Polizei warnt Jugendliche vor „Görke“
Neues Rauschmittel überschwemmt Nordwesten: "Baller Liquid"
E-Zigaretten mit synthetischen Drogen: "Gefahren sind unberechenbar"
Diese Schlagzeilen sind für Tim Meyer Realität geworden. Vor der Kamera möchte er nicht mit uns sprechen. Zu groß ist seine Angst vor den Hintermännern der Droge, die viele Namen trägt. Der 25-Jährige hat sie ungewollt im Club konsumiert:
Tim Meyer, Name geändert
"Das war insgesamt sehr traumatisierend."
„Das war ein sehr einprägsames Ereignis.“
Tim ist zusammen mit Freunden in einer Diskothek in Lingen feiern, als ihm von einem fernen Bekannten eine E-Zigarette gereicht wird. Ein starker Zug daran wird für den Raucher zum Verhängnis, wie er uns noch erzählt.
Die unter dem Namen Görke, Baller Liquid oder auch Klatschliquid gehandelte synthetische Droge breitet sich vor allem im Emsland zunehmend unter Jugendlichen aus, warnt die Polizei. Über elektronische Zigaretten oder sogenannte Vaper konsumiert soll eine vermeintlich entspannende Wirkung eintreten. Das Problem: Die als harmlos daher kommende unscheinbare Flüssigkeit kann lebensgefährlich sein:
Christopher Degner, Polizeiinspektion Emsland
„Es gibt Leute, die sagen schlimmer als Heroin um das mal so einzuordnen.“
„In den meisten Substanzen sind sogenannte synthetische Canabioide drin. Die werden beigemischt mit Aromastoffen, das nach Erdbeer, Himbeer, also so total harmlos erstmal wirkt und riecht, aber wie gesagt, diese synthetischen Canabioide haben eine bis zu 300-fache Wirkung von Cannabis. Es können natürlich auch andere Substanzen beigemischt werden. Das wird der Konsument nacher gar nicht wissen, was er da geraucht hat. Und diese Mischung macht es so brandgefährlich, dass es erstmal harmlos wirkt, aber sofort auch bei dem Konsumenten zu Halluzinationen kommen kann zu Herzkreislaufversagen, bis hin zum Tod.“
Laut Experten handelt es sich bei den gefährlichen Substanzen um eine Weiterentwicklung der Droge Spice, die sich 2008 vor allem unter Jugendlichen in Deutschland ausbreitet. Vorrangig verkauft als Kräutermischung und Raumduft.
Michael Martens, Spice-Konsument, 2008
„Alle meine Freunde, die früher gekifft haben sind jetzt fast auch komplett darauf umgestiegen und fast jeder, den ich kenne raucht Spice.“
2009 wird die Droge verboten, weil Forschende gefährliche chemische Substanzen entdecken.
Heute aber soll der Trend von damals ein regelrechtes Revival feiern. In illegalen Drogenküchen, wie möglicherweise auch hier bei einer Razzia in Stadland im November sichergestellt, werden im großen Stil auch neue Drogen für E-Zigaretten und Vapes entwickelt. Beschlagnahmte Aservate aus ganz Niedersachsen werden im Landeskriminalamt in Hannover untersucht.
Kim Stolte, Chemisch-technische Assistentin
„Wir haben teilweise Fälle, wo dann Leute umkippen und aus dem Grund dann die Polizei darauf aufmerksam wird. Wir haben aber auch Fälle wo dann halt irgendwie der Handel da im Hintergrund steht, das ist sehr divers.“
Wenn die verdächtige Substanz extrahiert wurde, wird sie mit Chloroform vermengt. Mit Hilfe des chlorierten Kohlenwasserstoffs und einer Zentrifuge können die potenziellen Drogenbestandteile dann für die genauere Untersuchung extrahiert werden.
Bei deren Messung zeigt sich besorgniserregendes: Bei positiven Proben werden immer wieder neue Zusammensetzungen unterschiedlicher synthetischer Drogen festgestellt. Die Konsumenten agieren quasi als Versuchskaninchen der illegalen Drogenlabore.
Theresa Saenger, Sachverständige für Betäubungsmittel
„Da ist es jetzt so, dass die Hersteller dieser illegalen Substanzen die ursprünglich bekannten synthetischen Cannabioide immer weiter umsetzen. Synthetische Cannabioide das ist wie ein Baukasten. Also man hat bestimmte Grundstoffe, Grundbausteine, die man dann unterschiedlich zusammensetzen kann.“
Ein gefährlicher Drogencocktail in einem kleinen Fläschchen. Nicht nur auf Schulhöfen oder unter der Ladentheke, sondern auch über Social-Media wird der vermeintlich angenehme und entspannende Rausch vermarktet und verkauft. Häufig schon für kleine, zweistellige Beträge. Die Bilder entsprechender Netzwerke dürfen wir aus Jugendschutzgründen nicht zeigen.
Christopher Degner, Polizeiinspektion Emsland
„Diese Seiten existieren in der Regel nicht sehr lange, aber so kommt man zunächst erstmal in Kontakt und kann darüber dieses Produkt käuflich erwerben.“
Die Zielgruppe: Junge Menschen, die in der Regel noch keinen Kontakt mit illegalen Betäubungsmitteln haben. Das berichten Suchtberatungsstellen wie von der Caritas im Emsland:
Mandala Clavée, Fachambulanz für Suchtprävention
„Es macht sehr schnell abhängig. Das erzählen auch die jungen Leute, die zu uns gekommen sind. Sie sagen es entsteht relativ schnell ein hohes Verlangen mehr zu konsumieren. Das heißt die Toleranzentwicklung ist sehr schnell spürbar.“
Für den 25-jährigen Tim aus dem Emsland wird der Zug an der vermeintlich normalen E-Zigarette in der Discothek in Lingen zum Albtraum:
Tim Meyer, Name geändert
„Die Smart-Watch hat einen Puls angezeigt von 160. Da heb ich mir gedacht okay, ab nach draußen, frische Luft und ich war wirklich kurz davor einen Rettungswagen zu rufen, mir ging es absolut nicht gut.“
Er wird mit Panikattacken und Erinnerungslücken von Freunden nach Hause gebracht:
Tim Meyer, Name geändert
„Man hätte in dem Augenblick, man hätte mit mir machen können, was man wollte und ich hätte mich nicht großartig wehren können, also es war halt wie ein kompletter Kontrollverlust über den eigenen Körper.“
Heute ist er froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist und warnt andere in seinem Umfeld, genau aufzupassen, WAS sie da konsumieren.