RTL Nachtjournal-Spezial: Marode Meiler

RTL Nachtjournal-Spezial: Marode Meiler

In Deutschland sind noch sieben Atomkraftwerke in Betrieb. In drei Jahre werden sie endgültig vom Netz genommen. Gemeinsam mit dem gemeinnützigen Recherchezentrum Correctiv geht das 'RTL Nachtjournal' der Frage nach, wie es um die Sicherheit der Atommeiler steht. Ihr Ergebnis: es gibt bedenkliche Sicherheitsmängel. Die Hauptschwachstelle sind danach die Brandschutzklappen.

Wegen der Radioaktivität sind AKW so konstruiert, dass man im Falle eines Brandes Räume lieber ausbrennen lässt. Damit kein giftiger Rauch in andere Räume gelangt müssen Brandschutzklappen die Lüftungsanlagen dicht machen. Diese Klappen sind von Anfang an fest im Beton verbaut. Und das ist ein Problem. Brandschutz-Gutachter Matthias Dietrich: 'Jede Technik - und das gilt natürlich auch für den Brandschutz - hat ihr Verfallsdatum. Gerade bei den ganz alten Klappen, die waren noch nicht so stabil, so massiv gebaut, haben wir inzwischen doch Kenntnis darüber, dass sich nach Hunderten von Auslösungen über die lange Zeit eventuell Haarrisse und Beschädigungen bilden. Die sieht man nicht. Die können dann aber im Brandfall entscheidend sein, weil dann plötzlich ein Teil der Klappe wegplatzt und hier das Schutzniveau nicht erreicht wird, was wir eigentlich von dieser Klappe erwarten.'

Eine Nachrüstung bzw. ein Austausch der Brandschutzklappen wäre also eigentlich dringend erforderlich, doch das wäre mit einem immensen Aufwand verbunden. Der ehemalige AKW-Lüftungstechniker Jürgen Joss gegenüber dem 'RTL Nachtjournal': 'In Bezug auf die Brandschutzklappen ist wirklich das Problem, dass es hier um eine ganz große Nachrüstung geht. Man muss ganz dicke Mauern durchsägen und Klappen ausbauen, wieder einbauen. Man muss dazu Stilllegung machen. Und ja, das gibt dann riesige Kosten. Schon der Stromausfall von dieser 1000 Megawattanlage ist pro Tag ein richtiger Batzen. Das ist nicht im Interesse vom Betreiber.'

CORRECTIV fragte im Zuge der Recherchen bei den sieben Kraftwerkbetreibern nach, wie viele der Brandschutzklappen ausgetauscht worden seien. Antworten kamen nur aus Brockdorf (von 600 Brandschutzklappen wurde gerade einmal zehn in den letzten 15 Jahren ausgetauscht) und Neckarwestheim 2 (hier wurden 6 von 723 Brandschutzklappen ausgetauscht).

Bastian Schlange, Journalist bei CORRECTIV: 'Auf Basis dieser Antworten sind wir zu dem Schluss gekommen, dass 5500 Brandschutzklappen in allen AKW in Deutschland für Brandschutz sorgen sollen und dass seit Inbetriebnahme lediglich 20 ausgetauscht wurden.” Wenn diese Berechnung stimmt, wären das nicht mal ein Prozent!

Bei der Naturschutzorganisation BUND hat man schon öfter vor den Risiken gewarnt. Thorben Becker, zuständig für Atompolitik, hat den Eindruck, nicht die Sicherheit der Bevölkerung stehe an erster Stelle, sondern wirtschaftliche Interessen der Betreiber. 'Es wurden von vielen Experten Nachrüstungen auch für die deutschen AKW gefordert, von denen viele bis heute nicht umgesetzt wurden. Es findet an keinem der noch laufenden AKW in Deutschland eine periodische Sicherheitsüberprüfung in der Restlaufzeit statt. Das sind schon gefährliche Zeiten. Es wird darauf gesetzt: Es wird schon nichts passieren.'

Dabei ist im Atomgesetz der höchst mögliche Standard vorgeschrieben: Die Anlagen müssen danach IMMER dem Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen. Bei Brandschutzklappen, die älter als 30 Jahre sind, kann das sicher nicht der Fall sein.

In einer schriftlichen Stellungnahme des Bundesministeriums für Umwelt heißt es: 'Auch für den verbleibenden Nutzungszeitraum bleibt bestmögliche Sicherheit das oberste Gebot und muss von den Betreibern jederzeit gewährleistet werden. Das BMU wird seinen Teil dazu beitragen, dass es bis dahin keine Abstriche an der Sicherheit geben wird.'