RTL auf Spurensuche: Miese Vermieter-Masche mit Bürgergeld-Empfängern?
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18 Milliarden Euro gibt der deutsche Staat jährlich für Mieten und Nebenkosten von Bürgergeld-Empfängern aus. Ein lukratives Geschäftsmodell für so manchen Vermieter: Das Amt zahlt meistens pünktlich und fragt nicht allzu viel nach. RTL-Reporter Torsten Misler hat festgestellt: Genau diese Wohnungen sind oft in einem schlimmen Zustand. Torsten hat Beispiele gesammelt und auch mit Experten gesprochen, die sagen: Der Staat muss hier viel genauer hinschauen.
Am frühen Abend sind einige Bewohner des Viertels zusammengekommen. Sie wollen vor unserer Kamera erzählen, was sie schon seit langem wütend macht: die Zustände in ihren Wohnungen, die dem Immobilienkonzern Vonovia gehören.
Manah Sayah, Hausfrau: „Es ist Schimmel in der Küche, im Bad, im WC. Die Kinder wurden krank, mein Mann wurde krank, ich in der Schwangerschaft wurde krank.“
Jasmin Windhorn, Bewohnerin: „Meine Freundin ist auch ausgezogen, weil sie alles voller Schimmel hat und da wurde nichts gemacht. Also gar nichts. Da wurde mal über gemalert und das war es dann natürlich nach zwei Wochen wieder der Schimmel da gewesen.“
Diese Fotos sollen die Schimmelflecken in der Wohnung der Freundin zeigen. Jasmin Windhorn nimmt mich mit in den Block, in dem sie lebt. Er steht in Hannover-Sahlkamp – einem sozialen Brennpunkt. Viele Menschen im Viertel sind auf staatliche Unterstützung angewiesen, das Amt zahlt dann für sie komplett oder teilweise die Miete. Von Vonovia fühlen sich viele Bewohner im Stich gelassen: im Haus von Jasmin Windhorn funktioniert gerade der Aufzug nicht.
Im Treppenhaus gammelt zudem Müll vor sich hin. Der stammt zwar nicht vom Vermieter, aber der kümmere sich eben auch nicht darum, dass er beseitigt wird, so die Bewohnerin.
Jasmin Windhorn, Bewohnerin: „Ich wohne hier in dem Haus seit 18 Jahren und ja, man hat das Gefühl, irgendwie von Tag zu Tag wird es schlimmer und nicht schöner.“
Vonovia schreibt mir dazu: die Reinigung der Treppenhäuser erfolge regelmäßig. Nach erneuter Prüfung werde nun nicht mehr ein, sondern zwei Mal pro Woche gesäubert. Beim Fahrstuhl habe ein Ersatzteil individuell angefertigt werden müssen – deshalb die lange Wartezeit.
In Jasmin Windhorns Wohnung gebe es keinen Schimmel, erzählt mir die 41-Jährige. Andere im Viertel klagen darüber. Abdullah Saeedi bittet mich spontan in seine Wohnung: auch er hat Probleme Schimmel, betroffen sind mehrere Außenwände. Mehrfach habe er Vonovia gebeten, etwas gegen den Schimmel zu unternehmen, sagt der Bewohner. Doch geändert habe sich nichts.
Man kümmere sich unverzüglich, sobald man von Mängeln erfahre, schreibt Vonovia. Das gelte natürlich auch für Probleme mit Schimmel. Zudem betont das Unternehmen seine Verantwortung für das Viertel: „Wir engagieren uns weit über das Mindestmaß hinaus für Sicherheit, Sauberkeit und Zusammenleben im Quartier.“ Quelle: Caroline Sorgenicht, Sprecherin Vonovia
Abdullah Saedi kann wegen einer Krankheit nicht mehr als Lkw-Fahrer arbeiten, er bekommt Bürgergeld und dazu die Warmmiete von rund 1.400 Euro bezahlt. Unsere Dreharbeiten haben sich im Viertel schnell herumgesprochen: die Geschichten, die ich höre, ähneln sich. Es gibt aus Sicht der Mieter viele Missstände, aber von Vonovia werde zu wenig getan.
Ayla Basaram, Pflegefachkraft: „Und ich stelle mir natürlich die Frage: Ist sich Vonovia zu schade, irgendwas zu unternehmen, weil sie sich denken, die Menschen hier sind es nicht wert , weil sie Bürgergeldempfänger sind?“
Nicht nur Vonovia, auch andere große Wohnungskonzerne vermieten an sozial Schwache. Das ist wichtig, weil Wohnraum für diese Menschen bundesweit knapp ist. Aber die Unternehmen machen damit auch gute Gewinne. 2024 zahlten die Jobcenter für Mieten und Nebenkosten für alle Bürgergeld-Empfänger in Deutschland rund 18 Milliarden Euro. Wjahat Waraich ist Bezirksbürgermeister in Hannover-Sahlkamp. Ihn ärgert, dass der Staat zahlt, Vonovia in seinen Augen aber kaum modernisiere.
Wjahat Waraich, SPD, Bezirksbürgermeister: „Das ist für Vermieter natürlich attraktiv, solche Wohnungen zu haben, weil sie wissen, ob wir nun in diesen Bestand investieren oder nicht. Die Miete kommt pünktlich und die Nebenkosten werden, ob wir sie nun erhöhen oder nicht, immer übernommen. Also von daher ist es für Vermieter ein sehr elegantes Geschäftsmodell.“
Wie hilflos Bewohner, aber auch der Staat bei manchen Vermietern sind beobachte ich schon seit einigen Jahren in Halle in Sachsen-Anhalt. Viele Wohnungen im Plattenbaugebiet gehören dem Unternehmen „Bevo de Alpha 2a“. Schimmel, Kakerlaken, nicht funktionierende Abflüsse sind hier die Probleme. Sich vor Gericht zu wehren fällt gerade sozial Schwachen schwer. Hier in Halle ist der Vermieter inzwischen pleite und der Stadt bleibt nur eine Empfehlung für die Bewohner: schnell wegziehen.
Die sogenannten Kosten der Unterkunft, also die Beträge, die der Staat für Bürgergeld-Empfänger zahlt, sind deutlich gestiegen: seit 2011 um rund 30 Prozent. Und es gibt auch immer mehr Menschen, die auf diese Hilfe angewiesen sind - ein einträgliches Geschäft, sagt auch der Wirtschaftswissenschaftler Matthias Günther.
Matthias Günther, Pestel-Institut: „Mieter, der da drin sitzt, eben der Grundsicherungsempfänger oder der Bürgergeldempfänger, der ist froh, dass er eine Wohnung hat. Der wird sich da nicht beschweren.“
Die Beträge orientieren sich grundsätzlich an vergleichbaren Mieten, die ebenfalls stark gestiegen sind. Aber in den hier rot eingefärbten Regionen wurden auch deutlich überhöhte Mieten übernommen - zwei Beispiele: In Hamburg lag die Durchschnittsmiete 2022 bei 9,30 Euro je Quadratmeter. Der Staat aber zahlte 12,17 Euro. In München lag der Durchschnitt bei 12,80 pro Quadratmeter, der Staat aber musste 19,40 Euro hinblättern. In manchen Fällen seien die Wohnungen in schlechtem Zustand, sagt auch Matthias Günther und fordert: hier muss der Staat viel genauer hinsehen.
Matthias Günther, Pestel-Institut: „Das ist das, was bisher noch nie passiert ist, was aber dringend notwendig ist . Allein schon die Androhung praktisch, dass es demnächst Kontrollen geben kann, wird schon eine disziplinierende Wirkung auch auf die Vermieter haben.“
Das zuständige Bundessozialministerium will gegen überhöhte Mieten vorgehen, Kontrollen zu den Zuständen in Wohnungen sind allerdings nicht geplant. Hier in Dresden handelt der Staat. In der Stadt sind die Kosten der Unterkunft ebenfalls deutlich gestiegen, Das Absurde daran: die Wohnungen, für die sie jetzt viel zahlt, gehörten bis 2006 der Stadt, dann aber wurden sie an einen Immobilienkonzern verkauft. Die zuständige Bürgermeisterin war 2006 noch nicht im Amt und findet nun deutliche Worte für den Deal von damals.
Kristin Kaufmann, Linke, Sozialbürgermeisterin Dresden: „Ich wünschte, wir hätten diesen Verkauf nie getätigt. Wir haben heute diesen Fehler erkannt und ziehen ihn heute wieder glatt.“
48.000 Wohnungen verkaufte die Stadt einst, nun macht sie bei 1.200 davon die Rolle rückwärts – sie muss viel zahlen und die Häuser sanieren. Auch sozial Schwache sollen gut wohnen, sagt die Bürgermeisterin. Nur allzu gern hätte sie noch mehr Häuser zurück.
Kristin Kaufmann, Linke, Sozialbürgermeisterin Dresden: „In welcher Höhe würde ich zurückerwerben? So pi mal Daumen. Um die 17 bis 18.000 Wohnungen. Kann ich es mir leisten? Nein, kann ich nicht.“
Wohnungen ohne Schimmel und Müll im Treppenhaus – das wünschen sich Mieter wie Jasmin Windhorn in Hannover-Sahlkamp. Vonovia hat zugesichert, mögliche Mängel zu prüfen und abzustellen. Außerdem wolle das Unternehmen ins Viertel investieren. Für Jasmin Windhorn ein wichtiger Schritt, um hier gut und ordentlich zu wohnen.









