Kemal A. muss diese Handschellen erstmal nicht mehr tragen. Er darf unter Auflagen wieder frei herumlaufen.
Dabei wiegen die Vorwürfe gegen ihn schwer...
Juni 2024. Vor dieser Bar in Leipzig soll es zwischen dem damals 41-Jährigen und einem anderen Mann zum Streit gekommen sein.
Katrin Seidel, Sprecherin Landgericht Leipzig: "Und diesen Mann soll er in den Rücken gestochen haben und in den Kopf, sodass unter anderem eine zentrale Arterie verletzt wurde. Der Mann ist schwer verletzt, schwer blutend gewesen. Er hat viel Blut verloren, erhebliche, lebensgefährliche, lebensbedrohliche Verletzungen erlitten."
Eine Not-OP rettet dem Mann zunächst das Leben, wenige Monate später stirbt er dann aber doch an seinen schweren Verletzungen.
Schon kurz nach der Tat stellt sich Kemal A. selbst der Polizei. Im April vergangenen Jahres beginnt dann der aufwendige Prozess gegen ihn.
Doch jetzt, ein Jahr später: der Abbruch.
Gerichtssprecher: "Das Verfahren wurde ausgesetzt, nachdem ein Mitglied der Kammer aufgrund Mutterschutzfristen nicht mehr an der Verhandlung teilnehmen konnte. // Nach der Strafprozessordnung müssen Verfahren immer innerhalb von drei Wochen fortgesetzt werden. Ansonsten schreibt das Gesetz vor, dass das Verfahren neu beginnen muss."
{Heißt: Nicht eine einzelne Person ist der Grund, sondern strenge gesetzliche Fristen und feste Verfahrensregeln.}
Dass das Verfahren überhaupt so lange gedauert hat, liegt daran dass Kemal A. immer wieder krank ist.
Dass Angestellte in Mutterschutz gehen, ist aber doch ganz normal und kommt meist nicht überraschend. Warum könnte man da nicht einfach eine Elternzeitvertretung einstellen...?
Gerichtssprecher: "Auch insoweit schreibt das Gesetz wieder vor, dass eine begonnene Hauptverhandlung immer in der Besetzung auch beendet werden muss, die begonnen hat. Es ist also nicht möglich, jemanden zusätzlich in das Verfahren einzubinden."
Bürokratische Hürden die offenbar an der Realität vorbei gehen - und viel Zeit und Geld kosten...
Jetzt heißt es nämlich: Alles auf Anfang.
Über 40 Zeugen müssen noch einmal gehört werden.
Für die Familie des Opfers WOHL ein schwerer Rückschlag.
Sprecher der Organisation Weißer Ring: "Also das erleben wir ja beim Weißen Ring immer wieder, dass das für die Opfer eine Retraumatisierung ist.// Und wenn der Angeklagte dann auch noch auf freien Fuß kommt und dann möglicherweise die Gefahr besteht, dass das Opfer den Angeklagten beim nächsten Einkauf im Aldi neben sich sieht oder so was, dann wird es erst richtig schlimm."
Trotzdem ist auch klar: Der Abbruch ist kein Freispruch.
Kemal A. wird sich vor Gericht verantworten müssen - aber das dauert jetzt eben etwas länger...