Ja, die Kritik an dem Film ist berechtigt

Warum ich „Tatsächlich... Liebe“ trotz all seiner Fehler liebe

Was eigentlich auf Marks Schild hätte stehen müssen – oder?
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24. Dezember 2019 - 15:11 Uhr

Ich liebe den Weihnachtsfilm!

Alle Jahre wieder... sitze ich in der Vorweihnachtszeit oder an den Weihnachtsfeiertagen vor dem Fernseher und schaue "Tatsächlich... Liebe". Dieses Jahr habe ich es mir für den gemütlichen 1. Weihnachtstag aufgehoben – schön im Fresskoma bei Mama und Papa auf der Couch rumlümmeln und Hugh Grant bei seinen ersten Tagen als Premierminister, Colin Firth bei seinem Versuch, nach einer gescheiterten Beziehung einen Roman zu schreiben und Emma Thompson und Alan Rickman bei ihrer Ehekrise zusehen. Ich liebe es! Doch im Netz gibt es auch eine andere Fraktion, die sagt, dass "Tatsächlich... Liebe" ein ziemlich furchtbarer Film ist. Und irgendwie haben sie Recht.

Von Katharina Meyer

"Ein furchtbares, toxisches, rückständiges Müllcontainer-Feuer"

"Es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt. Die Menschen, die erkennen, dass 'Tatsächlich... Liebe' ein furchtbares, toxisches, rückständiges Müllcontainer-Feuer eines Filmes ist und diejenigen, die daneben liegen", heißt es in einem "Beyond the Box Set"-Artikel, in dem die neun romantischen Storylines des Episoden-Weihnachtsfilms von der schlimmsten zur besten gerankt werden. In einem "Buzzfeed"-Artikel findet man eine Liste, mit den 16 schlimmsten Charakteren in "Tatsächlich... Liebe". Beide Listen führt Mark (Andrew Lincoln) an, der in Juliet (Keira Knightley), die frischgebackene junge Ehefrau seines besten Freundes (Chiwetel Ejiofor) verliebt ist.

Warum der Mark-Peter-Juliet-Handlungsstrang wirklich problematisch ist

Verliebt in die Partnerin des besten Freundes – ein Dilemma, das sicherlich für alle Beteiligten unschön ist, aber problematisch? An sich nicht. Wenn der unglücklich Verliebte das Objekt seiner Begierde dann allerdings erst wie den letzten Dreck behandelt, heimlich filmt und ihm dann pünktlich zu Weihnachten die Liebe gesteht, während der beste Freund nichtsahnend im Wohnzimmer sitzt, dann vielleicht doch ein wenig. Ja, Marks Verhalten hat stalkerische Tendenzen und ist weder fair gegenüber Juliet noch gegenüber seinem angeblich besten Freund Peter. Ja, es gibt sicherlich elegantere Wege, mit unerwiderter Liebe umzugehen. Ja, ich muss trotzdem lächeln, wenn Mark Juliet seine creepy Schilder-Show zeigt.

Gibt es überhaupt einen Handlungsstrang, der wirklich herzerwärmend ist?

Hugh Grant in „Tatsächlich... Liebe“
Sie hätten auch einfach mal mit Natalie reden können, Herr Premierminister!
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Aber wie sieht es mit den anderen Handlungssträngen aus? Colin (Kris Marshall) will an Weihnachten nur eins: flachgelegt werden. Dafür reist er in die USA – denn wie jeder weiß, sind alle Amerikanerinnen sexwillige Hotties, die sich keine Pyjamas leisten können und auf gruselige Engländer stehen. Ja, das passiert wirklich in dem Film.

Natalie (Martine McCutcheon) wird den ganzen Film über gefatshamed, obwohl sie kein Gramm Fett zuviel besitzt und als ihr Boss (Hugh Grant), der sich in sie verliebt, mitbekommt, wie sie vom US-Präsidenten (Billy Bob Thornton) sexuell belästigt wird, schützt er sie nicht, sondern feuert sie. Ja, das war ein Missverständnis, aber der Premierminister hätte seiner Assistentin dennoch Gelegenheit geben können, die Situation aufzuklären.

Und Harry (Alan Rickman) lässt sich auf die wirklich sehr offensiv-billige Anmache seiner Sekretärin Mia (Heike Makatsch) ein, obwohl er mit der wundervollen Karen (Emma Thompson) eine Ehe führt, die auf Augenhöhe scheint und auf einer tiefen Freundschaft basiert. Müsste dieser Film nicht eher "Sch**ß auf Liebe" heißen?

Man könnte so weitermachen: Daniel (Liam Neesen) kümmert sich nach dem Tod seiner Frau liebevoll um seinen Stiefsohn, nur um ein paar Wochen später mit einer Frau zusammenzukommen, WEIL sie aussieht wie Claudia Schiffer, der abgehalfterte Rock-Star Billy Mack (Bill Nighy) ist ein Arsch (macht aber zumindest keinen Hehl daraus), Jamie (Colin Firth) heiratet in klassischer Midlife-Krisen-Manier eine Frau, mit der er kaum drei Worte gewechselt hat... Huiuiui, Richard Curtis, soll uns da wirklich vor lauter Liebe das Herz aufgehen?

Warum ich den Film trotzdem gerne gucke

Ja, bei mir tut es das! Ich glaube, es kommt einfach darauf an, was man von einem Weihnachtsfilm will. Das Leben ist nunmal kein Märchen, es gibt eine Menge dämlicher Dinge, die passieren und eine Menge dämlicher Menschen, die Fehler machen.

Hätte Curtis den Film nicht in einem so begrenzten Zeitraum spielen lassen, und nicht so viele Episoden und Figuren reingenommen, hätte man die einzelnen Storylines vielleicht glaubwürdiger erzählen können. Ich kann mir zu vielen der einzelnen Handlungsstränge einen kompletten Film vorstellen (für den von Emma Thompson und Alan Rickman würde ich meine Seele verkaufen, ruhe in Frieden, Alan!), doch wenn "Tatsächlich... Liebe" nicht aus den vielen verschiedenen Einzelsträngen bestehen würde und nicht die letzten Wochen vor Weihnachten porträtieren würde, dann wäre er auch nicht der Film, den ich jedes Jahr wieder gerne anschaue.

Ich habe jedes Jahr einen neuen Lieblingsstrang

Auch, wenn ich den Weihnachtsfilm bestimmt schon 15 Mal gesehen habe, entdecke ich jedes Mal etwas Neues. Vor allem habe ich jedes Jahr eine andere Lieblingshandlung. Mal sind es Daniel und Sam, die gemeinsam ihre Trauer in neuen Lebensmut verwandeln, mal freue ich mich über die lustige Unbeholfenheit der Porno-Lichtdoubles John und Judy. Letztes Jahr hat es mir die tragische Geschichte von Sarah am meisten angetan, die schon lange in ihren Arbeitskollegen verliebt ist, sich aber nicht von den Pflichten gegenüber ihrem psychisch kranken Bruder lösen kann.

Vor allem aber mag ich es einfach, mich von dem großartigen Cast und dem weihnachtlichen Soundtrack auf Weihnachten einstimmen zu lassen. Denn wenn man älter wird, verliert die Adventszeit mit ihrem ganzen Stress, dem privaten und beruflichen Jahresendspurt, dem Konsum- und Geschenkezwang irgendwie ihre Magie. Wenn ich dann einen Weihnachtsfilm schaue, der für mich seit meinem Teeniealter zum Fest dazugehört, kommt die Magie wieder zurück – wenn auch nur für 135 Minuten.

Falls Sie nun auch Lust haben, den Film zu schauen, hier haben wir zusammengefasst, wann er im TV kommt und hier ist er unter den besten Streaming-Tipps für Weihnachten mit dabei. Welcher Film bei mir als Kind nie zum Fest gehörte? "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Den habe ich in diesem Jahr zum ersten Mal gesehen – und für Sie festgehalten, was ich dabei gedacht habe.