Experten schlagen Alarm

Autos verdrängen unsere Kinder: Platz zum Spielen in Großstädten immer knapper

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16. Juli 2019 - 12:10 Uhr

10 Quadratmeter pro Auto - 0,6 Quadratmeter für Spielfläche

In deutschen Großstädten wird der Platz für Spielflächen immer knapper. "Vor allem in den verdichteten Innenstadtbezirken ist die Lage prekär. In Zeiten des zunehmenden Wohnungsneubaus müssen wir schauen, dass noch Platz für die Kinder bleibt", sagt Claudia Neumann vom Deutschen Kinderhilfswerk. So ist in Berlin beispielsweise die durchschnittliche Spielfläche je Einwohner seit dem Jahr 2000 von 0,8 auf 0,6 Quadratmeter gesunken. Im Vergleich dazu braucht ein PKW eine durchschnittliche Parkfläche von 10 Quadratmeter.

In Berlin fehlen 40 Prozent der gesetzlich vorgeschriebenen Spielfläche

Anfang der 1990er lag der Wert im Westteil der Stadt noch bei durchschnittlich 1,3 Quadratmetern. Laut Spielplatzgesetz von 1979 soll es mindestens ein Quadratmeter sein. Heute fehlen also 40 Prozent Spielplatzfläche in der Hauptstadt.

"Das geht in die Katastrophe. Wir haben in der Stadt keinen Platz mehr für Kinder. Wenn wir überlegen, wie viel wir für Autos haben: Pro Pkw brauchen wir etwa zehn Quadratmeter", sagt der langjährige Spielplatzdesigner Günter Beltzig. Und obwohl er seit Jahrzehnten Spielplätze entwirft, bräuchte es die aus seiner Sicht nicht mal: "Kinder spielen überall, jederzeit mit allem. Wir Erwachsenen brauchen die Spielplätze, weil wir die Kinder nicht jederzeit und überall mit allem spielen lassen wollen, weil wir uns von den Kindern gestört fühlen."

Eine Möglichkeit, Kindern mehr Raum zum Spielen zu geben, ohne viel Geld auszugeben, sind aus seiner Sicht Schulhöfe: "Beim Spielen werden Kreativität, Spontaneität und Hilfsbereitschaft trainiert, das lernt man nicht in der Schule, aber auf dem Pausenhof." Er schlägt daher eine Spielstunde pro Tag auf Schulhöfen vor.

In Städten werden Straßen zu Spielorten

Das Geldproblem beschäftigt die Städte besonders: "Die vor 15 bis 20 Jahren aufwendig gestalteten kommunalen Spielplätze sind heute zum Teil erheblich sanierungsbedürftig. Immer mehr Kommunen sehen sich nicht mehr in der Lage, die finanziellen Mittel für eine Sanierung und Neugestaltung aufzubringen", berichtet die Jugendreferatsleiterin vom Deutschen Städte- und Gemeindebund, Ursula Krickl.

Der Verband beobachte zudem mit großer Sorge, dass manche private Eigentümer von Mehrfamilienhäusern ihrer Pflicht zur Schaffung von Spielgelegenheiten auf dem eigenen Grundstück nicht mehr ausreichend nachkommen. Für die in begründeten Einzelfällen mögliche Befreiung von der Pflicht sollten die Kommunen laut dem Verband eine Ablösesumme verlangen. "Diese Mittel sollten in den Ausbau qualitätsvoller Spielplätze fließen", so Krickl.

Zunehmend beobachte sie aber auch, dass sich private Elterninitiativen engagierten und nach Sponsoren suchten. In Städten wie Bremen, Frankfurt und Stuttgart rücken nun Straßen als Spiel- und Aufenthaltsorte wieder zunehmend in den Fokus. In Berlin hat sich im März eine Initiative gegründet, die temporäre Spielstraßen stadtweit zu einer festen Größe etablieren will, wie es etwa in London der Fall ist. Dort wurden demnach innerhalb von drei Jahren über 100 temporäre Spielstraßen geschaffen, die zeitweise für Autos gesperrt werden.


Quelle: DPA / RTL.de