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Tsipras fährt Griechenland vor die Wand

15.05.12 11:04
Alexis Tsipras, Griechenland, Pleite, Wirtschaft, Nachrichten, Jean-Claude JunckerIm Volk kommt er gut, bei seinen Kollegen nicht: Alexis Tsipras, Vorsitzender der radikalen Linken, ist auf dem besten Weg, Griechenland aus dem Euroraum zu katapultieren.
Foto: dpa bildfunk

Letzter Akt in der griechischen Tragödie

Wenn das Schicksal eines taumelnden Landes in den Händen eines Mannes liegt, der sich je nach Laune mal als Oberkommunist, mal als Menschenrechtler à la Martin Luther King präsentiert, läuft in diesem Land irgendetwas falsch – willkommen in Griechenland! Dort spielt heute Alexis Tsipras die entscheidende Rolle im wohl vorerst letzten Akt einer griechischen Tragödie auf der Suche nach einer Regierung.

Der 37-jährige Tsipras ist der Vorsitzende des radikalen Linksbündnisses. Ohne seine Partei, derzeit die zweitstärkste Kraft im Parlament, kann es keine tragfähige Regierung geben, die vor allem das Vertrauen der Mehrheit des Volkes genießt. Das weiß Tsipras, der mit den anderen Parteichefs am Nachmittag über die Bildung einer Expertenregierung beraten wird. Ob er ernsthaft eine Lösung anstrebt, darf allerdings bezweifelt werden. Scheitern die Gespräche, gibt es Neuwahlen und einen zentralen Gewinner: Alexis Tsipras.

Laut aktuellen Umfragen würde sein radikales Linksbündnis Syriza beim nächsten Wahlgang mehr als 20 Prozent der Stimmen bekommen und wäre damit die stärkste Kraft in Griechenland. Da war es am Montag kaum verwunderlich, dass Tsipras sich nicht einmal zu einem Treffen bemühte, bei dem Staatspräsident Karolos Papoulias und Kollegen über eine Expertenregierung debattierten. Immerhin: Für heute hat sich der politische Newcomer angekündigt – ein Mann, der die Aufmerksamkeit zurzeit wie kaum ein anderer Politiker in Europa auf sich zieht.

Es gibt Tage, da spricht Tsipras wie ein Kommunist und wünscht "die Verstaatlichung der Produktionsmittel des Landes". Dann mimt er den Menschenrechtler, spricht von seinem Traum, dass alle Griechen eines Tages die gleichen Rechte genießen. Und die Führer der bislang regierenden Traditionsparteien? Alles "politische Gauner", meint der Protestheld, dessen Worte bei den Menschen in dem krisengeplagten Land hängen bleiben.

So ist er überzeugt, dass "die Rettung unseres Landes nur durch die Zurückweisung barbarischer Maßnahmen gelingen kann". Tsipras wolle das "barbarische Spardiktat", das Athen von den internationalen Geldgebern auferlegt wurde, zu Fall bringen. Als der Syriza-Vorsitzende den Auftrag zur Regierungsbildung erhielt, gab er sich einfach, kam zu Fuß und ohne Krawatte zum Treffen der Regierungschefs. Bei den zurzeit rebellischen Griechen kommt das an, nicht aber bei den Politikern, denn die finden keinen gemeinsamen Nenner mit dem großspurigen Rhetoriker.

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Und genau hier liegt das Problem: Tsipras klopft fleißig populistische Floskeln, ohne jedoch Lösungsvorschläge für die andauernde Krise zu nennen. Nach seinem Willen soll Griechenland in der Eurozone bleiben und die Banken verstaatlichen. Gleichzeitig fordert er, dass die Renten wieder erhöht werden und die Schulden im Ausland nicht beglichen werden. Auch das hört das griechische Volk gerne, doch was, wenn die Geldgeber dem Krisenland endgültig den Hahn abdrehen?

Noch ist es "Europas unerschütterlicher Wille, dass Griechenland in der Eurozone bleibt", betonte Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker. Er stellte aber auch klar, dass Griechenland die vereinbarten Spar- und Reformziele einhalten muss. "Es ist nicht die Zeit, bei den Reformanstrengungen nachzulassen", so Juncker.

Sollten die Gespräche am Nachmittag allerdings erneut scheitern, dürfte es sich mit den Reformanstrengungen erledigt haben. Dann wird Tsipras nach den Neuwahlen am 10. oder 17. Juni noch mehr Macht in den Händen halten, als er es ohnehin schon tut. Der Reform- und Sparkurs dürfte unten in die Schubladen wandern oder womöglich sogar ganz durch den Schredder gejagt werden.

Die Eurogruppe und der Internationale Währungsfonds (IWF) blicken heute also mit Skepsis nach Griechenland und vor allem auf Alexis Tsipras. Tritt das ein, was Experten schon längst vermuten, ist die Pleite gewiss. Griechenland muss die Eurozone verlassen und zur Drachme zurückkehren. Das wollte zwar auch Tsipras nicht, aber offenbar nimmt er das in Kauf, um die politische Macht in Griechenland an sich zu reißen.