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Bizarrer Zusammenbruch des Löw-Konstrukts

17.10.12
Bastian Schweinsteiger; Jerome BoatengFassungslos geht der Blick bei Bastian Schweinsteiger und Jerome Boateng ins Leere
Foto: Getty Images/Bongarts

Die deutsche Nationalmannschaft hat mit dem 4:4 gegen Schweden das wohl groteskeste Spiel ihrer Geschichte abgeliefert. Man muss sich einfach noch mal die nackten Zahlen vor Augen führen. Mit 4:0 führte die DFB-Elf nach einer der "besten 60 Minuten aller Zeiten", wie Bastian Schweinsteiger bekundete, gegen nach allen Regeln der Kunst vorgeführte Schweden. Die Ballbesitzquote lag irgendwo bei 'spanischen' 70 Prozent. Es war teilweise schon erschreckend - man muss das so schreiben - wie schwach Schweden war. Und dann das…

"Ganz ehrlich, ich kann das jetzt nicht erklären", sprach aus Joachim Löw nach dem Schlusspfiff die pure Ratlosigkeit. Das 1:4 steckten die Deutschen noch als Betriebsunfall weg, doch nach dem 2:4 verfiel die Mannschaft in eine Schockstarre, die die Welt noch nicht gesehen hat.

"Ich habe so etwas noch nie erlebt", gestand Schweinsteiger, dem in der Schlussphase jegliche ordnende Hand fehlte. Es war ja nicht so, dass die Schweden plötzlich Fußball wie von einem anderen Stern spielten. Nein, es genügte ihnen, den Ball irgendwie nach vorne zu bringen und hinterherzurennen, um von den bizarr anmutenden Fehlern der Deutschen zu profitieren.

Dabei hatte alles so gut begonnen. Angeführt von Mesut Özil zeigte die deutsche Elf in der Offensive ein nahezu perfektes Spiel. Nach dem Doppelpack von Miroslav Klose (8./15.) schien der Schweden-Drops schon nach einer Viertelstunde gelutscht. Es war eine dieser Partien, in denen einfach alles klappte. Die Spieler berauschten sich an ihren Kombinationen, der obligatorische Hackentrick inklusive.

Per Mertesacker mit einem seiner seltenen Tore (39.) und der überragende Özil (55.) schraubten das Ergebnis in die Höhe. 60 Minuten habe man alles im Griff gehabt, "das Spiel dominiert", sagte Löw: "Das war eine großartige Leistung." Doch dann kamen die Schweden durch Zlatan Ibrahimovic (44.), Mikael Lustig (64.), Johan Elmander (76.) und Rasmus Elm (90.) zum nicht mehr für möglich gehaltenen Ausgleich.

Joachim LöwJoachim Löw gelang es nicht, von außen in das Spiel einzugreifen
Foto: dpa bildfunk
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Löw: "Natürlich ist das ein Lernspiel gewesen"

Was blieb, war Fassungslosigkeit. "Sprachlos" seien alle, gestand Löw, "in der Kabine ist es totenstill." Die wenigen, die sich nach Schlusspfiff der Medienmeute stellten, drucksten auf der Suche nach Erklärungen herum. "Das darf einer Spitzenmannschaft nicht passieren" (Philipp Lahm); "Wir haben den Schalter nicht mehr umlegen können. Man denkt, es geht von allein, das ist eben der Fehler" (Toni Kroos); "Jeder hat sich etwas zu sicher gefühlt und einen Schritt weniger gemacht" (Schweinsteiger) - nach wirklicher Aufarbeitung klingt das alles noch nicht.

Denn zurück bleiben einige drängende Fragen: Was läuft schief in dieser Mannschaft, dass sie nach einer solchen Überlegenheit so in sich zusammenbricht? Warum gelang es Löw zum wiederholten Mal nicht, von außen in ein kippendes Spiel einzugreifen? Warum tauchen Führungsspieler wie Lahm oder Schweinsteiger in der entscheidenden Phase völlig ab? Wie kann es sein, dass ein als Weltklassetorhüter bezeichneter Manuel Neuer plötzlich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend fliegt? Um nur einige der Fragen zu nennen.

Es lässt sich einiges Reduzieren auf die seit Jahren quälende Frage, wer Anführer und wer Mitläufer in diesem fragilen Gebilde sein soll. Es muss ja nicht gleich ein aufplusterndes Alphatierchen ala Stefan Effenberg sein, doch dem Team fehlt unverkennbar ein Häuptling, einer, der in entscheidenden Phasen die Kontrolle über das Spiel und seine Mitspieler behält. Und dann gibt es da offenbar noch den schwelenden Konflikt zwischen Bayern- und Dortmund-Spielern. Lahm und Schweinsteiger hatten mit ihren Äußerungen zuletzt ja deutlich gemacht, dass es mit der Harmonie im Team wohl nicht so weit her ist.

Löw glaubt dennoch nicht, "dass da was hängenbleibt". Die Mannschaft sei zuletzt mit einigen Diskussionen, die es im Umfeld gab, absolut professionell umgegangen, sagte der Bundestrainer und verfiel in seinen gewohnten Duktus: "Natürlich muss man das analysieren und darüber sprechen. Natürlich ist das ein Lernspiel gewesen."

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