Ein Familienstreit eskaliert und schon bekommt Regina Müller Post von der Verkehrsbehörde.
"Ich hätte einen Hirnschaden und ich dürfte dann nicht mehr Auto fahren"
Besonders schlimm für sie: Ihre jüngere Tochter hat sie beim Amt angezeigt. Warum, das wird sie unser Reporter noch fragen. Für die alleinstehende Seniorin ein krasser Vertrauensbruch.
"Ich finde das unmöglich. Ich finde das unmöglich, was die mit mir machen. Ich habe keinen Gehirnschaden."
Nun muss sie dem Amt ihre geistige Gesundheit nachweisen - sonst droht der Führerscheinentzug. Dies wäre fatal für die 80-Jährige, denn nach einem Schlaganfall und einer Krebserkrankung vor vielen Jahren geht sie am Stock. Das Auto hilft ihr mobil zu bleiben.
"Ich möchte noch alleine nach Aldi fahren und alleine zum Lidl und auch notfalls auch alleine zum Krankenhaus."
In der Anzeige sieht sie den Versuch sie zu entmündigen - seither ist das Verhältnis zerrüttet.
"Ich habe kein Verhältnis. Die rufen nicht an, ich rufe auch nicht an, weil ich dann auch Angst habe, dass ich dann was Verkehrtes sage."
Ein paar Straßen weiter besucht unser Reporter mit ihr den Ausgangspunkt der Familienfehde:
Denn im vergangenen August hatte Regina Müller hier einen Unfall. Wie sie uns erzählt, wich sie einer Katze aus, geriet auf den Bordstein und landete in der Hecke. Der Crash ging glimpflich aus.
"Der Vorfall war für mich auch ein Albtraum, weil was wäre passiert, wenn jemand da gelaufen wäre mit einem Kind oder so etwas? Natürlich habe ich mir darüber Gedanken gemacht."
Mit zunehmendem Alter lassen Aufmerksamkeit und Reaktionsvermögen nach, weiß Siegfried Brockmann, er ist einer der renommiertesten Unfallforscher Deutschlands.
"Das Problem, was wir haben im Straßenverkehr, ist, dass die kognitiven Fähigkeiten auch bedeuten, dass ich komplexe Situationen schnell und richtig entscheiden kann. Ich habe zwe , drei Aufgaben gleichzeitig und muss die richtig entscheiden. Das wird im Alter zumindest statistisch zunehmend zum Problem."
Und das kann heftige Auswirkungen haben:
"Man kann sehen, dass sie jenseits der 75 75 % der Unfälle, in denen sie beteiligt sind, auch selbst verursachen."
Unser Reporter trifft sich mit der Tochter von Regina Müller. Er möchte wissen, was sie zu dem krassen Schritt bewogen hat.
Sie ist Psychologin, arbeitet als Gutachterin für eine nahe Stadt.
"Sie war leider nicht bereit, vor der Kamera mit mir zu sprechen. Was ich raushören konnte, ist aber , dass sie sich einfach Sorgen um ihre Mutter macht."
Mutter Regina hat sich mittlerweile an Fahrlehrer Jörg Knoblauch gewandt. Er bietet einen speziellen Fahrcheck an, der auch die geistige Leistungsfähigkeit prüft.
Bei einem positiven Gesamtergebnis hat die Rentnerin gute Chancen die Bedenken des Amts auszuräumen.
Aber Computer und Aufgabenstellung scheinen sie zunächst zu überfordern.
Dann beginnt Regina Müller, doch der Leistungstest bricht nach kurzer Zeit ab - sie hat zu lange gebraucht. Jörg Knoblauch muss ihr noch einmal Starthilfe geben
Der 2. Durchlauf schließlich verläuft ohne Zwischenstopp. Der Test ist aufgeteilt in fünf Abschnitte, geprüft werden Reaktion, Konzentration, Orientierung, Belastbarkeit, und Aufmerksamkeit. Nach einer knappen Stunde ist die 80-jährige fertig - und geschafft!
16 Punkte pro Testabschnitt gelten für Senioren als ausreichend.
Doch nur bei der Orientierung konnte Regina Müller die Mindestpunktzahl erreichen. Ob sie damit ihren Führerschein behalten darf?
Ich möchte herausfinden, wie das Alter sich aufs Autofahren auswirkt.
In der Fahrschule von Heike Hilbig soll ich zunächst Lichter austreten.
Das prüft meine Koordinationsfähigkeit. Die Fahrlehrerin misst dabei die Zeit.
Ich bin 38 - der Spezialanzug wird mich schlagartig 40 Jahre altern lassen und Altersgebrechen simulieren Gewichte an Oberkörper, Arme und Beinen simulieren Muskelschwund durch mehr Schwerkraft, die Halskrause eine Arthrose der Halswirbelsäule, die Spezialbrille sorgt für unscharfe und eingeschränkt Sicht. Und auch mein Gehör bleibt vom Alter nicht verschont - die Kopfhörer rauschen und dämpfen die Umgebungsgeräusche.
Erneut trete ich die Lichter aus
Die Zeit: deutlich verschlechtert
Wie es wohl im Auto wird?
Gemeinsam mit der Fahrlehrerin starte ich zur Testfahrt. Schon beim Ausparken merke ich: Der Schulterblick ist kaum möglich
Wir machen uns auf die Straße.
Das gemütliche Fahren durch den Ort macht keine Probleme
Dann simulieren wir eine Einparksituation.
Assistenzsysteme sind mir nicht vergönnt
Ohne richtigen Schulterblick und mit eingeschränkter Sicht wird der simple Einparkvorgang zur epischen Angelegenheit, ich kann die Abstande zu den Begrenzungstonnen kaum abschätzen
In einer normalen Verkehrssituation würde mich jetzt wohl ein Hupkonzert anfeuern...
Der Anzug hat mir gezeigt, wie sich körperliche Eingeschränktheit aufs Fahren auswirkt.
"Die eingeschränkte Sicht, Probleme beim Einsteigen und Unfähigkeit, einen ordentlichen Schulterblick zu machen. Das waren die größten Handicaps, die feststellen konnte. In der Konsequenz führt das dazu, dass man deutlich defensiver und langsamer fährt, einfach weil man vorsichtig sein möchte. Und für mich heißt das Wenn es demnächst mal nicht so schnell geht mit älteren Personen im Straßenverkehr, werde ich deutlich mehr Verständnis aufbringen."
Die Leistungstests von Regina Müller fielen schlecht aus.
Jetzt versucht sie die Bedenken in der Praxisfahrt mit Jörg Knoblauch auszuräumen.
Während der Fahrt redet die Seniorin ununterbrochen.
Das könnte eine Demonstration sehr vorausschauender Fahrweise sein.
Oder aber ein Hinweis darauf, dass sie sich in ihrer Wahrnehmung unsicher ist.
Der sonst so gesprächige Fahrlehrer muss sich wortkarg geben, macht sich Notizen.
Die 80-Jährige fährt sicher und fehlerfrei. Danach erfolgt die Gesamtauswertung
Trotz der Defizite im Leistungstest - Für den Fahrlehrer ist die sichere Fahrweise entscheidend.
"Frau Regina Müller besitzt meines Erachtens gegenwärtig eine ausreichende Fahrkompetenz, um ein Kraftfahrzeug auch in Belastungssituationen sicher im öffentlichen Straßenverkehr führen zu können."
"Frau Müller, wie geht es Ihnen denn jetzt nach Durchsicht der Ergebnisse? Wie denken Sie?"
"Ich bin froh, dass ich das gemacht habe, weil ich jetzt doch ein bisschen sicher bin, dass ich eigentlich noch Auto fahren kann."
Mit dem Befund hat Regina Müller nun gute Chancen, ein ärztliches Gutachten zu erhalten und ihren Führerschein zu behalten.
Würde eine verpflichtende Nachprüfung nicht Familienkonflikten wie dem von Regina Müller vorbeugen?
In vielen europäischen Ländern sind Nachchecks bereits gesetzlich vorgeschrieben.
Für Experte Siegfried Brockmann dennoch keine Lösung.
"Wenn wir ein Instrument hätten , was ein 100 % richtiges Ergebnis liefern würde, wäre ich sehr dafür, jenseits der 75 eine solche Nachprüfung zu machen. Das Problem ist nur: Wir haben ein solches Instrument nicht."
Bis auf weiteres entscheiden also ältere Autofahrer komplett selbst, ob sie ihren Führerschein freiwillig abgeben wollen oder nicht. Sicherheitstraining für Senioren bieten neben dem ADAC mittlerweile auch viele Fahrschulen an.