Schweizer Nonne In Papua-Neuguinea: Hexenverfolgung! Schwester Lorena kämpft am Ende der Welt für misshandelte Frauen
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Am Ende der Welt, im Hochland von Papua-Neuguinea, kämpft eine Schweizer Nonne um das Leben von Frauen, die Opfer von Hexenverfolgungen geworden sind. Schwester Lorena setzt für misshandelte Frauen oft ihr eigenes Leben aufs Spiel.
Reporter: Die Reise in eine andere Welt führt mich an den Rand der Erde. Papua Neuguinea ist die drittgrößte Insel der Welt und gefährlich. Ein paar Sekunden Googeln reichen für diese Erkenntnis. Von Reisen in die Bergregionen rät das Auswärtige Amt ab. Genau dort aber lebt Schwester Lorena.
Reporter: Guten Tag. Dich umarmen. Danke. Darf man? Darf man? Schön, Sie zu sehen.
Reporter: Es fühlt sich unwirklich an, endlich vor ihr zu stehen. Der Schweizer Nonne, die ihr Leben den Frauen Papuas gewidmet hat. Eine Frau, die für ihren Kampf gegen brutale Hexenjäger von Männern respektiert wird und von Männern beinahe umgebracht wurde. Die fünfstündige Fahrt ins Herz der Highlands wird mit jeder Kurve spektakulärer. Schwester Lorena ist unsere Lebensversicherung. Darum sitzt sie vorne, damit sie jeder gleich erkennt und erkannt wird sie, egal wo wir auch stoppen. Mich beeindruckt, dass Schwester Lorena jeden, der während der Reise an ihr Fenster tritt, mit Namen anspricht. Mit 75 Jahren sitzt sie noch selbst hinter dem Steuer. Immer dann, wenn Fahrer Franklin mal nicht kann. Sie ist keine normale Nonne, sagt sie. Ich stimme schon jetzt zu.
Reporter: Jetzt kommen wir ins wichtige Paradies von Schwester Lore. Und das Herz des Paradieses ist das Haus der Hoffnung. Wir sind angekommen.
Schwester Lorena: Das ist wirklich meine Heimat. Ich gehöre einfach hierher. Und das Grab soll auch einmal das sein.
Reporter:Wie viele Jahre leben Sie denn schon hier?
Schwester Lorena: Also, du musst du sagen, sonst geht es nicht. Sonst haben wir einen großen Durcheinander. Also, ich lebe jetzt schon hier für. Also gut. 25 Jahre. Fast immer. Und ich bin ja 47 Jahre im Lande.
Reporter: Schwester Lorena ist Ende 20, als sie sich von der Familie in der Schweiz verabschiedet und in Papua Neuguinea 1979 ein neues Leben beginnt. Wie das Land damals war, will ich wissen.
Schwester Lorena: Ich dachte, ich bin im Paradies gelandet. Schönheit, Menschenfreundlichkeit, Menschengüte und alles, was dazugehört. Nie ist etwas passiert, sagen wir in den ersten zehn Jahren.
Reporter: Kannst du dich an den ersten Fall von Hexenjagd noch erinnern? Wann fing das an?
Schwester Lorena: Das erste Mal, das wir das Wort Hexe gebrauchten. Erschreckt nicht alle, das war am 10. August 2012. Da bin ich aus allen Wolken geflogen. Das hätte ich nie in den wildesten Träumen mir vorstellen können, dass ich später einmal so etwas erleben werde. Da war der Vorfall von Christina. Die haben sie aufgehängt. Gefoltert. Also, die war wie an einem Kreuz. Und die ist dann im Grunde daran gestorben.
Reporter: 2021 wurde das Haus der Hoffnung mit Unterstützung des katholischen Hilfswerks Missio Aachen eröffnet. Bis zu zehn Opfer von Hexenverfolgung können hier Schutz finden. Frauen wie Pauline, Rika und Margaret. Ihr Schicksal nimmt mich besonders mit. Sie wartete morgens nur auf den Bus.
Margaret: Eine junge Frau hat dort ebenfalls gewartet. Ich wünschte ihr guten Morgen. Was ich nicht wusste, war, dass es ihr nicht gut ging. Sie ging nach Hause und wurde ohnmächtig. Die Schuld dafür gab sie mir. Einen Tag später standen viele Menschen vor meinem Zuhause. Wütend fragten sie, was ich dem Mädchen angetan hätte. Ich sei die Einzige gewesen, die sie gegrüßt hätte. Ich sagte, ich hätte nichts gemacht. Da wurden sie noch wütender. Sie brachten mich in ein anderes Haus und schnitten mir zwei Finger ab.
Reporter: Doch das ist nur der Anfang der Folterung. Wir verzichten auf Details. Um ihr Leben zu retten, gibt Margaret am Ende zu, eine Hexe zu sein. In den letzten zwei Jahrzehnten sollen in Papua 3000 Menschen, meist Frauen, zu Tode gequält worden sein, weil man einen Sündenbock brauchte. Das Märchen der Hexe kommt da gelegen und die Polizei schaut oft nur zu. Warst du selbst mal in Lebensgefahr?
Schwester Lorena: 100 Mal. Es ist eigentlich ein Wunder, dass ich hier sitze und mit euch rede. Ich weiß bei keinem einzigen Fall, wenn ich eine Frau retten gehe, ob ich verletzt rauskomme oder ob ich niedergeknallt werde. Mit dem habe ich Frieden gemacht.
Reporter: Hexen gibt es nicht. Diese Nachricht tragen Schwester Lorena und ihr Team in die Dörfer. Auf großen Schildern. Jeder soll es sehen. Besonders die Männer.
Auf dem Dorfplatz haben sich Hunderte versammelt. Er eskalierte die Situation, während Schwester Lorena und die anderen Frauen komplett schutzlos sind. Dennoch erhebt die Schweizerin das Wort.
Schwester Lorena zu den Männern: Ihr seid besonders. Ihr wollt eure Frauen und Kinder beschützen, indem ihr ihnen Hoffnung gebt.
Mann: Wir versuchen, die Kultur des Westens zu übernehmen. Wir wollen ein friedliches Leben. Wir predigen das Wort Gottes.
Reporter fragt Lorena: Die Atmosphäre ist sehr friedlich hier. Täuscht der Eindruck? Sind hier unter den Männern auch möglicherweise Männer, die gegen ihre Frauen gewalttätig werden?
Lorena: Mindestens 80 Prozent. Und ich bin geneigt sogar zu sagen 85 %.
Reporter: Von den Männern hier. Was machen die also? Was würden die machen? Im Zweifelsfall.
Lorena: Töten?
Reporter: Ich spreche die an, die es betrifft. Die Männer.
Mann: Weil wir Männer kontrollieren die Frauen, Weil es so in der Bibel steht.
Reporter: Glaubst du an Hexen?
Mann: Ja, tun wir.
Reporter: Wie bestraft ihr Hexen mit Feuer? Painful. It's a torture. Das ist Folter. Es tut unfassbar weh. Manchmal stirbt die Frau. Findest du das richtig? You think it's good?
Mann: Es mag nicht richtig sein, aber es ist ihre Strafe.
Reporter: Da steht man vor dem Mann und denkt sich ‚Das kann er doch nicht ernst meinen, was er sagt‘. Wenn man dann aber von Schwester Lorena hört, dass die Kinder hier schon ganz früh die Schule abbrechen, keine Bildung haben, keine Erziehung, dann ist das eine Erklärung für so eine Sichtweise, aber keine Entschuldigung.
Reporter: 420 Leben hat Schwester Lorena gerettet. Jede hier hat sie daran erinnert, dass sie eine stolze Frau sein kann. Für Pauline, Rica und Margaret ist Schwester Lorena eine von ihnen. Zwar ist sie weiß, sagen sie. Ihr Herz aber ist genauso schwarz wie ihres.
