„Es war wirklich ein Affront": Mutter mit 56! Sängerin Gianna Nannini spricht über ihr spätes Mutterglück
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Vor 15 Jahren geht DIESES Cover um die Welt. Rocklegende Gianna Nannini wird nach zwei Fehlgeburten zum ersten Mal endlich Mutter. Mit 56 Jahren. Und dafür wird sie damals tatsächlich beschimpft. Heute ist sie 71 und ihre Tochter Penelope 15 Jahre alt. Wir treffen die Sängerin in Berlin. Und da erzählt sie uns, was sie ihrer Tochter heute alles erlaubt, wie sie mit den schlimmen Schlagzeilen umgegangen ist und ob sie mit dem Altern hadert.
Mit 71 reicht’s Gianna Nannini. Die Kritik von damals, sie sei mit 56 zu alt für ein Kind, heute kein Thema mehr. Fast.
„Heute wäre es besser. Aber es war wirklich ein Affront. Eine sehr böse Art, mich zu verurteilen. Und deshalb habe ich diese schreckliche Kritik über mich auch nicht gelesen, weil ich ein Mensch bin, der nicht urteilt, warum also müsse andere mich verurteilen?“
Trotz aller Vorurteile, geht die Rockröhre immer ihren eigenen Weg und das ist was ganz Besonderes. Ihre Sonnenbrille ist ihr Markenzeichen, auch im Interview nimmt sie nicht ab.
„Ich zwinge niemanden, meiner Meinung zu sein. Ich bin ein freier Mensch. Jeder soll machen dürfen, was er will. Kein anderes menschliches Wesen kann mir sagen, was ich zu tun habe.“
„Das ist also die Botschaft?“
„Genau, deshalb Gianna Nannini for president.“
Unser Date mit dem Italo-Rockweltstar startet diese Woche vor dem Luxushotel „De Rome“ in Berlin.
Allein bei ihrem Namen ist es sofort da: das Gefühl, mitsingen zu wollen:
Das ist 1986. Eigentlich soll die Tochter einer reichen Konditorfamilie aus dem toskanischen Siena die Firma übernehmen. Aber das macht ihr Bruder, der damals als Formel-1-Fahrer berühmt ist – während sie mit 32 lieber mit skandalösen Auftritten, Texten und der Frage, liebt sie Männer und Frauen, den Durchbruch als Rocksängerin schafft. Weltweit mit diesem Lied zur Fußball-WM 1990:
Bis heute verkauft der Superstar 30 Millionen Alben. Jetzt ist die Multimillionärin in der Hauptstadt, um ihr einziges Europa-Konzert am 19. September auf der Waldbühne zu bewerben. Weil sie vor zwei Monaten drei Schrauben in den Oberschenkel bekommt, kommt sie noch schwer aus dem Auto. Ausdrücklich bittet sie uns, ihr nicht zu helfen, sie will alles selbst machen und unserem Reporter ihre Lieblingsplätze zeigen. Erster Stopp: Brandenburger Tor.
„Berlin. Was verbinden Sie mit Berlin?“
„Ich verbinde ein sehr starkes Gefühl damit. Ein Gefühl von Freiheit - und Heimat.“
Seit Mitte der 80er, als sie zum ersten Mal hierhin kommt. Sofort empfindet sie Deutschland als frei, liberal. Sie bricht mit der Tradition der Familie, muss zig Kämpfe mit ihrem Vater austragen. Und genau dieses Gefühl, will sie auch ihrer Tochter vermitteln.
„Sie wurde als freier Mensch geboren. Von daher lässt sie sich in Null Klischees pressen, was passiert, wenn man alle Kinder über einen Kamm schert. Sie hat ihre eigene Identität, wir alle müssen unsere eigene Identität finden, auf der wir unsere Zukunft aufbauen.“
Heute ist Penelope 15 und geht in Mailand zur Schule. Die Rockikone wird uns noch erzählen, wie schlimm die bösen Schlagzeilen damals zur Geburt ihrer Tochter waren. Vorher aber zu ihrer rauchigen Stimme und ihrem wuscheligen Haar, das auch hier auffällt:
Fans weltweit. Wir fahren weiter - und es ist erstaunlich, wie offen Nannini über ihre Penelope spricht.
„Hört Ihre Tochter Ihre Musik?“
„Meine Tochter ist erwachsen. Sie hört allerlei Musik. Vor allem Amerikanische und Englische. Und über nicht sagt sie, ich sei sehr gut im Singen.“
„Was sagt sie?“
„Dass ich wie eine Göttin singe. Ausgezeichnet. Aber, dass ich nicht auf Englisch singen soll. Wenn sie mich auf Englisch hört, dann sagt sie: ‚Mama, nein!‘ und ich singe trotzdem weiter.“
„Will sie auch Künstlerin werden?“
„Nein, nein, nein, das interessiert sie nicht.“
Was sie stattdessen werden will, behält die Mama für sich - Penelope will nicht in die Öffentlichkeit. Vielleicht liegt es daran, dass unser Reporter mit Nannini in ihrer Muttersprache sprechen kann: Wir werden trotzdem noch mehr über ihre Tochter erfahren. Nächster Stopp: dieses Restaurant. Den Besitzer kennt sie seit den 80ern, als sie zum Soundtrack einer Generation wurde.
Nanninis Musik ist selten melancholisch, trotzdem hat sie auch schwere Zeiten erlebt.
„Immer glücklich sein ist schwierig. Aber ich spiele nicht gern das Opfer. Wichtig ist aber, dass man sein Ziel verfolgt und mit sich im Reinen ist. Jeder muss seine eiegene Erfahrung machen. Auch die Negative, um seinen Weg zu finden. Das muss die Einstellung sein: eine Idee finden. Fühlen, was einem wirklich gefällt. Nichts machen, was nicht gefällt.“
Nannini gefällt der rebellische Weg. Singt über Selbstbefriedigung, lebt bisexuell, bricht das traditionelle Frauenbild. Seit 40 Jahren ist sie jetzt mit Carla zusammen, seit 10 Jahren mit ihr verheiratet. 2010 wird sie mit 56 Mama. Infos zum „Wie genau“ und zum Vater bleiben bis heute geheim. Damals ein Skandal im katholischen Italien.
„Heute würde man das anders sehen, weil zig Jahre vergangen sind. Damals wurde meine Freiheit, mit dem Körper zu tun, was ich wollte, anders wahrgenommen - nämlich meiner Penelope das Leben zu schenken. Von daher müssen alle still sein und akzeptieren, dass eine Frau selbst entscheidet, so steht es auch in der Bibel, wann sie Kinder bekommt, und wann nicht.“
Klare Haltung, aber das heißt nicht, dass nur ihre Meinung zählt.
„Ich respektiere Meinungsfreiheit. Wenn du nicht damit fein bist, dass Menschen gleichen Geschlechts zusammen sind, okay!“
Sie spricht schnell, erzählt viel. Immer aber über Freiheit. Und diese findet man auch an unserer nächsten Location, die ihr viel bedeutet. Das skandalumwitterte Berghain. Ein paar Mal war sie hier:
„Gianna: Das ist ’ne Technodisko. Die renommierteste der Welt. Jeder macht und zieht an, was er will - und aus, so viel er will.“
Nannini guckt nicht zurück, auch wenn sie stolz auf ihre Vergangenheit ist. IHR Fokus ist vielmehr: die Zukunft. Aber mit 71 hat die auch mit Endlichkeit zu tun. Zugegebenermaßen ist der Technosextempel nicht unbedingt der richtige Ort, um über den Tod zu sprechen, aber Gianna wäre nicht Gianna, wenn sie es nicht täte:
„Der Tod ist gewiss. Der Tod ist unausweichlich. Aber das Alter ist optional. Eine Frau Ü-30 gilt heute als alt. Der Umstand, dass ich anders gelebt habe und meine Tochter, den Unkenrufen zufolge, erst als Oma bekommen habe, ist für mich eine Form der Altersdirkirminierung, die ich bekämpfe.“
„Haben Sie Angst vor dem Tod?“
„Nein, nicht wirklich, weil er zum Leben dazugehört. Aber mein Ziel ist die Unsterblichkeit.“
Im Hier und Jetzt ist Gianna Nannini mit ihren 71 total fit und cool. Trotzdem ist es beruhigend, dass auch sie mal Erholung braucht. Anfang Mai will sie auf Kur gehen. Nach Meran in Südtirol. Mit ihrer Musik wird sie aber auf jeden Fall unsterblich bleiben!
