Sekunden zwischen Leben und Tod: Sie haben einen Blitzschlag überlebt – wenn 40 Millionen Volt einen Menschen treffen
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Es passiert in Sekunden. Eben noch wirkt der Himmel harmlos, kurz darauf entlädt sich eine Kraft, die kaum vorstellbar ist. Vor allem jetzt in den Sommermonaten ist das Gewitterrisiko in Deutschland am höchsten. Uns haben Betroffenen, die einen direkten Blitzschlag überlebt haben, ihre ganz persönlichen Schicksalsgeschichten erzählt. Im Video klären zudem Experten auf, welche Fehler Menschen bei Gewitter machen – und wie ihr euch wirklich schützt.
Was passiert, wenn ein Mensch vom Blitz getroffen wird? Wir sprechen mit Betroffenen, die einen direkten Blitzeinschlag überlebt haben. Vor wenigen Tagen ein Feldweg in Attendorn. Dieter Hesse erinnert sich gut an den tragischen Tag, an dem er mit seinem guten Freund Daniel Hoberg hier entlangspaziert und der in einer Katastrophe endet. „Hätten wir uns nicht getroffen, dann wäre das nicht passiert. Hätte ich ihn morgens nicht angerufen… So lauter „Wenns“, die aber nie beantwortet werden.“ Was der 58-jährige damals nicht vorhersehen kann. Sein Freund wird hier durch einen Blitzschlag sein Leben verlieren. „Wir sind da losgegangen. Da schien die Sonne und als wir hier waren, zog sich der Himmel zu. Das ging alles rasend schnell. Und dann ist es auch schon passiert. Also ohne Vorwarnung… Der erste Blitz war es gleich.“ Wie aus dem Nichts trifft sie der Blitz plötzlich auf freier Fläche. An den Einschlag selbst kann sich Dieter Hesse kaum erinnern. „Ich habe nur Erinnerungen, dass außerhalb von meiner Kontrolle etwas passiert, was ich überhaupt nicht gesehen habe. Ich kann es nicht zuordnen. Und dann war auch schon alles schwarz.“ Als er wieder zu sich kommt, weiß der damals 46-Jährige zunächst nicht, was passiert ist. „Aber ich konnte dann ja auch nur den Kopf und den rechten Arm bewegen. Alles andere war komplett ohne Gefühl. Ich habe meinen Körper nicht gespürt, ich konnte mich nicht bewegen. Es war wie abgeschaltet.“ Es gelingt ihm, mit seinem Mobiltelefon den Notruf zu wählen. „Der Mann von der Rettungswache fragte mich: Was machen Sie da? Ich sagte, ich war hier mit meinem Freund. Wo ist denn der Freund? Und dann habe ich Daniel Daniel gerufen. Da war nichts. Aber dann sah ich hier sein T-Shirt und hab dann gesagt. Ich glaube, ich liege auf ihm drauf. Und der Mann fragte dann noch: Bewegt der Mann sich? Und da habe ich gesagt: Ich merke keine Bewegung.“ Dass sie ein Blitz getroffen hat, weiß er in dem Moment nicht. 45 Minuten dauert es, bis zwei Rettungswagen und ein Notarzt eintreffen. „Und wie der Arzt dann ausstieg, waren seine ersten Worte, an die ich mich erinnere: Wir brauchen nur eine Trage. Da wusste ich, mein Freund Daniel ist gestorben.“ Für Dieter Hesse immer noch unbegreiflich. Wieso überlebt er den Blitzeinschlag? Und sein guter Freund Daniel muss sterben. “Ich meine, wir gingen hier Seite an Seite nebeneinander. Ich sag mal, ich hab da den Rand mitbekommen, aber die Hauptladung dieser Kraft, dieser Energie hat er abbekommen.“ Am Universitätsklinikum in Regensburg ist der Neurologe Berthold Schalke seit 20 Jahren auf die Behandlung von Blitzopfern spezialisiert. „Dass man das überleben kann, das liegt daran, dass die Einwirkzeit extrem kurz ist. Es gibt zwei häufige Todesursachen. Die eine ist, dass man direkt am Kopf getroffen wird, weil einfach das Gehirn darunter leidet und zerstört wird. Die zweite ist die noch häufigere. Das ist der Herzstillstand. Das heißt, wenn der Herzschlag in einer sogenannten vulnerablen, also empfindlichen Phase durch den Strom beeinflusst wird, dann steht die Pumpe.“ Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Blitz verletzt zu werden, liegt bei eins zu 760.000. Im Jahr sind es etwa 110 Personen. Wegen seiner langjährigen Erfahrung mit Betroffenen kennt Professor Schalke die medizinischen Folgen von Blitzschlägen. „Wir haben Menschen gehabt, die dann manche kognitive Funktionen nicht mehr wahrnehmen konnten, zum Beispiel keine Sprachen mehr sprechen konnten oder nicht mehr gut rechnen konnten, sich keine Namen mehr merken konnten. Das Kurzzeitgedächtnis war schlecht bei denen.“ Dieter Hesses Ehefrau Jutta hat bis heute nicht vergessen, wie sie damals mehrere Stunden um das Leben ihres schwerverletzten Mannes bangen musste. „Wir saßen dann sehr lange vor der Intensivstation, weil die Ärzte uns nicht reinließen. Und dann ging immer nur die Tür auf und man hörte immer nur: Das gibt nichts mehr. Und man hat natürlich das Gefühl, das ist jetzt, es geht um den Dieter, es geht um meinen Mann oder um den Vater der Kinder usw. Und das war ganz schrecklich.“ Bei unseren Dreharbeiten sehen sie sich zum Ersten Mal die wenigen Dinge an, die vom Tag des Blitzeinschlags noch übrig geblieben sind. „Also ich hab da jetzt zwölf Jahre nicht gesehen.“ Unter anderem ein komplett zerfetzter Schuh. „Da wo der Blitz wohl rausgegangen ist, soll hier an dem Schuh gewesen sein. Deswegen sieht der ja aus wie explodiert.“ Auf seinem Oberkörper zeichnete sich ein Schnitt wie von einem Messer ab. Zudem waren 30 Prozent der Körperfläche verbrannt. Es dauert etwa vier Monate, bis die Wunden an Dieter Hesses Körper heilen. 2017 berichtet stern TV über einen Mann, der ebenfalls einen Blitzschlag überlebt. Matthias Steinhuber reist damals mit seiner Freundin Katrin in die USA. Sie feiern beide ihren Uniabschluss. Zusammen mit einer amerikanischen Bekannten wandern sie auf dem Pacific Crest Trail, einem bekannten Wanderweg in Kalifornien. Matthias Steinhuber läuft vor. Er will auf den höchsten Punkt. Auf dem Gipfel macht er mit seinem Smartphone Fotos von der Umgebung. Einige Kilometer weiter regnet es. Das letzte Foto vor dem Blitzeinschlag ist dieses. Dann bauen sich gewaltige elektrische Ladungen in den Wolken über ihm auf. 40 Millionen Volt treffen ihn. Das ist das 100-fache einer deutschen Höchstspannungsleitung. Sein Smartphone speichert ein Foto von dem Moment. Der Blitzeinschlag auf dem Gipfel reißt ihn um. Er verliert das Bewusstsein, liegt zwischen den Felsen. Seine Freundin Katrin steht zu diesem Zeitpunkt unterhalb von ihm. Rund 100 Meter entfernt. „Ich habe mir einfach gedacht: Der ist tot, der ist tot.“ Eine Stunde Ungewissheit, bis der Rettungshelikopter da ist. Ihr Freund ist zwar schwer verletzt, aber er lebt. Im Krankenhaus in Sacramento stellen die Ärzte schwere Verbrennungen fest. Am Rücken, an den Füßen. Gehen bereitet ihm höllische Schmerzen. Am Kopf hat der Blitz eine lange Narbe hinterlassen. „Es war alles gleichzeitig. Brennen und Stechen. Und wie, wenn alle Knochen gebrochen werden und die Haut brennt, als wäre keine Haut drauf. Das war einer der schlimmsten Schmerzen.“ An der Universität der Bundeswehr in München untersucht Professor Christian Paul Gewitterblitze und entwickelt Schutzkonzepte. Er erzählt uns, welche Kräfte ein Blitz tatsächlich haben kann. „Ein Blitz wird etwa 35.000 Grad heiß. Und dieser Strom hat eine solche Kraftwirkung, dass massivste Eisenwinkel und metallene Strukturen so deformiert werden, dass sie danach nicht mehr zu erkennen sind. Und das sind natürlich Stromstärken. Die kann man sich als Mensch eigentlich gar nicht vorstellen.“ Matthias Steinhuber wird vom Blitz zunächst am Kopf getroffen. Physikalisch betrachtet bildet der Mensch für den Blitz einen Widerstand. Sind Blitze stark genug, umgehen sie den Widerstand. Sie verlaufen nicht durch den Körper, sondern außen an der Haut entlang. Eine sogenannte Gleitentladung. Auch wenn das zu schweren Verbrennungen führt, kann man es überleben. Aktuell machen solche Unwetterbilder und ihre verheerenden Folgen deutschlandweit Schlagzeilen. Laut Wetterforschern werden Gewitter immer heftiger. Wann ein Gewitter tatsächlich zur Gefahr wird, kann man anhand folgender Faustregeln ausmachen. Liegen weniger als 30 Sekunden zwischen Blitz und Donner, ist das Gewitter bereits gefährlich. Sie sollten einen sicheren Ort aufsuchen. Ab zehn Sekunden zwischen Blitz und Donner besteht Lebensgefahr. Wir fragen Professor Christian Paul, wie man sich richtig verhält. Falls man doch in ein Gewitter gerät. „Dann sollten Sie auf jeden Fall probieren, Ihre Beine, die Füße zusammenzubringen, um die Schrittspannung zu reduzieren. Sich entfernen von hohen Gebäuden, weil die natürlich die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Blitz da einschlägt. Und Sie selber sollten einfach versuchen, sich klein zu machen. Sie sollten nicht der höchste Punkt im Gelände sein.“ Gehen Sie in die Hocke. Auf keinen Fall flach auf den Boden legen und den Boden berühren. Meiden Sie Baumgruppen, Waldränder, Hütten aus Holz und freie Flächen wie Fußballplätze. In Gruppen sollten Sie nicht eng zusammenstehen. Matthias Steinhuber verbringt nach seinem Blitzunfall mehr als einen Monat in einem Rehazentrum in Innsbruck. Der Blitz hinterlässt viele Narben, doch er hat Glück. Von Langzeitfolgen bleibt der Österreicher verschont. Bei Dieter Hesse aus Attendorn hat sich das Leben nach dem Blitzeinschlag drastisch verändert. Seinen Job als Stuckateur und seine eigene Firma mit zehn Mitarbeitern muss er aufgeben. „Ich kann eigentlich keine körperlich schwere Arbeit mehr machen. Meine Beine sind auch regelrecht wie versteift. Ich hatte sehr starke Angstzustände anschließend, die ich mir gar nicht erklären konnte. Burn-out-Erscheinungen.“ Auch seine Sehstärke lässt immer mehr nach. Ärzte vermuten, das sei eine Langzeitfolge des Blitzschlags. „Ich glaube, niemand rechnet damit, vom Blitz getroffen zu werden. Aber es hat mich getroffen. Also ist die Wahrscheinlichkeit doch größer, wie man so denkt.“
