Regional. Es ist dieses Stichwort, das vielen von uns heute beim Einkauf ein erstmal gutes Gefühl gibt – und auch ein gutes Gewissen. Von der Ostsee bis an die Alpen und von der Eifel bis in die Lausitz, wir essen gern heimisch und verbinden mit regional auch kurze Wege vom Acker bis zum Teller. Vielleicht minimal teurer, dafür gute Qualität, besser für die Umwelt und auch für die Wirtschaft in der – genau – Region. Oder?
Klar ist: Wir alle verbinden mit dem Ausdruck sehr Konkretes. Eine aktuelle Umfrage für meine Recherche zeigt:
Insgesamt 75% der Menschen ist es wichtig oder sehr wichtig, dass Lebensmittel aus ihrer Region stammen. Als Bedingung für diese Bezeichnung sehen jeweils über 70% kurze Transportwege, regionale Produktion und dass der Kauf Betriebe vor Ort unterstützt. Qualität ist auch wichtig – aber nur rund ein Drittel findet, dass Endverarbeitung oder Abfüllung in der Region für das Label ausreichend sind.
Aber genau das ist in Wahrheit DAS Kriterium für die Verwendung des zugkräftigen Begriffs „regional“. So finde ich zum Beispiel auch Tiefkühlpizza einer kleinen Firma aus Schleswig-Holstein – mit Avocado, aber regional.
Wie erkenne ich also Produkte, die wirklich das erfüllen, was die meisten mit „aus der Region“ verbinden? Das will ich herausfinden. Ich bin in Kiel in Schleswig Holstein unterwegs, Ernährungsexpertin Levke Schwanz unterstützt mich bei meinen Recherchen. Die Pizza übrigens werde zu Recht so vermarktet. Aber was ist hiermit?
Und Käse von der Ostsee finde ich auch...
– Wie ist es denn bei diesen beiden Käsen, sind das regionale Produkte?
– Da vermute ich jetzt einen Ostsee-Bezug. Hier steht Küstenbauernmilch, mehr dazu auf der Rückseite. Familienmolkerei in Wismar. Ausschließlich von Milch von Höfen die maximal 80 Kilometer entfernt sind, also hier habe ich Zusatzinformationen, die mir diese ganzen lokalen Hinweise erklären.
– Ich nehme an, für die Nordseekäserei gilt dann das gleiche?
– Ja, aber tatsächlich: Zur Milchherkunft stehen hier jetzt keine weiteren Informationen drauf. Was wir aber finden, ist das Siegel geprüfte Qualität. Das ist ein Qualitäts..
– Was sagt dieses Siegel denn mir?
Die Bundesländer bestimmen also selbst, was für sie jeweils regionale Qualität bedeutet. Es ist ein Versuch, Regeln zu finden für etwas, das bisher kaum geregelt wurde: Verlässliche und logische Angaben zur Regionalität. Und ein Experiment dazu kann ich bis heute kaum glauben, dabei habe ich es selbst gemacht...
...es ist schon etwas her und gilt auch heute: Wenn der letzte Arbeitsschritt vor Ort stattfindet, also in der jeweiligen Region, darf das Produkt als regional verkauft werden. Sogar so: Erbsensuppe, Pflaumenmus – einfach umetikettieren, vor Ort halt, und weiterverkaufen, das war grundsätzlich erlaubt und ist es noch. Mit einer Werbefirma habe ich damals alles aufgeboten, was überzeugend wirkt: Markenname „Nordliebe“, optisch wie von Oma eingeweckt – und ja, die Kundinnen haben mir die vermeintlich regionalen Erzeugnisse aus den Händen gerissen.
„Ich gehe davon aus, dass wenn das ein Pflaumenmus ist, zumindest die Pflaumen aus Schleswig-Holstein kommen.“
Levke Kommentar zu Test damals und aktuellem Bezug
– Grundsätzlich ist das ein super Beispiel dafür, dass Regionalität ein ganz großes Kaufkriterium ist für ganz viele Menschen und dass die Zahlungsbereitschaft steigt. Aber was sich seitdem getan hat ist, dass wir hier eine Art Hauptzutat haben, nämlich die Pflaume. Eine Primärzutat. Wenn die jetzt gar nicht aus dem Raum Deutschland
– Aber mein Eindruck nach diesen Dreharbeiten damals wäre: Das hätte keiner beim normalen Einkauf gemerkt.
– Genau, der erste Eindruck zählt, das Kleingedruckte, wird selten gelesen, also das hätte wahrscheinlich ganz genauso funktioniert.
Dieses Beispiel hat mir besonders verdeutlicht: diese juristische Regionalität und unsere gefühlte können sich stark unterscheiden. Das finde ich gerade in Fällen erstaunlich, wenn es gefühlt eigentlich ganz einfach wäre, wirklich Regionales anzubieten..
Regional gab’s nicht – aber wären Äpfel aus Italien jetzt so schlimm gewesen?
Jetzt gehe ich mal in Norddeutschland Äpfel kaufen, woher kommt das Angebot im Supermarkt und Discounter?
Woher kommen hier die Äpfel?
Hier sind extra als regional gelabelte Äpfel. Ich sehe nicht auf den ersten Blick, woher, außer Ursprung ...2,99 €. (...) Ja und die hier kosten 2,19 € pro Kilo, diese Äpfel. Und die kommen aus Italien. Äpfel aus Italien sind 80 Cent billiger...
– Das ist ganz schwierig zu sagen, wie die Preisbildung zustande kommt. Und dazu muss man sagen: Die Erntesaison ... Mengenpreis sich ergibt.
Zur Preisbildung äußern sich Händler leider nie, aber die Herkunft muss bei unverpackten frischen Waren wie Obst genannt werden. Und die kann für jeden etwas anderes bedeuten..
– Also wenn der Apfel aus Norditalien kommt und ich wohne in Bayern, dann...
Eine gute Orientierung bietet übrigens auch das sogenannte Regionalfenster, das ich auf Karotten im Supermarkt entdecke.
Freistand Herkunft und Folgen
– Das ist ein wirklich verlässliches, nachvollziehbares Siegel in Bezug auf Regionalität und Herkunft.
– Ich hab’s hier auch nochmal in groß mitgebracht.
Und das Regionalfenster gibt es natürlich überall in Deutschland. Wie hilfreich solche Siegel sein können, zeigt das Beispiel dieser Champignons – denn selbst die könnten theoretisch aus dem Ausland stammen, und trotzdem mit Recht den Begriff „regional“ tragen!
– Auf diesen Champignons habe ich das Regionalfenster auch gefunden...
– ...die Anzucht kann aber ganz woanders stattgefunden haben.
Beispielsweise in Polen. Das Pilz-Unternehmen garantiert mir aber in einer Email übrigens zumindest bezogen auf die regional gelabelten Champignons eine 100 prozentige Herkunft aus Deutschland.
Ich lerne bis hierher: Es liegt wirklich stark an mir selbst, was ich als regional empfinde. Und was mich überrascht: Regional allein, selbst vernünftig nachgewiesenes, ist nicht automatisch perfekter Klimaschutz.
Es nützt nichts, wenn ein Produkt aus Deutschland kommt, aber schon seit Monaten im Kühlhaus liegt.
Regionalität wird aus Sicht von Experten sogar noch an Bedeutung für uns Kunden zunehmen. Und ich hoffe, dass es dann auch endlich komplett verlässliche Regelungen dazu gibt, um wirklich regionalbewusst einkaufen zu können.