Im Grunde hat sich wenig verändert. Gil Ofarim ist ein Mann, der schwer lesbar ist. Nur noch schlanker ist er geworden. Elf Kilo insgesamt. Sehnsucht nach Ruhe und Schlaf, nach einem Flug um die halbe Welt kann warten. Am Nachmittag treffen wir ihn zum Interview in unserem Sendezentrum.
„Was würdest du sagen, war dein größter Fehler in den letzten fünf Jahren?"
„Gut, das ist sehr naheliegend. Die Art und Weise und das Video zu posten. Auf jeden Fall. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Das tue ich auch."
„Was hast du zu tun?"
„Naja, ich habe etwas zu überweisen."
Seine eh schon, nennen wir es mal aufsehenerregende Vita ist seit knapp drei Wochen um ein wahnsinniges Kapitel reicher. Vom Geächteten nach seinem Davidstern-Skandal zum Sensationssieger im australischen Dschungel. Die Fassungslosigkeit auch bei ihm selbst ist omnipräsent.
„Unwirklich. Ich kann es noch gar nicht greifen. Ziemlich verrückt, wie so ein Fiebertraum."
Wie oft hat er in den letzten Jahren, Monaten, aber besonders den vergangenen Wochen die Frage gestellt bekommen: Warum entschuldigst du dich nicht öffentlich, so wie sich das gehört? Bei dem Hotelmitarbeiter, dessen Leben ein anderes wurde durch falsche Anschuldigungen an diesem Oktoberabend 2021 in Leipzig.
„Es tut mir leid für alle Beteiligten, was da war. Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Ich kann nicht. Das ist alles. Nur. Hätte, hätte, Fahrradkette."
„Also würdest du dieses Video, Hättest du es einfach nicht hochgeladen?"
„Nein."
„Oder erst gar nicht gedreht?"
„Wahrscheinlich ja. Dann hätte ich es nicht gemacht."
Mittlerweile hat sich der Hotelmitarbeiter zum Ersten Mal selbst geäußert über angebliche Morddrohungen wegen der falschen Behauptungen, er sei ein Antisemit. Über angeblich immer noch nicht gezahlten Schadenersatz, über Ofarims Inszenierung als Opfer.
„Fühlst du dich als Opfer?"
„Nein, ich, ich spreche einfach nicht mehr darüber."
„Und jetzt hast du ja durch den Gewinn 100.000 € gewonnen. Als Dschungelkönig. Was machst du mit dem Geld?"
„Ich habe keine Ahnung."
„Hast du dir, als du gelandet bist, am Flughafen die Zeit gekauft?"
„Nein."
„Da hat nämlich der Markus W. ein Interview gegeben. Und er hat unter anderem gesagt, dass er noch immer auf seine 20.000 € Schadensersatz wartet von dir."
„Okay, jetzt höre ich das von dir, dass es anscheinend er selber gesagt hat. Dann weißt du ja, wo die Kohle hingeht."
Der 43-jährige weiß. Die Geschichte endet nie. Sie wird ihn sein Leben lang verfolgen.
„Wenn du ihm jetzt noch mal begegnen würdest, was würdest du ihm sagen?"
„Habe ich mir keine Gedanken gemacht? Weiß ich nicht."
„Wir haben Zeit."
„Wir haben Zeit."
„Und jetzt die Chance hättet, euch zusammenzusetzen. Was würdest du ihm gerne sagen?"
„Also, wenn er das wollen würde, würde ich das machen. Kein Problem. Ich bin nicht das, über was geschrieben steht. Ich fange von vorne an, wirklich bei Null. Ich habe weder irgendeine Platte, die ich ab morgen verkaufe oder auf Tournee gehe."
Ist Ofarim im Dschungel ein anderer geworden? Selbstreflektierter, ehrlicher zu anderen und zu sich selbst vielleicht. Zumindest geht ihm leichter über die Lippen, dass ihm der größte Fehler seines Lebens leid täte.