Im Einsatz beschimpft und angezündet: Sie alle wurden Opfer von Gewalt gegen Rettungskräfte
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Die Gewalt gegen Rettungskräfte in Deutschland nimmt weiter zu. Notfallmedizinerin Carola Holzner – besser bekannt als Doc Caro – will auf die steigende Zahl von Übergriffen aufmerksam machen. Dafür besucht sie unter anderem die Freiwillige Feuerwehr in Laatzen bei Hannover, wo eine Silvesternacht zum absoluten Albtraum wurde. Außerdem erzählen wir die Geschichte von Polizist Enver G. weiter, der im Einsatz Opfer eines Brandanschlags wurde und bis heute mit den Folgen zu kämpfen hat.
Aus Helfern werden Opfer! „Weg! Weg! Weg! Fahr weg!“ Die Gewalt gegen Rettungskräfte und Notfallhelfer in Deutschland steigt! „Fick Dich! Ich fick euch alle!“
„Kannst du das noch lange so machen?“ – „Nein.“ – Dabei wollen sie nur ihren Job machen.
Tag für Tag erleben sie, wie der Respekt schwindet und der Ton in der Gesellschaft immer rauer wird.
Notfallmedizinerin Carola Holzner – besser bekannt als DocCaro – möchte in ihrer neuen Dokumentation auf Gewalt gegen Einsatzkräfte aufmerksam machen. Dafür besucht die 43-jährige die Freiwillige Feuerwehr in Laatzen bei Hannover.
Für das Team um Einsatzleiter Sven Wenger wurde eine Silvesternacht zum absoluten Alptraum:
„Wir hätten nie gedacht, dass wir jemals in eine Situation kommen, in der wir angegriffen werden, in der wir wirklich um unser Leben bangen müssen.“
Silvester 2023. Dieses Handyvideo zeigt, was den Einsatzkräften passiert ist: Plötzlich werden sie von einer Gruppe junger Männer attackiert! Mit Steinen und Eisenstangen. Die Einsatzkräfte haben Todesangst!
DocCaro trifft die Einsatzkräfte in ihrer Zentrale. Hier wollen sie zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ihre Geschichte erzählen.
DocCaro: „Ihr wart alle dabei. Das ist der Grund, warum ich hier bin, weil ich mit euch nicht nur darüber sprechen, sondern ich möchte das erfahren, das Erleben. Ich möchte wissen, wie es euch ging.“ – „Hilflosigkeit. Ja, und Angst … dafür sind wir eigentlich nicht zur Feuerwehr gegangen.“
Um besser zu verstehen, was dieser Angriff mit dem gesamten Team gemacht hat, kehrt DocCaro gemeinsam mit den Einsatzkräften an den Tatort zurück. Eine gefühlte Zeitreise – mitten in der Nacht.
„Also, ihr kamt jetzt alle … wie jeder Einsatz sonst auch.“ Am Tatort angekommen, kehren die Erinnerungen von damals sofort zurück!
„Das ist irre.“ – „Da denkt man nochmal anders drüber nach.“ Es wird plötzlich still im Einsatzwagen. Das mulmige Gefühl, die Angst, ist wieder da. „Wir biegen jetzt in die Straße ab.“ – „Ja und genau hier sind wir angehalten worden und zum Stehen gekommen.“ – „… ich habe gehofft, dass ich meine Familie und meine Partnerin wieder sehe.“
Die Mannschaft fällt – wie damals – in Schockstarre.
„Wie geht’s dir?“ – „Beschissen. Sie kamen von allen Seiten. Wir konnten auch nicht weg. Das Fahrzeug ist komplett umzingelt gewesen.“ – „Für jeden Treffer haben sie sich gefreut.“ – „Gejubelt haben sie.“
„Ich glaube einfach, den Kollegen ist bewusst geworden, was eigentlich in der Nacht kaputt gegangen ist.“
Während der Dreharbeiten kommen immer mehr Schaulustige. „Ich würde jetzt auch ganz gerne fahren. Aus der Situation raus.“
Das Krankenhaus Henriettenstift in Hannover. Hier haben sich mehrere Pflegerinnen der Notaufnahme bei DocCaro gemeldet, die auch ihre Geschichte erzählen wollen. Reporterin Marlena Busch begleitet dafür die Pflegekräfte Isabel Weiske und Maral Akkus in ihrer Nachtschicht. Beide arbeiten seit sieben Jahren hier. Gewalt gehört zum traurigen Alltag. Es dauert nicht lange bis es zum ersten Vorfall in der Notaufnahme kommt.
„Fick dich. Ich ficke deinen Staat. Ich ficke euch alle.“ Eine Patientin wird aus dem Nichts aggressiv. „Eigentlich müsste hier jemand sitzen … mir fehlt die Power gegen so jemanden sich zu verteidigen.“
Es ist kurz nach Mitternacht. Eine andere Frau kommt in die Notaufnahme. Weil kein akuter körperlicher Notfall besteht, erklärt ihr die Ärztin, dass sie gehen soll. Die Situation eskaliert. Die Frau hat offenbar psychische Probleme. Ein Sicherheitsdienst ist in diesem Moment nicht im Haus.
„Bei unseren Recherchen ist leider aufgefallen, dass es vielen Kliniken in Deutschland an funktionierenden Notfall- und Sicherheitskonzepten fehlt, dass sie es nicht schaffen ihre Mitarbeiter ausreichend zu schützen, weil sie das Problem nicht wahrhaben wollen, weil ihnen das Geld dafür fehlt und zwar nicht nur in den Krankenhäusern, sondern gerade auch bei den Einsatzkräften der Polizei.
Vergangenes Jahr trifft SternTV Polizist Enver G. Er wurde im Einsatz Opfer eines gezielten Brandanschlags. „Das Gefühl von verbrennen kann man nicht in Worte fassen.“
11.Mai 2023. Ratingen: Enver G. und eine Kollegin sind auf dem Weg zu diesem Mehrfamilienhaus. Eine ältere Dame und ihr Sohn aus der zehnten Etage sind seit Tagen nicht mehr gesehen worden. Der Polizist und seine Kollegin wollen die Wohnung routinemäßig überprüfen. Weil niemand die Tür öffnet, bricht die Feuerwehr sie auf. Enver G. und seine Kollegin betreten die dunkle Wohnung und – sehen plötzlich einen Mann.
„Die Lichtverhältnisse waren schwierig. Ich meine seine Silhouette war erkennbar also man hat gesehen, dass es eine männliche Person ein paar Meter weiter weg steht.“
Dann geht alles ganz schnell: Der Bewohner schleudert den Einsatzkräften mehrere Liter einer brennbaren Flüssigkeit entgegen – und zündet sie an.
„Das Letzte, was man gesehen hat, war er. Das entsteht ja binnen weniger Millisekunden das, was man dann halt wahrnimmt ist, dass man jetzt gerade nur noch durch Feuer rennt.“
Laut Brandgutachter entzündet sich in diesem Moment eine sechs Meter lange Stichflamme.
„Ich glaub das Gefühl von verbrennen beziehungsweise ich den Finger beispielsweise verbrennen das kennt jeder und das mal die ganze Körperoberfläche gerechnet und noch viel viel heißer. Die Flamme sie hatte zeitweise 1.000 Grad. Kann man nicht in Worte fassen.“
Panisch flüchten Enver G. und seine Kollegen zurück ins Treppenhaus. Teilweise reißt sich der Polizist dabei brennende Kleidungsstücke vom Körper. Das sind Bilder von Resten verbrannter Kleidung kurz nach dem Anschlag.
„Ich weiß auf jeden Fall, dass ich mir auf die Hände geguckt hab hängt die Haut einfach lose ab hab noch kurz überlegt ob ich die Frontkamera von meinem Handy einschalten und gucken wie ich aussehe habe aber davon abgesehen damit ich halt selbst nicht den Schock verfalle.“
Kurz nach der Explosion provoziert der Täter die eingetroffenen Spezialkräfte. Stunden vergehen, bis sie den Mann überwältigen können. In der Wohnung findet das Einsatzkommando die Leiche der verstorbenen Mutter. Zu diesem Zeitpunkt ist Enver G. lebensgefährlich verletzt. Nach drei Wochen im Koma wiegt er nur noch 55 Kilogramm. Wegen der schweren Brandverletzungen wird ihm mehrfach Haut vom Rücken auf die Beine transplantiert. Es sind Wunden, die damals besser abheilen als die seelischen Schäden.
„Ich hab mir Vorwürfe gemacht dauerhaft dass ich irgendwas falsch gemacht hab weil ich mir andersrum das Ergebnis nicht erklären konnte auch wenn jemand gesagt hat bei uns alles richtig gemacht muss sich die Situation für mich komplett runterbrechen und Stück für Stück mich in die Situation wieder hineinversetzen nochmal alles durchgehen immer und wieder die Frage stellen was man übersehen hat um Final zu beantworten wie sonst dieses Ergebnis zustande kommen konnte.“ – „Was hat ihnen denn Kraft gegeben?“ – „Zu wissen, dass ich nicht allein bin.“
Als Enver G. in die Reha wechselt, überraschen ihn seine Kollegen vor der Spezialklinik in Bochum. Hier entsteht dieses Video, das bis heute mehr als 26 Millionen Menschen bei Instagram gesehen haben.
„Hab direkt geweint also nicht mal 2-3 Sekunden sacken lassen sondern direkt als ich angefangen hab zu realisieren ab der ersten Sekunde geweint.“
Mit diesem Video bedankt sich der Polizist bei all jenen, die ihm in dieser schweren Zeit beigestanden haben. Sein Appell an Kolleginnen und Kollegen: „Schätzt einander (…) und noch wichtiger: Passt immer gut auf euch und aufeinander auf!“ Damit spricht er auch ganz bewusst die steigende Gewalt gegen Einsatzkräfte an. Davon erzählt uns Enver G. auch im SternTV-Studio: „Was ich halt definitiv sagen kann, ist, dass die Gewalt, der man ausgesetzt ist, ob physisch oder psychisch eigentlich allgegenwärtig ist.“
Auf seiner Instagram-Seite veröffentlicht er vor ein paar Wochen auch dieses Video. Darin zeigt er gemalte Bilder von Schulkindern, die damals alles mitbekommen haben. „Das ist der Schulhof und direkt angrenzend der damalige Einsatzort. Also haben viele Kinder den Einsatz gesehen.“ Enver G. besucht die Kinder im Unterricht. Die gemalten Bilder haben ihm Kraft gegeben.
„Deswegen von mir erstmal danke schön an euch. Habt ihr irgendwelche Fragen? Ihr könnt alles Fragen, was ihr wollt.“ – „Wo haben Sie sich verletzt?“ – „Hier und da. Ist aber schon besser geworden.“ – „Ist der Mann jetzt für immer im Gefängnis?“ – „Ja, zum Glück. Er wird nicht wiederkommen.“ – „Kannst du die Polizeiweste anziehen?“ – „Ja klar. Ihr könnt die auch mal anziehen.“
Im Fall der Feuerwehr in Laatzen aus der Silvesternacht 2023 merkt DocCaro am Ende der Dreharbeiten, wie hart dieser Angriff das gesamte Team getroffen hat. Vor allem Fahrer Daniel Wegner hat damit bis heute schwer zu kämpfen.
„Das ist nicht einfach.“ – „Hättest du das gedacht?“ – „Scheiße…“ – „Weine! Und lass es raus…es ist scheiße:“
Rund 40 junge Männer waren beteiligt. Nur EINER wurde verurteilt: Der Jugendliche bekam eine Bewährungsstrafe und Sozialstunden. 2024 wurden in Deutschland insgesamt 50.295 Einsatzkräfte angegriffen. Laut Bundeskriminalamt ist die Gewalt gegen Rettungskräfte seit 2015 um mehr als 67 Prozent gestiegen.
