Angelika Kirchner hat mich zu sich eingeladen. Vor gut einem Jahr habe ich sie zum ersten Mal getroffen, schon damals hatte sie mir direkt das „du“ angeboten.
"…hallo… sieht es anders aus, kann das sein? Angelika: im flur nicht, aber das Bad, das habe ich tapeziert neu.
Die 68Jährige hat ihre Mietwohnung renoviert, so günstig wie es ging. Und sich damit einen großen Wunsch erfüllt – auch wenn sie Bedenken hat, sich die Wohnung bald überhaupt noch leisten zu können.
Im Mai letzten Jahres war ich zum ersten Mal hier und habe erfahren: Sparen und Verzichten – das hat schon immer Angelikas Leben bestimmt .
OT Angelika: meine Mutter hat immer gesagt, man kann arm sein, aber ordentlich und sauber rumlaufen.
(Reporter) Würdest du dich als arm bezeichnen? … Arm bin ich geldmäßig. Das ist ja klar. Aber an Freunden nicht.
Angelika geht gern aus. Ist immer gut gelaunt und hat gute Freunde, die sie öfter einladen. Wenn sie Geburtstag hat, lädt sie aber ein.
OT Angelika: Wenn alle am Tisch sitzen, dann ist es mir auch eine Ehre, mich zu bedanken, dass sie ankommen und zu mir halten. Jetzt bekomme ich Gänsehaut. Das kann ich nicht oft genug sagen, dass ich denen unheimlich dankbar bin (weint). Dass es solche Menschen noch gibt… kann man ja wirklich mit der Lupe suchen.
Freunde haben ihr jetzt auch bei der Renovierung geholfen. Das gebrauchte Sofa war ein Geschenk.
Anne: und wie lange wohnst du hier?
Angelika: seit 3.10.89 – 34 jahre… die allererste, die hier abends hergegangen ist. Mit kleinen kartönchens und das was ich tragen konnte. Mit einem bollerwagen, da hättest du dich kringeln können.
Schon im letzten Jahr der DDR galten die Wohnungen in Jena als modern und waren so begehrt wie heute. Die Stadt zählt zu den teuersten Ostdeutschlands. Weil Jena in einem Tal liegt, ist Baufläche und damit auch Wohnraum knapp. Für ihre 68qm zahlt Angelika 445 Euro warm – Wohnungen dieser Größe kosten normalerweise wesentlich mehr. Doch mehr Geld für Miete hat sie nicht, und sie hat Angst vor einer Erhöhung.
Angelika: Ich komme hin. Ich plane genau, was ich den Monat ausgeben werde. Da darf nichts dazwischenkommen. (….) Plus minus null – zum ende des Monats 5-6 Euro.
Die ehemalige Küchenhilfe lebt von 1025 Euro Rente. Abzüglich Miete, Strom, Internet, Telefon und sonstigen Fixkosten bleiben etwa 300 Euro übrig. Pro Tag hat sie etwa 10 Euro zur Verfügung. Wohngeld oder ähnliches will sie nicht mehr beantragen – damit habe sie schlechte Erfahrungen gesammelt, erzählt sie mir.
Angelika: Ich möchte nicht Amt abhängig sein. Da fühlt man sich nicht wohl dabei… von denen die da im Büro sitzen. Das geht richtig ins Gemüt.
Anne: Du verzichtest also lieber auf einen Antrag, weil du dich gedemütigt fühlst?
Angelika: ja.
Angelika: wenn ich 100 Euro mehr Miete zahlen müsste. Ich möchte hier bleiben…verzichte ja eh schon auf alles. Dann esse ich eben 5 mal in der Woche suppe.
Anne: Anstatt einen Wohngeldantrag auszufüllen?
Angelika: ja!
Anne: Das ist hart.
Ich möchte Angelika helfen und will versuchen, ihr die Ängste soweit möglich nehmen. Als erstes habe ich Kontakt zu ihrer Wohnungsgesellschaft aufgenommen und für später einen Termin bei ihr zu Hause organisiert.
Ob es wirklich eine Mieterhöhung gibt, wollte ich von der WG wissen… Angebote, die man für Mieter wie Angelika parat hat.
Wem wie Angelika weniger als 1.200 Euro Rente zur Verfügung stehen, der gilt in Deutschland als arm. Laut Statistischem Bundesamt trifft das auf fast jeden 5. Über 65 jährigen zu.
Für sie sind oft die Tafeln Anlaufstelle – doch die haben manchmal nicht nur Lebensmittel im Angebot, sondern auch ganz andere Leistungen. Die Studentinnen wie Lili und Pauline arbeiten hier in Jena ehrenamtlich und bieten auch Hilfe im Umgang mit Ämtern an. Denn gerade Anträge auf Unterstützung überfordern viele, nicht nur Angelika.
Pauline Koch: Es ist viel zu viel… sind erschlagen von der menge und ist frustriert, bevor man angefangen hat.
Lili Heritsch: man hat das gefühl, dass die anträge an sich schon eine diskriminierende Hürde darstellen
Anne: als ob sie gar nicht erst durch sollen?
ja..
Pauline: bis „… verstehen zu können.
Die beiden beraten vor allem alleinstehende ältere Menschen. Teilweise auch in deren Wohnzimmer, denn Lili und Pauline beliefern zusätzlich zur Beratung Menschen, die nicht mobil sind. Natürlich wollen viele von ihnen auch kurz mit den beiden quatschen.
Anne: Um was geht es so?
Lili: Persönliches, was einem auf dem Herzen liegt… manchmal auch Briefe, die wir zusammen lesen. Aber auch alltägliches. Wie war dein Wochenende…
Ich sehe: es gibt Anlaufstellen für Menschen wie Angelika, die zu ängstlich und auch zu stolz sind, um Hilfe von Ämtern zu beanspruchen. Zumindest einmal darüber reden und alle Möglichkeiten kennenlernen – das empfehlen die Studentinnen dringend.
Zurück zu Angelika. Auch sie wird gleich noch Besuch bekommen, auf den ich sie jetzt vorbereite.
Anne: Habe mal mit deiner Verwaltung gesprochen… wegen deiner Mieterhöhung… und das ist Herr poschmann von Jenawohnen, der gerade klingelt…. Der hat gesagt, du hättest Hilfe bekommen können bei der Renovierung und der schaut mal, was man noch machen kann…
… hat geklingelt… bin ich aber perplex
Vor der Tür steht Gunnar Poschmann von Jena Wohnen. Nach einer kurzen Schrecksekunde fasst sich Angelika ein Herz – und zeigt ihm, was noch gemacht werden müsste.
Freistand: Küche müsste gemalert werden….
Und dafür gäbe es eine Lösung. Einige Wohnungsgesellschaften in Deutschland unterstützen bedürftige Mieter mit speziellen Angeboten, die man auch online nachlesen kann. Hier heißt das „Wohnschirm“, möglich sind Nachhilfe für Kinder bis hin zu einem Handwerker.
Poschmann: malern, tapezieren, wären genau die dinge, wie wir sie unterstützen könnten. Da gebe es kleinen Eigenanteil, den größten teil übernehmen wir. (…) …freuen sich auf ihre Anfrage.
Auch in Punkto Mieterhöhung kann er beruhigen.
Poschmann: Egal wo wir jetzt gerade bauen, egal was wir hier machen werden. wir werden immer versuchen die mieten so günstig wie möglich zu halten….weiterhin wohnen blieben können.
Angelika: ich möchte hier drin bleiben …. Das Haus hilft mir….wir sind wie eine Einheit.
Und auch ich habe noch eine Überraschung – das mag jetzt wie eine Kleinigkeit wirken, aber ich weiß, wie viel es Angelika bedeutet, mit ihren Freundinnen zusammenzusitzen. Auch dazu habe ich mit der Verwaltung gesprochen.
Anne: Du darfst dir diesen Tisch rausstellen.
Das ist ja niedlich. Wenn du ihn abends wieder rein räumst, kannst du hier Kaffeekränzchen machen.
Angelika kann es kaum glauben: Ihre Wohnung ist sicher, ihre Vermieter unterstützen sie – doch die Hürde, jetzt nach konkreter Hilfe zu fragen – die muss sie selbst noch überwinden.