Ich bin noch einmal nach Baden-Württemberg gefahren - weil mir ein Fall keine Ruhe lässt, der sich unter anderem in dieser Siedlung abgespielt hat.
Vanessa de Lacaze:
Damals sind hier in der Umgebung viele Familien auf einen Bauunternehmer reingefallen und auf ihren halbfertigen Häusern sitzen geblieben.
Rückblick: 2017 treffe ich 5 Familien bei Stuttgart. Sie alle vertrauten der gleichen Baufirma.
„Unser Schaden beläuft sich auf knapp 90.000 Euro. Wir haben ein Schaden von ca. 100.000 Euro erlitten. Im Endeffekt haben wir eine Schadenssumme von über 150.000 Euro.
Mitten in den Bauphasen meldet die Firma damals Insolvenz an. Die verzweifelten Familien erfahren: Kurz vor der angeblichen Pleite machen die Eigentümer noch offensichtlich einen Luxus-Urlaub auf Ibiza. Das ist für sie erst recht ein Schlag ins Gesicht
00:51
Claudia Raab, betroffene Bauherrin:
„Urlaub ist total gestrichen, wir müssen ums Überleben kämpfen, müssen gucken, wie wir das Haus zu Ende bauen können. Und derjenige, der uns so übers Ohr gehauen hat, der kann sich ein Urlaub leisten, der kann sich eine Wohnung oder ein Haus auf Ibiza leisten.“
01:09
Ich wurde damals Dayana und Heiko Drost gerufen. Auch für sie hatte sich der Traum vom Eigenheim in einen finanziellen Alptraum verwandelt. Dabei wirkt das Haus auf den ersten Blick sehr schön - und quasi fertig.
01:27
Vanessa de Lacaze: „Hallo...Draußen ist ja noch Baustelle, aber hier drinnen sieht es ja schon sehr gemütlich aus.
Dajana:...Das hat viel Kraft gekostet, das war ein sehr langer Weg.“
01:42
Und viel Geld, erfahre ich. Heiko und Dajana sind zu diesem Zeitpunkt quasi pleite, hochverschuldet -und am Ende ihrer Kräfte.
01.55
Dajana Drost:
„Das schlechte Gewissen den Kindern gegenüber wie man so naiv sein konnte, man sagt immer, an so jemanden kommt man nicht. Das passiert einem nicht. Wenn man in die falschen Menschen das Vertrauen gesetzt hat.
Vanessa:
„Dann beruhigen Sie sich kurz, dann erzählen Sie mir die ganze Geschichte vielleicht mit ein paar Unterlagen. Das ist sehr emotional, das spüre ich. Das kann ich mir vorstellen, dann machen wir kurz Pause.“
02:20
2013 unterzeichnet das Ehepaar den Vertrag, zahlt an die Baufirma ein Jahr lang Abschlagsraten. Insgesamt 77.000 Euro. Doch der Hausbau verläuft schleppend, ohne dass sich die Familie zunächst erklären kann, warum. Dann soll die beauftragte Installateurs-Firma seltsame Andeutungen gemacht haben.
02:41
Dajana Drost
“Wir dürfen ihnen nicht sagen, warum wir nicht kommen, aber reden sie doch mal mit der Baufirma. Und die Baufirma sagt, der Installateur sich wieder nicht an die vertragliche Vereinbarung halten würde, er wollte auf einmal mehr Geld wie ausgemacht. Im Nachhinein hat sich rausgestellt, dass die Firma einfach nicht bezahlt hat.“
02:57
Dann meldet die Baufirma plötzlich Insolvenz an. Alles verzögert sich. Ob Familie Drost ihr Geld wiedersieht, steht in den Sternen. Nach eigenen Angaben investieren die beiden weiter rund 100.000 Euro. Aus ihrer Sicht haben sie keine andere Wahl. Schlosser Heiko muss in seiner Freizeit selbst ran – eine Zerreißprobe für die Nerven.
03:17
Dajana Drost
„Nächtelang nicht geschlafen, weil man sich sorgen gemacht hat, ich bin nachts oft aufgestanden, wenn alle geschlafen habe und hab die Zahlen hin und hergerechnet, für welche Position, die Treppe, oder die Fliesen, für was können wir wie viel Geld einplanen, was sind Sachen, wo man nicht sparen dürfen, wo ma unbedingt brauchen, was sind Sachen, wo man zu günstigen Sachen zurückgreifen.“
03:43
Dajana und Heiko erfahren: Sie sind offenbar längst nicht die einzigen betroffenen Bauherren. Wurden sie alle Opfer von Abzocke durch dieselbe Baufirma?
03:52
Heiko Drost:
„Dass keiner was macht, das ist das Problem. Dass keiner mal danach guckt, wo ist das Geld. Wer hockt da alles mit im Boot drin. Es kann nicht sein, dass einer so Geschäftle machen kann.“
04:17
Das frage ich mich auch und gehe auf Spurensuche. Ich treffe Privatdetektiv Nik Klären, der seit einem Jahr im Auftrag von Geschädigten ermittelt. Sein Verdacht: eine Betrugsmasche. 2006 soll der Bauunternehmer mit einer anderen Firma schon einmal Insolvenz angemeldet haben. Danach sei eine neue Firma gegründet worden. Bei der offiziell seine Ehefrau Eigentümerin gewesen sein soll, darauf folgt wieder eine Insolvenz.
04:29
Nik Klären:
„Dann wurde die Firma von Frau PIEP im Januar 2015 Konkurs gemeldet und schon 14 Tage vorher, hat der Herr M. eine neue Firma gegründet und auch der Schwiegersohn in Spe.“
Vanessa de Lacaze:
„Und jetzt gibt´s ne neue Firma.“
Nik Klären:
„Jam es gibt zwei neue Firmen.“
Vanessa de Lacaze:
„Er macht einfach weiter?“
Nik Klären:
„Ja, er darf weitermachen, er ist ja unbehelligt, es ist ja nichts passiert bisher. Keine Gerichtsverhandlung.“
Vanessa de Lacaze:
„Und seine Frau ist aber pleite, hat Insolvenzt angemeldet und er darf weiter machen.“
Nik Klären:
„Er darf weiter mache, er macht ja auch weiter offenbar.“
004:59
Mit unseren Recherchen gehe ich damals zum Finanzamt. Der Mitarbeiter nimmt sich Zeit für mich – ohne Kamera. Zum Einzelfall darf der Beamte zu dem Zeitpunkt nichts sagen, doch er kommentiert:
05:12
„Ich kann nachvollziehen, wie schlimm die Situation für die Betroffenen ist!“
05:15
Ich frage auch bei Polizei und Staatsanwaltschaft nach - und erfahre, dass zu diesem Zeitpunkt bereits 30 Strafanzeigen vorliegen. Zurück beim Ehepaar Drost, will ich wissen, was die junge Mutter dem Bauunternehmer sagen würde, wenn sie ihn persönlich sieht.
05:30
Dajana Drost:
„Also ich würd ihn fragen, ob er denn nachts schlafen kann, wenn er sieht, wie viele Familien er ins Unglück stürzt.
05:36
Auch die anderen geschädigten Familien aus Pforzheim wollen ihrem Ärger Luft machen. Ich begleite sie zum Sitz des Bauunternehmens und gehe Voraus, um erstmal alleine mit dem Bauunternehmer zu sprechen.
05:48
Vanessa de Lacaze:
„Guten Tag Herr (PIEP), wir würden gerne mit Ihnen sprechen über Ihre Firma.“
05:51
Die Tür geht gleich wieder zu. Ich gehe zurück zu den Familien.
05:55
Claudia Raab: „Wenn er jetzt nichts zu verbergen hätte, dann wäre er rausgekommen und wird wenigstens unsere Fragen beantworte.
06:00
Kann es sein, dass der Mann straffrei davonkommt, obwohl er so viele Familien ins Unglück gestürzt hat, und das offenbar nicht zum ersten Mal? Diese Frage lässt mich nicht los.
Heute - sieben Jahre später – bin ich wieder in Pforzheim. Ich will wissen, wie die Ermittlungen verlaufen sind. Und es gibt auch Neuigkeiten von Familie Drost - und zwar sehr spannende.
06:19
Aufsager Vanessa de Lacaze: Nach meinen Recherchen ist tatsächlich ein Strafverfahren gegen das Bauunternehmer Ehepaar eingeleitet worden. Und alleine das Verlesen der Anklageschrift soll 30 Minuten gedauert haben. Klingt ganz schön kompliziert. Und lange gedauert hat es auch. Jetzt will ich von der Staatsanwaltschaft wissen Was ist daraus geworden?
06:37
Die Liste der Vorwürfe ist lang: finanzielle Schieflage der Firma und trotzdem Luxus-Urlaub auf Ibiza? Der erste Staatsanwalt Henrik Blaßies nimmt sich Zeit für uns.
06:48
Hennrik Blaßies: Die Ermittlungen waren in dem Fall sehr komplex. Sie haben sich hier über mehrere Jahre hinweg gezogen. Beinahe sechs Jahre hat es hier gedauert, bis tatsächlich da ein rechtskräftiges Urteil vorlag.
Was konnte den Eheleuten nachgewiesen werden?
Hennrik Blaßies: Die Eheleute wurden hier jeweils wegen gewerbsmäßigen Betruges in zehn Fällen, wegen versuchten Betruges, wegen pflichtwidriger Baugeldverwendung sowie auch wegen 16 Fällen des Vorurteils von Arbeitsentgelt verurteilt.
07:13
Ich erfahre, dass auch unsere Recherchen in dem Strafprozess berücksichtigt wurden. Das Urteil: zwei Jahre auf Bewährung für den Bauunternehmer, anderthalb Jahre für seine Frau. Ganz schön wenig, wie ich finde. Aber parallel gab es auch noch einen Zivilprozess - da ging es um Schadensersatz. Und der ist anders ausgegangen. Wieder bin ich bei Familie Drost.
07:34
Begrüßung steht kurz frei
07:37
Ich bin beeindruckt. Die beiden haben alles in Eigenleistung zu Ende gebracht.
07:45
Vanessa de Lacaze: Wie schaust du jetzt zurück auf diese Bauphase von früher?
Dajana: Ich würde nie wieder bauen. Ich bin froh, dass es vorbei ist. Ja, so langsam schließe ich für mich zumindest meinen Frieden mit dem Hausbau. Aber ich habe meinen Kindern würde ich raten Kauft euch ein fertiges Haus, das schon ein paar Jahre steht.
07:59
Zu dem strafrechtlichen Prozess gegen den Bauunternehmer und seiner Frau, die als alleinige Geschäftsführerin eingetragen war, wurden Dajana und Heiko damals NICHT als Zeugen geladen, erfahre ich.
08:11
Vanessa de Lacaze: Habt ihr von dem Prozess etwas mitgekriegt?
Dajana: Nein, gar nix.
Vanessa1: Kennt ihr das Urteil?
Dajana: Nee.
Vanessa: Soll ich´s mal lesen?
Der Geschäftsmann wurde zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.
Dajana: Schade, ich hätte ihn gerne hinter Gittern gesehen, aber. Naja.
Vanessa: Die Ehefrau zu 1,5 Jahren auf Bewährung.
08:32
Anders beim Insolvenzverfahren. Hier sind die Drosts als Gläubiger involviert. Beharrlich kämpft die junge Bauherrin für Forderungen, erzählt sie mir. Mit Erfolg. Dajana erwirkt u.a. eine Lohnpfändung gegenüber der ehemaligen Geschäftsführerin.
08:46
Dajana: Ich kriege jeden Monat die Lohnabrechnung zugesendet. Für mich ist es ein Stück Genugtuung. Ja. Ich kann sie jedes Mal aufs Neue daran erinnern, dass da noch welche sind, die es nicht vergessen haben.
09:01
Und das zahlt sich auch finanziell allmählich aus. Weitere 14 000 Euro werden die beiden nächstes Jahr erhalten - der Verurteilten wurde eine Lebensversicherung gepfändet, das Geld fließt den Drosts zu. Dajana sagt mir: dass wir damals auf ihren Hilferuf reagiert haben, habe ihr bei all dem sehr geholfen.
09:18
Dajana: Also, das hat uns Mut gemacht, weil wir gemerkt haben, okay, da ist noch mal jemand, der interessiert sich für die Geschichte und recherchiert und dann haben wir noch mal so richtig Energie bekommen, das Ganze hier fertig zu machen und dran zu bleiben. Da sind wir sehr dankbar dafür.
09:32
Ich bewundere die beiden: trotz aller Belastung und Verzweiflung haben sie nicht aufgegeben. Und bewiesen, dass sich Hartnäckigkeit auszahlen kann - sogar in Fällen, die zunächst fast aussichtslos erscheinen.