Schon 20.000 Euro Schaden: Verzweifelter Hilferuf an RTL: Meine Mama ist einem Liebesbetrüger verfallen!
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Jessica Neser hat unseren Reporter Robert Keckeis um Hilfe gebeten. Ihre Mutter ist offenbar einem Liebesbetrüger auf den Leim gegangen. Aber die Frau will das einfach nicht wahrhaben. Unser Reporter findet echt heftige Dinge heraus - und klärt sie vor der Kamera auf: Ein harter Job, wie ihr im Video selbst sehen könnt.
„Wir brauchen dringend Hilfe und jemanden, der meiner Mama den Kopf waschen kann.“ Mit diesem Hilferuf beginnt mein neuester Betrugsfall. Geschrieben hat ihn Jessica Neser, die ich heute bei Stuttgart treffe.
Jessicas Vater ist vor gut zwei Jahren verstorben. Seitdem lebt ihre Mutter allein. Im Dezember letzten Jahres, so erzählt mir die 36-Jährige, hat ihre Mutter einen neuen Mann kennengelernt. Frank Rainer, ein angeblicher Herzchirurg, der bei der WHO arbeitet, also der Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen.
„Hat sie überhaupt viel erzählt?"
„Am Anfang tatsächlich nicht so viel. Sie hat uns erzählt, sie hat jemand neuen kennengelernt übers Internet. Wir haben zu ihr immer gesagt: Bitte pass auf. Das ist alles schön und gut, aber sobald Dich jemand nach Geld fragt, ist es nicht echt. Hör auf mit dieser Person zu schreiben."
Hätte Jessicas Mutter Marianne nur einmal auf ihre Tochter gehört. Inzwischen ist die Situation völlig aus dem Ruder gelaufen. Die Familie hat mich gebeten, zur vermeintlich großen Liebe ihrer Mutter zu recherchieren – und sie aufzuklären. Wie sie das aufnehmen wird, ist noch offen.
Tochter Jessica hat selbst schon einige Ungereimtheiten herausgefunden – doch die Mutter will von ihren Ergebnissen nicht viel wissen. Frank Rainer stammt aus den USA und hat angeblich ein Haus in Stuttgart. Alle Nachrichten sind in einem perfekten Deutsch geschrieben. Jessica Neser lässt das Foto durch die Google-Bildersuche laufen – und wird misstrauisch.
„Also auf Facebook habe ich drei Profile gefunden, auch von ihm. Aber von meiner Mama gab es auch mal zwei Profile, weil sie es aus Versehen doppelt angelegt hat. Ich habe dann auch zu ihr gesagt, Mama es ist alles gut, aber hab auch nochmal gesagt, wenn er dich um Geld bittet, lösch es. Dann ist das nicht echt."
Doch alle Vorsichtsmaßnahmen helfen nichts – es passiert das, was so oft passiert. Der vermeintliche Frank Rainer sagt ein Treffen in letzter Sekunde ab, die täglichen Nachrichten bleiben aber, sie sind innig und voller Emotionen. Dann, nach Monaten, sei er angeblich auf Haiti ausgeraubt worden und völlig hilflos. Ihre Mutter überweist rund 20.000 Euro. Als Jessica das mitbekommt, will sie die Überweisung stoppen – doch ihre Mutter weigert sich.
„In erster Linie hatte ich versucht, mit ihr zu sprechen. Ich habe geweint am Telefon, weil ich bemerkt habe, ich komme nicht an sie heran. Sie hat immer wieder gesagt, nein, den Rainer den gibt’s und er braucht doch das Geld. Ich habe dann gesagt, nein, den gibt es nicht und lass den Banker das Geld zurückholen. Sie hat immer wieder nur gesagt: Nein, der braucht das Geld. Da war eine Wand zwischen und ich wusste nicht, was ich machen soll."
„Haben Sie ihre Mutter je mal so erlebt?"
„Nein!"
Beratungsresistent. So beschreibt Jessica ihre Mutter in der damaligen Situation. Jetzt soll ich versuchen, Marianne Reuter die Augen zu öffnen. Es wird kein einfacher Besuch werden – so viel vorweg.
Schon vor Beginn meiner Dreharbeiten habe ich Unterstützung organisiert: Helga Grotheer vom Verein Romance-Scambaiter – übersetzt bedeutet das: Ködern von Liebesbetrügern. Seit fast zehn Jahren arbeiten wir eng zusammen. Unzählige Täter und ihre Helfershelfer haben wir bereits überführt. Wir haben sie in Fallen gelockt und sie der Polizei übergeben.
Auch im Fall von Jessicas Mutter arbeiten Helga und ich wieder Hand in Hand. Wochenlang durchforsten wir soziale Netzwerke, analysieren Profile, prüfen Bilder, vergleichen Daten. Und tatsächlich: Wir stoßen auf gleich weitere 80 Fake-Accounts, alle mit demselben Foto, das in Wirklichkeit einen bekannten US-Journalisten zeigt.
„Ungewöhnlich in diesem Fall ist, dass es massenhaft Fake-Accounts mit dem Namen Frank G. Rainer allein auf Facebook gibt. Normalerweise machen Betrüger mit geklauten Identitäten ein, zwei, in seltenen Fällen auch mal einen dritten Account auf. Aber dieses Vorgehen weist eher auf eine große Bande hin als auf einen Einzeltäter."
Die mutmaßlichen Täter, die hinter den diversen Fake-Profilen mit dem Namen Frank Rainer stecken, finden wir auch. Und zwar über Telefonnummern, die sie bei anderen Abzocken benutzt haben.
„Die Mutter von Jessica Neser hat ja ein ganz spezielles Bild des angeblichen Frank Rainer im Kopf. Ich bin mal gespannt, was sie wohl sagt, wenn sie diese Bilder sieht."
Denn jetzt wird es ernst. Ich bin mit Jessica Neser auf dem Weg zu ihrer Mutter. Marianne Reuter ist seit gut zwei Jahren Witwe. Sie weiß, dass ich komme, die Begrüßung ist sehr freundlich.
Wie wird sie reagieren, wenn ich sie auf ihren Fall anspreche? Immerhin geht es hier um sehr intime Gefühle – um Liebe. Marianne Reuter wirkt jetzt sehr ruhig, fast sachlich. Sie beschreibt die Erlebnisse. Die täglichen Nachrichten. Die Liebesbekundungen.
Dann erzählt sie mir von den Überweisungen. Um Vertrauen zu schaffen, habe Frank Rainer der 75-Jährigen Einblicke in sein Konto gegeben – das aber nach dem Raub für ihn kurzfristig gesperrt sei.
„Sie sind dann auf das vermeintliche Bankkonto gegangen, dann sollten Sie sich einloggen. Habe ich gemacht und da war sein Konto drauf mit über vier Millionen Guthaben."
„Glaubten Sie, dass es drauf ist."
„Stand drauf!!"
Es war keine Bank – es war ein Fake. Das steht fest, und das hat Jessica ihrer Mutter auch vorher schon versucht zu verdeutlichen.
Doch hat das Marianne Reuter auch verinnerlicht? Die 75-Jährige spricht über „Frank Rainer“ nicht in der Vergangenheit. Immer wieder habe ich das Gefühl: Sie versucht uns zu überzeugen, nicht wir sie.
„Der hatte einen Roboter, wo man Herzchirurgie macht, und den hat er nach Haiti geschickt. Per Frachtflug und das Foto hat er mir geschickt."
Ich zeige ihr meine Rechercheergebnisse und hoffe auf eine Art heilsamen Schock. Doch Marianne Reuter hört einfach nur zu und nickt. Für Außenstehende vielleicht schwer verständlich. Aber ich habe schon häufig erlebt, dass ein Verstand einfach zumacht, wenn etwas so Ungeheuerliches passiert – wenn sich die vermeintlich große Liebe als ein einziger Fake entpuppt. Auch jetzt frage ich mich: Reichen Fakten aus, wenn das Herz noch hofft?
„Ja, ist er jetzt echt, oder nicht echt?"
„Natürlich ist er nicht echt."
„Ja, wo kommt dann das Bild her? Er hatte so viele Fotos von sich. Das verstehe ich nicht."
„Ja, Sie reden immer noch davon, er hatte so viele Fotos von sich…Das ist dass, was ich vorhin meinte: Wenn Ihre Mutter immer noch von ,ihm' redet. Das ist nicht er! Diese Identität ist gestohlen."
„Aber es gibt ihn in echt."
„Den Menschen gibt es, aber nicht Frank Rainer."
„Ja und der kann sich so vermarkten lassen? Nein. Oder bleibt ihm nichts anderes übrig?"
„Man hat ihn nie gefragt. Seine Bilder wurden einfach gestohlen. Das ist nicht der Mann, was Sie glauben, für den er sich ausgibt!"
„Ich hab´s verstanden."
Doch hat sie es tatsächlich verstanden? Überraschenderweise zeigt sie mir jetzt selbst einen Beleg dafür, dass Frank Rainer ein Fake ist. Sie hat eine neue Kontaktanfrage auf Facebook bekommen. Dasselbe Foto – nur ein anderer Name, möglicherweise andere Betrüger – oder doch ganz dreist dieselben.
„Dieses Gesicht mit anderem Namen in Ihrer Freundesliste bedeutet, dass der nächste Versuch vor der Tür steht." „Echt?"
„Ja!"
Offenbar war Marianne Reuter hier der Meinung, dass jemand ihren Frank ausnutze – oder die Anfrage schlicht ein Irrtum war. Ich bin mir nicht sicher, ob ich heute mein Ziel erreicht habe. Ihrer Tochter geht es offenbar ähnlich.
„Mit was für ein Gefühl sind sie raus?"
„Irgendwie gemischt… Ich habe ein bisschen erlebt, dass meine Mama doch gefasst mit dem Thema umgeht. Von dem ich noch nicht ganz genau weiß, wie ich darüber denken soll. Ich glaube, dass es für sie heute doch irgendwie ein Abschluss war."
„Glauben Sie dass es richtig war, dass ich heute da war?"
„Auf jeden Fall!"
Ich kann nur hoffen, dass sich Marianne Reuter jetzt emotional endgültig lösen kann – und die Fakten akzeptiert. Ihre Tochter Jessica wird dabei weiter an ihrer Seite sein.
