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Libyen: Auf der Suche nach der Zukunft

28.12.11
Libyen: Auf der Suche nach der ZukunftLibyen: Ein Land auf der Suche nach der Zukunft.
Foto: Reuters

Dirk Emmerichs Tagebuch aus dem Krieg

1.Mai
In Tunesien ist der Krieg im Nachbarland inzwischen auch zu einem Geschäft geworden. Zumindest für die Taxi-Mafia an der Grenze. Khalil, unser Fahrer, der uns auf dem Landweg von der Grenze zum Flughafen Djerba bringen soll, hat Probleme. Sein Pickup, das inzwischen mit sieben Koffern und Kisten beladen ist, wird blockiert. Er habe kein Recht, Grenzgänger wie uns hier abzuholen. Eine dreiviertel Stunde lautstarke Diskussion und schließlich ein Schmiergeld von 100 Dinar (50 Euro) – und wir dürfen weiter zum Flughafen Djerba.
Hier höre ich vom neuen Luftanschlag auf die Gaddafi-Residenz Bab Al Aziziyah. Sein zweitjüngster Sohn, Saif-al-Arab, ist ums Leben gekommen und auch drei seiner Enkel. Gaddafi hat überlebt, wieder einmal. Wie oft noch?

30. April
Nach drei Wochen verlasse ich Tripolis wieder. Gaddafi, so scheint es, wird sobald nicht aufgeben und zurücktreten. Der Druck der Rebellen reicht nicht. Sie sind noch immer zu unorganisiert und zu schlecht ausgerüstet, um wirklich entschlossen gegen den Diktator vorzugehen.
Wir fahren auf dem Landweg zur tunesischen Grenze. Vorbei an Städten und Dörfern, in denen der Krieg seine Spuren hinterlassen hat. Zeitaufwendige Kontrollen an den unzähligen Checkpoints, lange Schlangen vor den wenigen geöffneten Tankstellen, verblichene Gaddafi-Poster, Lebensmittel-Engpässe und unsicher winkende Menschen am Straßenrand. Ein Land im Bürgerkrieg, auf der Suche nach seiner Zukunft. Libyen Ende April 2011.

29. April
Ein Sandsturm von Westen hat einen Dunst-Schleier über die Stadt gelegt. Es ist unglaublich heiß, weit über 30 Grad. Im staatlichen Fernsehen laufen Bilder von einem Treffen der Stammesobersten. Sie wollen Verhandlungen, im Sinne Gaddafis. Was die Fernsehbilder nicht zeigen und sagen, dass ein Teil der Stämme sich längst losgesagt hat von Gaddafi. Was die Fernsehbilder auch nicht zeigen und sagen... die anhaltenden Kämpfe in Misrata, und dass der Osten fest in der Hand der Rebellen ist.

Am späten Abend gibt es neue Luftangriffe auf Tripolis. Gaddafi hat inzwischen fast die Hälfte seiner militärischen Schlagkraft eingebüßt. An Rücktritt denkt er jedoch weiterhin nicht. Er werde bis zum Ende kämpfen, erklärt in einer Fernsehbotschaft für alle im Land und für den Westen. Er sei und bleibe Vater aller Libyer.

28. April
Das Bild mit dem kleinen Jungen, der mit einer Maschinenpistole hantiert, geht mir auch einen Tag später nicht aus dem Kopf. Auch das Bild der mit einem grünen Tuch völlig vermummten Schülerin nicht, die zornig und entschlossen in unsere Kamera blickt.
Was ist das nur für ein Land, was ist das nur für ein Regime, das die Jüngsten auf diese Weise instrumentalisiert? Sie sind so unschuldig und (noch) so unbeteiligt an diesem Krieg. Gaddafi versucht sie in seiner Propagandaschlacht gegen den Westen vor seinen Karren zu spannen.
Die Statements von Regierungssprecher Mussa Ibrahim verhallen am Abend. In Misrata hätten die Rebellen auch heute wieder Zivilisten angegriffen, auch am Konflikt völlig unbeteiligte Frauen und Kinder.

27. April
Wir sind unterwegs in den Südosten, zum Stamm der Tarhuna. Es gibt bis zu 140 verschiedene Stämme. Über die Hälfte unterstützt inzwischen die Rebellen. Die Tarhuna hingegen stehen weiter zu Gaddafi. Hier in der Hochebene, in der die Steppe die nahe Wüste erahnen lässt, gibt es zahlreiche Ausbildungscamps für Gaddafi-Anhänger. Sie sind in den letzten Wochen errichtet worden. Lehrer, Anwälte, Studenten und viele einfache Leute aus der Region lassen sich hier an Waffen unterschiedlichster Art ausbilden – Mpi´s, MG´s, Panzerfäusten und Flugabwehrkanonen. Viel Erfahrung haben sie nicht im Umgang mit den Waffen, das sieht man. Jeder Schuss aus einer Panzerfaust oder einer Flak wird mit einem sich selbst Mut machendem "Allahu Akhbar“ begleitet. Sie seien bereit, für Gaddafi zu sterben.

Wir fahren weiter, vorbei an einem großen Militärkomplex, der in den letzten Tagen durch Nato-Bomben komplett zerstört wurde. An einer Schule treffen wir junge Mädchen, zwölf bis fünfzehn sind die meisten. Lautstarke Gaddafi-Rufe. Stolz präsentieren sie uns ihre Fähigkeiten an der Kalschnikow. In einem anderen Bildungskomplex trainieren kleine Kinder und alte Männer den Umgang mit einer Mpi. Die Szenerie wirkt gespenstisch. Hier bei den Tarhuna funktioniert der Propaganda- und Machtapparat Gaddafis noch perfekt.

26. April
Gaddafi lebt, ihm geht es gut. Er arbeite jeden Tag, um das Volk mit Lebensmitteln, Medikamenten und Kraftstoff zu versorgen, erklärt uns Regierungssprecher Mussa Ibrahim. Der Angriff sei aber ein terroristischer Akt des Westens, versuchter Mord.

Die Stimmung in Tripolis wirkt dennoch nervöser an diesem Tag. Wir haben unsere Aufpasser abgehängt, Kamera und Mikrofon im Rucksack.

Rund um die Residenz haben sich noch mehr Zelte mit Gaddafi-Anhängern aufgebaut. Tag und Nacht kampieren sie hier, um den Diktator zu schützen. Doch schon beim ersten Versuch, mit den selbsternannten "menschlichen Schutzschilden“ ins Gespräch zu kommen, werden wir von Sicherheitskräften gestoppt. Keine Drehgenehmigung. Knapp entkommen wir ihnen, ein Anruf im Hotel hätte Ärger zur Folge gehabt. Ein paar Kilometer weiter in der Altstadt das gleiche Bild. Ein junger Geschäftsmann aus Tripolis, der gerade aus Tunis zurückgekehrt ist, erklärt uns ganz offen, nein - er könne nicht mit uns reden, nicht vor einer Kamera. Die Angst ist groß.

25. April
Kurz nach Mitternacht werden wir aus dem Schlaf durch mehrere laute Explosionen geweckt. Ein neuer Luftangriff. Die Vibrationen der Einschläge sind deutlich zu spüren. Es ist der heftigste Angriff seit Beginn des Nato-Einsatzes. Ziel ist die Gaddafi-Residenz, nur 5 Minuten mit dem Auto entfernt. Im Zentrum des großflächigen Komplexes treffen die Bomben ein zweistöckiges Bürogebäude, das komplett zerstört wird. Als wir dort ankommen, ist die Feuerwehr noch dabei, den Brand zu löschen. Wo Gaddafi sich zu diesem Zeitpunkt aufhält, ist unklar.

Aber der Despot spürt erstmals, dass es nicht mehr nur um die Zerstörung seiner militärischen Infrastruktur geht. Die Nato hat ihn erstmals direkt ins Visier genommen. zum Abend gibt es keine Reaktion Gaddafis. Keine Fahrt im offenen Auto durch die Stadt, kein Auftritt im Fernsehen. Nichts.

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Demonstrationen für die Kamera

24. April
Nein, die Gaddafi-Truppen haben sich doch nicht - wie angekündigt - aus Misrata zurückgezogen. In der Stadt toben weiter schwere Kämpfe, heftiger als jemals zuvor. Erstmals setzen die USA die umstrittenen Drohnen ein. Dennoch verschafft das den Rebellen keine Vorteile, auf beiden Seiten gibt es viele Tote. Erneut droht ein Patt.

Am Nachmittag bin ich in Tripolis unterwegs. Die langen Schlangen vor den Tankstellen haben die Hauptstadt erreicht. Seit sieben Stunden stehe er hier, erzählt mir ein Autobesitzer. Vor ihm stehen mindestens 60 Autos. Polizei patrouilliert vor den Zapfsäulen, aus Angst vor Übergriffen.

Auf dem Basar herrscht hingegen Alltag. Reges Treiben, die Altstadt blendet den im Land tobenden Konflikt auch an diesem Tag aus. Alle Geschäfte, Imbiss-Hallen und Cafés in der Haupteinkaufsstraße sind geöffnet und gut gefüllt. Freundlich werde ich gefragt, wo ich herkomme. Almanya – very good. Sarkozy und die Amerikaner, das sind für die Leute hier die Bösen.

23. April
Kurz nach ein Uhr weder Flugzeuglärm über der Stadt, gefolgt von Flak-Feuer. Wenig später sind dumpfe Einschläge zu hören. Krankenwagen brausen mit großer Geschwindigkeit die Straße entlang Richtung Zentrum.

Eine Stunde später, noch immer kreisen Flugzeuge über der Stadt, macht Regierungssprecher Mussa Ibrahim alle Journalisten im Hotel mobil. Nahe der Gaddafi-Residenz seien zwei Bomben eingeschlagen und drei Menschen ums Leben gekommen. Wir fahren zum Ort des Geschehens. Wir sehen zwei Krater auf einem Parkplatz nahe der Residenz. Ein paar Meter ein Tor, das der Eingang zu einem Bunker sein könnte. Rund um Bab Al Azaziyah sind Zelte aufgebaut. Es sind mehr geworden, in den letzten Tagen. Menschliche Schutzschilde für Gaddafi. Auf einer spontanen Demonstration für die westlichen Kameras wird der nächtliche Angriff verurteilt. Noch immer kreisen Flugzeuge über der Stadt. So lange haben wir das nie zuvor gehört. Erst mit dem Aufruf zum Morgengebet und der einsetzenden Morgendämmerung beruhigt sich die Lage wieder.

Am Nachmittag die überraschende Meldung der Rebellen: "Misrata ist frei". Die Gaddafi-Truppen ziehen sich tatsächlich zurück. Die Belagerung der Stadt ist zu Ende. Aber gibt Gaddafi wirklich klein bei? Ist es vielleicht am Ende nicht doch nur ein neuer Schachzug? Vielleicht, um die Möglichkeit eines Waffenstillstands zu signalisieren, um Verhandlungen für eine politische Lösung zu beginnen? Die nächsten Tage werden das zeigen.

22. April
Plötzlich kommt neue Bewegung in den Konflikt. Die USA wollen wieder eine Führungsrolle in Libyen übernehmen. Sie schicken Drohnen, um schwer zugängliche Ziele auszuschalten. Die Rebellen in Misrata jubeln. US-Senator McCain trifft sich in Benghasi mit der Spitze der Rebellen und preist sie als Helden.

In Tripolis erklärt uns Vize-Außenminister Kaim auf einer improvisierten Pressekonferenz, dass sich die Armee in den nächsten Stunden aus Misrata zurückziehen werde. Die Stämme rund um die Stadt sollen den Konflikt jetzt schlichten. Die Nato-Angriffe lassen "chirurgische Eingriffe" in der Stadt nicht mehr zu. Das Eingeständnis einer Niederlage? Unter dem Druck der Luftangriffe und der Drohnen?

21. April
Statt in das umkämpfte Misrata, dass von Tripolis auf dem Landweg nicht mehr zu erreichen ist, fahren wir nach Al Zawiyah. 50 Kilometer nach Süden – vorbei an unzähligen Checkpoints und langen Schlangen vor den Tankstellen. Bis zu zwölf Stunden müssen die Autofahrer auf eine Tankfüllung warten. Obwohl das Land über riesige Öl- und Gasquellen verfügt, gibt es kaum Raffinerien. Treibstoff muss importiert werden. Doch das geht nicht mehr so einfach, seit ein Embargo gegen Libyen verhängt wurde.

Unser Ziel, die Stadt Al Zawiyah, war Anfang März zwei Wochen lang unter Kontrolle der Rebellen, bis Gaddafi-Truppen sie mit aller Gewalt vertrieben haben. Sie hatten sich zuletzt in eine Moschee zurückgezogen. Beim Sturm der Stadt wurde das Gotteshaus komplett dem Erdboden gleichgemacht. Hier ist kein Stein mehr auf dem anderen geblieben. Al Zawiyah wirkt wie einer Geisterstadt. Nur an der Universität demonstrieren dutzende Studentinnen als wir kommen. "Down Down Sarkozy" und "Allah, Muammar, Libyen – ein Volk". Als unsere Kameras alles gedreht haben, ist die Demonstration plötzlich zu Ende.

20. April
Die Kämpfe in Misrata werden immer heftiger. Eindringlich bitten die Rebellen um eine Unterstützung durch Bodentruppen. "Sonst werden wir alle sterben", so der Hilfeschrei aus der seit sieben Wochen belagerten Stadt. Doch der Westen zögert. Noch immer. Nicht nur, weil das durch kein UN-Mandat abgesichert ist, sondern auch, weil so womöglich ein neuer Dauereinsatz droht, wie in Afghanistan. Großbritannien, Frankreich und auch die ehemalige Kolonialmacht Italien wollen aber nun Militärberater schicken. Sie sollen die Rebellen besser organisieren.
Am Abend kommt dann eine Schreckensmeldung. Zwei Kollegen sind tot. Sie wurden in Misrata von einer Mörsergranate getroffen... Tim Hetherington und Chris Hondros. Bild-Kollege Julian Reichelt hatte tags zuvor noch mit ihm gemailt. Beide wollten sich nächste Woche treffen. Der Schock sitzt tief, bei allen hier.

19. April
Im Hotel Rixos, wo wir untergebracht sind, treffe ich Julia Ramelow. Die 30jährige gebürtige Hamburgerin ist eine der wenigen Deutschen, die noch in Tripolis sind. Sie ist Ehefrau von Regierungssprecher Mussa Ibrahim, der uns hier jeden Tag die Propagandabotschaften Gaddafis nahe bringt.
Die beiden haben sich vor zehn Jahren in London kennengelernt, 2009 sind sie nach Tripolis umgezogen, vor neun Monaten wurde ihr gemeinsamer Sohn geboren. Als die Demonstrationen in Ägypten anfingen, hatten beide zunächst geglaubt, der übergreifende Funke werde auch hier zu Reformen führen. Doch dann vermischte sich das mit Gewalt. Die Nato-Angriffe würden Libyen um zehn Jahre zurückwerfen, alle Gesprächsfäden über Veränderungen zerreißen. Sie traut den Rebellen, die sie und ihren Sohn bedroht haben, nicht. Viele können in dieser Situation gar nicht anders, sagt Julia Ramelow, als sich hinter den Mann zu stellen, der die Einheit des Landes symbolisiert – das sei Gaddafi. Leider. Es gebe niemand anderen. Sie weiß, dass sie sich dafür angreifbar macht. Aus Furcht vor Beschimpfungen hat sie ihren Internet-Blog eingestellt und spricht kaum mehr mit Journalisten. Ich hatte Glück.

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