„Socken aus, Kondom an? Hä?“
„Mein Date juckt mich noch immer. Was soll denn das heißen?“
„Oben ohne, unten mit. Hä?“
Fragen meiner Kinder, 9 und 12 Jahre alt, auf die ich im Alltagsstress irgendwie reagieren muss - spontan und am Besten natürlich sinnvoll.
„Dann steht man an der roten Ampel, die Kinder sehen wieder irgendwelche Plakate und ich werde mit Fragen bombardiert, die mich so ein bisschen ins Schwitzen bringen.“
Keine Frage: Die Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an sich finde ich gut. Sie soll wachrütteln, sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten zu schüt-zen, Kondome zu nutzen. Trotzdem denke ich als Mama: Sind solche Themen überhaupt schon etwas für meine Kinder? Man kommt ja gar nicht drumherum.
Tochter: „Oben ohne, unten mit“…Das könnte vielleicht bedeuten, dass man oben nackt ist und unten ein Kondom…“
„Das ist ein Verhütungsmittel.“
„Sehr gut. Haste aus der Schule?“
„Ja…"
„Mama, wann habt ihr eigentlich Sex?“
Verena: „Du bist aber neugierig! Unterschiedlich.“
Tochter: „Ich würde sagen, je nachdem, wie ihr gelaunt seid.“
Verena: „Da könntest du Recht haben.“
Sohn: „Ich will nach Hause.“
Verena: „Ja, ich will auch nach Hause!“
Oft bin ich überrascht, was meine Kinder schon so alles wissen - und wie neugierig sie sind. Zeichen dafür, dass sie - zumindest geistig - in die Pubertät kommen. Aber auch die äußeren Einflüsse nehmen zu. Bestimmte Werbung, Videos, Soziale Medien - Kinder werden immer früher davon beeinflusst, finde ich.
Das kennt auch meine Kollegin Anke Reichardt. Sie schickt mir Handyvideos, denn auch sie fragt sich oft: Kommt meine gerade mal 8-jährige Tochter jetzt schon in die Pubertät?
„Schminkst du dich gerade?…das brauchst du noch nicht!“
„Ich möchte jetzt auch cooler sein, damit Jungs mich auch toll finden so ein biss-chen… Freund haben…“
„ah ok, also du willst einen Freund haben?“
Bei Anke ist es offenbar wie bei uns zu Hause: Fragen zum Thema Jungs und Liebe häu-fen sich.
„Wie ist es so, dass die Leute sich verlieben… und wie entstehen dann ge-nau diese Babies und nicht andere?“
„Das ist reiner Zufall…entsteht ein Mensch.“
Ja, einfach gemacht, ist nicht unbedingt einfach erklärt.
„Also, das war gerade ziemlich peinlich. Natürlich wollte ich dann auch darauf antworten, hab dann auch das Wort Eizelle verwendet, hab mich aber nicht getraut, den Begriff Sperma zu verwenden, weil ich dachte: Eizelle kann ich sagen, Sperma aber nicht und hab gemerkt, wie verunsichert ich eigentlich noch bin.“
Verunsicherte Eltern mit vielen Fragen und dem Gefühl: Sind Kinder heute vielleicht häu-figer „frühreif“? Ich will wissen, ob da was dran ist und treffe einen Kinderarzt aus Ham-burg.
„Ist es eher so ein Gefühl von uns Müttern oder Eltern, dass unsere Kinder teilweise sehr früh in die Pubertät kommen oder ist es wirklich auch aus ärztlicher Sicht nachweisbar?“
„Die Pubertät ist tatsächlich über die letzten Jahrhunderte deutlich früher geworden. Vor 150 Jahren …ihre 1. Regel mit 17. Heutzutage ist das Durchschnittsalter 13, aber die Brustentwicklung ist etwas früher geworden.
Bei Mädchen beginnt die Pubertät durchschnittlich zwischen 8 und 13 Jahren. Bei Jungen etwas später, zwischen 9 und 14.
Forscher vermuten, dass ein früher Pubertätsbeginn mit der steigenden Zahl von über-gewichtigen Kindern im Zusammenhang steht. Aber auch schlanke Kinder reifen heute teilweise schneller als früher. Ein Grund könnte die fett- und eiweißreiche Ernährung sein.
„Spielen auch Hormone in der Ernährung oder im Trinkwasser eine Rolle?“
„Wir wissen, dass sowohl der Einfluss von chemischen Substanzen während der Schwangerschaft und in der Kindheit eine Rolle spielt und auch gewisse Hormone. Die können im Trinkwasser enthalten sein oder auch in der Ernährung, im Fleisch. Diese Hormone können das auch begünstigen.“
All das kann sich auf Kinder körperlich auswirken. Aber auch äußere Einflüsse spielen eine große Rolle. All das, was sie schon früh zu sehen und zu hören bekommen: Durch Werbung, Smartphones, Soziale Medien, durch ihr Umfeld.
Ich treffe Christiane Kolb, die in Sachen Aufklärung berät und darüber gerade ein Buch geschrieben hat: „Aufklärung von Anfang an“ - von Geburt an sozusagen, der Körper als Teil des Alltags.
"Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn sie das Gefühl haben: Oh, mein Kind kommt jetzt gerade in die Pubertät, vielleicht auch schon sehr früh. Was sollten sie tun?“
"Ich glaube, dass es gut ist, das sehr früh anzusprechen - womöglich auch schon bevor es passiert. Deshalb…in der Schule schon ein paar Themen angesprochen. Weil ich glaube: Unvorbereitet reinzurutschen in die ersten Tage oder ich finde es auch gar nicht schön, dass die Mädchen in der 4. Klasse Brustansatz bekommen, gehänselt werden. Deswegen finde ich, es ansprechen, ein bisschen sachlich, ein bisschen freundlich, was da passiert, dann kann nicht so viel Panik ausbrechen, wenns dann wirklich mit dem Kind passiert.“
Meine Kinder zeigen zwar noch keine körperlichen Anzeichen der Pubertät, sind aber zu-nehmend interessiert an dem Thema. Heute dürfen Sie mal alle Fragen aufschreiben, die Ihnen zum Thema Sex so durch den Kopf gehen. Ich merke: Auch gewisse Musiktexte, die sie aufgeschnappt haben, spielen eine Rolle.
"Was ist ein Puff?…von Leila.“
„Mit wie vielen Jahren können Mädchen frühestens ihre Periode bekommen?“
„Kann man sich beim Sex drehen?…wilder Kampf?“
„Warum schreien manche?… Und wie ist das bei dir?!“
Okay, das ist schon sehr persönlich. Auch wenn ich versuche, cool die Fragen zu beant-worten - ALLES müssen meine Kinder dann doch nicht wissen. Und was sagt die Expertin zu den Fragen meiner Kinder?
„Wenn ein Wort in der Welt ist…kindgerecht zu erklären.“
Die Fragen meiner Kinder - laut Expertin alle im grünen Bereich und völlig normal für 9 bis 12-jährige. Ihre Tipps in Sachen Aufklärung:
„Ich finde es gut, wenn es positiv ist. Es ist keine eklige, keine Tabusache. Es soll trans-portiert werden, dass es um Liebe und Beziehung geht. Ich würde immer Körperwissen vermitteln. Auch die eigenen Hemmungen ruhig zeigen oder sagen: Finde ich ganz schön schwierig das Thema. Denn auch darüber lernen Kinder, dass Sexualität nicht nur einfach ist und nur klappt, sondern zwischenmenschlich. Es geht um Grenzen, Respekt, auf ei-nander achten. Und vor allem finde ich gut, wenn man ein bisschen drüber spricht, immer mal wieder.“
Und noch ein Tipp, damit gerade bei jüngeren Kindern der Einfluss durch Smartphones überschaubar bleibt: Medien und Apps am Besten altersgerecht beschränken, damit Kin-der gar nicht erst sexuelle Inhalte sehen, die mit der Realität wenig zu tun haben.
Zurück zu den Plakaten - eine Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklä-rung. Ich frage dort nach, wie sie den Einfluss auf jüngere Kinder sehen, bekomme aber nur eine allgemeine Antwort:
„Mit aufmerksamkeitsstarken Plakatmotiven der Initiative LIEBESLEBEN informiert die BZgA bundesweit zum Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen.“
Allerdings erfahre ich von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auch: Eine frühe Pubertät führt nicht zwangsläufig zu frühem Sex. Der Anteil von 14-jährigen Mäd-chen und Jungen, die bereits Geschlechtsverkehr hatten, ist in den letzten Jahren sogar deutlich gesunken. Häufigster Grund: Die oder der Richtige sei noch nicht dabei gewe-sen. Und: Viele Jugendliche hätten heute ein verantwortungsvolles Sexualleben.
Also: Aufklären und Aufatmen, liebe Eltern!