme regionale Unterschiede. Unser Preisvergleich für jeweils 1000 Liter, was fünf bis sechs Badewannen-Füllungen entspricht. Günstig sind die in Köln mit 1,29 Euro, in München kostet diese Menge 1,86 Euro, in Görlitz in Sachsen 2,19 Euro. Kräftiger zur Kasse gebeten werden Verbraucher in Potsdam: 2,76 Euro kosten 1000 Liter dort. Birkenau in Hessen ist bundesweiter Spitzenreiter 6,91 Euro zahlen Kunden dort. Fast überall im Land gilt laut unserer Auswertung beim Wasser eine einfache Formel: wer in der Stadt lebt, der spart meist.
„Dort nämlich gibt es viele Verbraucher und das Leitungsnetz ist vergleichsweise kurz. Auf dem Land ist es genau andersherum. Wenige Abnehmer und zu ihnen oft lange Wasserleitungen – das macht die Infrastruktur dort teurer.“
Wenige Tage nach meinem ersten Besuch bin ich noch einmal unterwegs nach Thüringen – im kleinen Dorf Höngeda hat der Wasserversorger die Preise für tausende Kunden um mehr als 100 Prozent angehoben. Die Gründe will mir der Chef heute erklären.
„Hallo Herr Konkel…“ Christian Konkel leitet den Versorger erst seit etwa 10 Monaten und er sagt: die Kunden müssen jetzt für Fehler blechen, die die vorheriger Chefs gemacht hätten.
„Das Netz ist in einem sehr maroden Zustand. Also wir hatten. In der zehnten Kalenderwoche hatten wir schon 17 Rohrbrüche, also, und das ging jetzt sukzessive weiter. Ich habe jetzt die aktuelle Zahl nicht, aber wir sind mindestens jetzt schon bei 30 Rohrbrüchen und mehr.“
Auf der Dorfstraße sind noch die Spuren vergangener Flickschusterei zu sehen. Die Sanierung, die jetzt kommen muss, ist teuer. Zusätzliches Problem: der Versorger beliefert nur 10.000 Kunden. Deshalb müssen wenige Haushalte für die Reparaturen zahlen. Christian Konkel will eine Fusion mit einem anderen Zweckverband. Mehr Kunden, weniger Belastung für den einzelnen – das ist die Rechnung dahinter.
„Ja, langfristig könnte das schon mit einer Gebührensenkung einhergehen.“
Für die Bewohner von Höngeda ist das schon mal eine gute Nachricht. Doch auch anderswo in Deutschland gibt es momentan häufig solche Schlagzeilen: die Thüringer Landtagsabgeordnete Martina Schweinsburg (CDU) fordert deshalb eine Reform. Zum Beispiel eine Mindestzahl von Kunden für Wasserversorger.
„Das können 25000, 30000 oder 40.000 sein, aber 10.000? Auf keinen Fall. Das ist Unsinn. Und das funktioniert auch wirklich nur so lange, wie dort keine Investitionen notwendig sind.“
Der Staat müsse Zusammenschlüsse fördern, damit es am Wasserhahn nicht noch teurer wird, so die Politikerin. Ganz schön kompliziert, wie die Wasserpreise in Deutschland berechnet werden. Und nicht immer, so mein Eindruck, stehen die Kunden da im Mittelpunkt. In Höngeda sind sie noch immer sauer über die Erhöhung – Bewohner wie Doreen Raßloff und Marlies Rausch wollen sich nun juristisch gegen die Preisexplosion wehren. Ihre Chancen sind aber laut Experten gering.
