Auf dieser Baustelle mitten in Berlin – kein Scherz – wohnen die Mieter und Mieterinnen jetzt schon seit zweieinhalb Jahren.
00:06- 00:10 O-Ton Klaus Rauschning
„ Über Stunden kann man das sogar durch das geschlossene Klofenster hören.“
00:11- 00:17
Die Aufnahme stammt aus dem letzten Winter von Mieter Klaus Rauschning, der ist mittlerweile so verzweifelt, dass er uns um Hilfe bittet.
00:18- 00:33
Voice Over Klaus Rauschning:
„Unser Haus hat seit mindestens 1,5 Jahren kein Dach. Vor dem Haus lagert der asbesthaltige Schutt. In den Treppenhäusern ist es dreckig bis schimmelig, die Wohnungen leiden. Bei Starkregen habe ich stundenlang, nächtelang das Treppenhaus trockengewischt.“
00:34- 00:57
Der Grund: das Haus hat kein geschlossenes Dach, eine Baufirma wollte aufstocken und neue Wohnungen verkaufen, doch der Bau steht still. Insgesamt 37 Dachgeschosswohnungen sollten hier entstehen. Aber auch Monate später sieht es in der Wohnanlage in Berlin-Spandau immer noch so aus.
Ich mache mich auf den Weg nach Berlin-Spandau zu Klaus Rauschning. Er versucht sich gegen die unhaltbaren Zustände zu wehren.
00:58- 01:04
Situative Klaus Rauschning
„ Wunderschönen guten Morgen…schön, dass das klappt..ohh mein Gott…“
„ Ich freu mich ohne Ende, dass endlich mal was passiert jetzt.“
01:05- 01:12
Seit 20 Jahren lebt er in dieser Straße in Berlin-Spandau. Eigentlich wollte er an diesem Ort alt werden.
01:13- 01:56 O-Ton Klaus Rauschning
„ Das ist jetzt der dritte Sommer, ohne dass ich meinen Balkon nutzen kann. Das dritte Jahr, in dem man Angst haben muss, dass jemand übers Gerüst einsteigt. Das dritte Jahr, in dem man nicht richtig schlafen kann, weil es knirscht, es knattert, es knarrt, es klappert. (…) Und der Dreck spricht für sich….Das ist jetzt gut anderthalb Jahre haben wir nur noch Folie und ein leichtes Holzgerüst da ganz oben…Diese psychische Belastung ist echt ätzend…man weiß nie, was passiert.“
01:58- 02:14
Klaus Rauschning zeigt mir das Gebäude von innen… ständig soll Regenwasser durch den unfertigen Rohbau in die restlichen Etagen dringen, auch in seine Wohnung im ersten Stock. Die Fenster in der Küche sind modrig, Schimmel bildet sich.
Auch der Balkon soll kaum noch nutzbar sein.
02:15- 02:29
Situative Klaus Rauschning
„ Wir haben ja hier durch dieses Gerüst..“
„...war mal eine richtig strahlende Wand.“
02:30- 02:41
Wir kommen mit einer anderen Mieterin ins Gespräch. Ihre Wohnung hatte schon vor den Baumaßnahmen starke Schimmelschäden. Die Dauerbaustelle ist für sie und ihren 7-jährigen Sohn eine starke Belastung.
02:42- 03:00
O-Ton Denise Wagner, Mieterin
„ Ich habe alles verloren. Es war alles verschimmelt, Kleidung, Spielzeug. Wirklich, wir mussten von Null anfangen. Jetzt läuft halt auch schon Gerichtsverfahren gegen die Eigentümer. Und dann stand auch das Gerüst schon. Und ja, jetzt auch mit dem Gerüst sehe ich halt auch immer wieder, wenn es wirklich mal stark regnet, immer wieder diese feuchten Flecken.“
03:01- 03:14
Ob die Flecken direkt von eindringendem Regenwasser stammen, bleibt Spekulation. Doch es wird deutlich: die Menschen können sich bei Problemen kaum wehren, denn jede Wohnung ist in privater Hand. Mit ihren Sorgen werden sie von ihren Eigentümern und Eigentümerinnen allein gelassen.
03:15- 03:41 O-Ton Denise Wagner, Mieterin
„ Ich sage mal so, an sich, wir hätten alle hier in den Häusern natürlich ein Recht darauf, dass dieses Gerüst auch einfach mal abgebaut wird, weil es wird ja schon lange nicht mehr gebaut und dann sollte so ein Gerüst auch einfach abgebaut werden, vor allem wenn bekannt ist, dass viele diese Schäden dann auf einmal hatten und da hätte man sich vielleicht als Eigentümer oder vielleicht auch als Hausverwaltung, die haben wir auch, einfach dafür einsetzen müssen, dass man dieses Gerüst abbaut, damit nicht noch mehr Schäden und nicht noch mehr Geschädigte entstehen.“
03:42- 03:54
Was ist da los? Mit dieser Frage werde ich auch noch den Bauunternehmner konfrontieren, der für den Baustopp verantwortlich ist und einen Bausachverständigen schalte ich später ebenfalls ein.
03:55- 04:07
O-Ton Anke Reichardt, Punkt-12-Reporterin
„Waren es finanzielle Engpässe, gab es gravierende Baumängel oder wurden Auflagen der Behörde nicht eingehalten? Ersten Informationen zufolge sollen Fachkräftemangel und auch die gestiegenen Baukosten dafür verantwortlich sein, dass auf dieser Baustelle gar nichts mehr geht.“
04:08- 04:39
Ich recherchiere weiter und erfahre, dass das Bauunternehmen mehr als ein Dutzend weitere GmbHs gegründet haben soll.
Für jede Immobilie existiert eine eigene Firma in Berlin. Wird eine der GmbHs zahlungsunfähig, können die anderen Firmen einfach weitermachen – alles eine wohl gängige Methode. Auch in Falkensee in Brandenburg sollen unfertige Objekte stehen, zum Leidwesen potentieller Mieter und Mieterinnen.
Ich mache mich auf den Weg dorthin und finde drei weitere Baustellen.
04:40- 04:51
O-Ton situativ Anke Reichardt
„ Und man sieht, es ist einfach pure Baustelle..mir wurde mitgeteilt, dass hier Menschen Wohnungen gekauft haben und eigentlich darauf warten, dass sie einziehen können.“
04:52- 05:12
So sieht es aus, wenn sich Baufirmen mit dem Geld Anderer offenbar verkalkulieren. Hinter diesen Bildern stecken viele Verluste und damit auch Einzelschicksale.
Zurück nach Berlin-Spandau. Ich kontaktiere die Verursacher dieser Missstände. Die Firma, die ihren Kunden verspricht, „dass ihr Budget in guten Händen“ sei. Tatsächlich erreiche ich den stellvertretenden Geschäftsführer.
05:13—05:21
O-Ton Gedächtnisprotokoll stellv. Geschäftsführer
„ Anke Reichardt von den RTL Punkt-12-Reportern..habe ich ….gleich am Apparat?“
„Ja..?“
„ hier ist ja ein Gebäude seit über 2 Jahren im Baustopp..“
05:22- 05:25
Ich frage ihn, warum der Bau stillsteht und keiner eine Erklärung dafür hat.
05:26- 05:42
O-Ton Gedächtnisprotokoll stellv. Geschäftsführer
„ Es ist nicht unerklärlich! Es ist gar nichts. Es gab eine Finanzierung, eine Nachfinanzierung und es gab darin verknüpft eine Auflage an die Erwerber, dass es hier nochmal fortgeführt werden kann. Die Firma befindet sich derzeit in einem Eigeninsolvenzantrag und das Verfahren wird gutachterlich geprüft.“
05:43- 06:16
Situative Anke Reichardt und stellv. Geschäftsführer
„ Das heißt Sie sind aktuell für dieses Projekt nicht zahlungsfähig?
„Aktuell nein.“
„Das erste Interesse ist, dass das Gebäude nicht an Substanz verliert. Das Gebäude kann aber aktuell nicht an Substanz verlieren, weil es erst mal dicht ist.“
Anke: „ Das sehen die Mieter hier in diesem Gebäude ein bisschen anders…in einem top Zustand ist.“
„Das sehen Sie vielleicht anders. Wie gesagt da gibt es Gutachten, da will ich mich gar nicht dazu äußern.“
06:17- 06:42
Laut stellvertretendem Geschäftsführer ist das Dach also ausreichend abgedichtet, aber stimmt das?
Wir verabreden uns mit dem Bausachverständigen Tobias Beuler und schauen uns das Gebäude von innen an. Die Wasserspuren beweisen, dass das Haus monatelang nicht abgedichtet gewesen sein muss. Im Obergeschoss sieht man jetzt das ganze Ausmaß des Baustopps. Auch ich kann nicht fassen, dass sich scheinbar niemand für die Mietenden darunter verantwortlich fühlt.
06:43- 07:32
O-Ton Tobias Beuler, Bausachverständiger, Buchautor
„ Also hier hat jemand einfach den Hammer fallen lassen, weil er kein Geld mehr bekommen hat. (…)
Also hier besteht dringendster Handlungsbedarf. Die Abdeckung wurde nicht fachmännisch angebracht. Man sieht, die ist schon eingerissen. Und dann ist kein Wunder, dass wenn es regnet, hier Wasser eindringt und dann logischerweise im Gebäudeteil nach unten bis in die Erdgeschosswohnung eindringt. Das ist ein Riesenschaden, der entsteht. Dann ist auch wieder die Frage, wie konnte das passieren? (…) Und das ist leider die schlechte Nachricht für die Menschen, die hier wohnen. Bis das mal gelöst ist, so eine Insolvenz, und bis das wirklich mal weitergeht, vergehen mindestens ein bis zwei Jahre.
Anke: „ Von jetzt an…wenn Sie sowas hören..?“
(…) ..bis hier überhaupt irgendwie nochmal ein Hammer in die Hand genommen wird?“
07:33- 07:43
O-Ton Klaus Rauschning
„Mir fällt gerade gar nichts dazu ein. Es ist einfach unfassbar. Es ist unglaublich, dass die Leute, die das verursacht haben, nichts zu Ende gedacht haben und nicht an uns Mieter gedacht haben.“
07:44- 07:49
Und offenbar kann niemand den Menschen aus ihrer Situation helfen, die Hausverwaltung jedenfalls nicht.
07:50- 08:08
Gedächtnisprotokoll Hausverwaltung
„ Die Mieter haben mit ihrem Eigentümer zu tun, dem die Wohnung gehört. Und das geht uns dann nichts an. Und wie der Eigentümer das dann durchsetzt, hmmmmm. Das ist nicht so einfach, wie sich die das Mieter vorstellen. Uns selbst ist die Situation auch bewusst und keiner mag die Situation, wie sie ist. Aber wir können auch nichts ändern.“
08:09- 08:28
Und was sagt der Eigentümer von Herrn Rauschnings Wohnung dazu? Es geht am Ende ja auch um den Wert seiner Immobilie? Der Mann aus Griechenland meldet sich wochenlang nicht, schreibt mir dann, auch er sei überfragt.
Ich kontaktiere den Spandauer Baustadtrat, die Bauaufsicht, sogar das Bauministerium. Was sagt man zu den katastrophalen Zuständen?
08:29- 08:42
Zitat Baustadtrat Thorsten Schatz, Berlin-Spandau
„Die Bau- und Wohnungsaufsicht Spandau hat keine Handhabe, die Fortsetzung der Arbeiten zu fordern. Ein provisorischer Wetterschutz wurde errichtet. Da es sich bei dem Gebäude um eine WEG („Eigentümergemeinschaft“ (Anm. d. Red.)) handelt, sind viele der Schäden privatrechtlich zu klären.“
08:43- 08:52
Selbst die Behörden können angeblich NICHTS tun. Es scheint, als hätten die Mietenden nichts in der Hand, um sich zu wehren. Der Mieterverein sieht das anders und macht Hoffnung.
08:53- 09:07
O-Ton Dr. Ulrike Hamann-Onnertz, Geschäftsführerin Berliner Mieterverein
„ Eine Wohnung muss bewohnbar sein, dafür zahlt man Mietzins. Wenn die Wohnung nicht bewohnbar ist und erhebliche Mängel aufweist, kann man die Miete mindern. Das müssen sie gegenüber den Eigentümer:innen dann deutlich machen.“
09:08- 09:12
Und deshalb holt sich Klaus Rauschning endlich anwaltliche Unterstützung.
09:13- 09:19
O-Ton Klaus Rauschning
„Jetzt muss ich gegen meinen Vermieter klagen, damit ich überhaupt zu einer finanziellen Einigung komme.“
09:20- 09:54 min.
Auch ich bin erschüttert, nicht MEHR helfen zu können. Und doch kommt durch meine Presseanfragen Bewegung in die Sache.
Die Gerüste werden zum Teil endlich erstmal abmontiert und der Baustadtrat teilt mir mit, man habe das Dachgeschoss nochmal gesichert. Auch der Rechtsanwalt der Eigentümergemeinschaft versichert mir, man habe die Bauunternehmen unverzüglich zur Müllbeseitigung aufgefordert.
Wer dann die Dächer am Ende fertigbaut, sei unklar. Den Mieterinnen und Mietern wie Klaus Rauschning bleibt wohl am Ende nur eins: ausziehen oder bei dem aktuellen Wohnungsmangel mit all den Mängeln leben.