Es wirkt wie ein normaler Videoanruf eines Sohnes bei seiner Mutter.
Das ist MEINE Mutter, und scheinbar bin ich am Handy
Doch an diesem Anruf ist nichts normal.
Meine Mutter ist das Ziel eines Fake-Anrufes. Und sie hatte keine Ahnung, zu diesem Zeitpunkt war sie überzeugt: ich bin in der Leitung.
Aber der Reihe nach. Um zu recherchieren, welche Betrugsmaschen mit künstlicher Intelligenz heute möglich sind, bin ich nach Nürnberg gefahren. Marco di Filippo und Mika Groenewald sind IT-Profis - sozusagen die guten Hacker. Sie haben einiges für mich vorbereitet.
Marco de Filippo:
Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz kann man heute schon sehr viel faken. Bilder zum Beispiel, wie hier den Papst in einer vermeintlich coolen Pose oder den Ex-US-Präsidenten Donald Trump, wie er angeblich gerade festgenommen wird. Und erst vor wenigen Tagen machte eine angebliche Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz Schlagzeilen – ein Fake, in dem seine Stimme perfekt nachgeahmt wurde.
Auch Normalbürger werden immer häufiger Opfer solcher Maschen.
Was man damit theoretisch anrichten kann, werde ich jetzt erfahren. Die Experten haben Stimmproben von mir aus dem Internet heruntergeladen. Auch wenn ich nichts auf den sozialen Netzwerken veröffentliche – durch meine Arbeit für RTL stehen viele meiner Reportagen online.
Weil wir hier nicht zum Nachahmen animieren wollen, zeigen wir nicht, wie das genauer funktioniert – wir wollen warnen. Die beiden machen das hier sehr professionell, doch es gibt inzwischen sogar Apps, die Ähnliches können. Mika Groenewald will mir jetzt zeigen, wie zum Beispiel ein Enkeltrick-Betrug mit meiner Stimme ablaufen kann.
Also: Vorsicht! So etwas kann auch per Audiodatei verschickt werden, um glaubwürdig Geld zu verlangen. Jetzt zeigt mir Marco de Filippo die Königsdisziplin des KI-Betruges. Es ist die Verbindung zwischen Bild und Stimme. Zwei Wochen zuvor hatte ich ihm dieses Foto von mir geschickt. Jetzt wird es lebendig
Faszinierend und beängstigend zugleich, wie aus einem einfachen Foto ein sich bewegender Mensch wird. Dann klingelt unerwartet mein Telefon.
Ich erkenne mich in der künstlichen Stimme wieder. Doch überzeugen Bild und Ton auch einen Menschen, der mich seit Jahrzehnten in und auswendig kennt – nämlich meine Mutter? Am nächsten Tag fahre ich mit meinem Kamerateam zu ihr.
Für das, was jetzt kommt, entschuldige ich mich schon an dieser Stelle noch ein weiteres Mal bei ihr – zum Glück hat sie es mir nicht übelgenommen.
Wenig später öffnet meine Mutter meinem Kamerateam die Tür. Sie weiß, dass wir kommen, allerdings wollen wir angeblich zu einem völlig anderen Thema bei ihr filmen. Mein Kameramann behauptet, dass ich noch im Stau stehe, doch tatsächlich warte ich draußen.
Weil ich beruflich oft mit Betrugsgeschichten zu tun habe, bin ich vorsichtig – und habe mit meiner Mutter ein geheimes Passwort vereinbart. Falls sie einmal eine Nachricht erhalten sollte, bei der sie Zweifel hat, ob ich es bin, soll sie nach dem Passwort fragen. Wird sie das tun? Dann klingelt das Telefon.
Hacker können auch angezeigte Rufnummern simulieren. In diesem Fall aber habe ich meiner Mutter kurz vorher selbst gesagt, dass ich angeblich eine neue Nummer habe.
Scheinbar bin jetzt ich dran. Hackerprofi Mika spricht mit ihr. Bei meiner Mutter kommen aber mein Bild und meine Stimme an.
Meine Mutter durchschaut den Fake-Anruf offenbar nicht. Aber wir gehen noch einen Schritt weiter: Der falsche Robert Keckeis, alias Mika, stellt jetzt sogar die Frage nach dem geheimen Familien-Passwort.
Meine Mutter zögert noch, das Passwort zu sagen. Aber offensichtlich nicht, weil sie Zweifel an meiner Identität hat, sondern weil sie es nicht vor dem Kameramann sagen möchte.
Meine 81jährige Mutter sagt es. Jetzt ist es Zeit, die Situation aufzulösen – ich klingle an der Wohnungstür.
Meine Mutter hat die Situation noch nicht verstanden. Der Widerspruch zwischen meinem vermeintlichen „Ich“ auf dem Handy und meinem realen Erscheinen ist zu viel. Behutsam kläre ich sie auf.
Diese Betrugsmasche wirft viele aus der Spur – vor allem ältere Menschen. Ich bitte Mika sich zu outen.
Heute war es „nur“ ein Passwort. Doch beim nächsten Mal könnten es Konto-Zugangsdaten sein oder die Ankündigung eines angeblichen Freundes, der gleich eine große Summe Geld abholen wird.
Meine Mutter hat den kleinen Schock gut überstanden. Ich wusste vorher, dass ich ihr das zumuten kann – sie ist froh, bei der Aufklärung mitgeholfen zu haben. Und allen anderen kann ich nur raten. Seien sie vorsichtig.