Das ist sicher der heftigste Fall, den ich als P12-Reporterin bislang erlebt habe. Heftig, weil eine Lösung auch im Sinne des Kindes weit entfernt scheint, aber vor allem heftig für mich, weil ich selbst Mutter bin. Und mir die Vorstellung, dass jemand mir einfach mein Kind wegnimmt, unerträglich scheint.
Nach dem Hilferuf an uns Punkt-12-Reporter mache ich mich auf den Weg nach Leipzig, wo die Familie wohnt. Auch wenn es schwierig werden wird, ich will versuchen, der verzweifelten Mutter zu helfen. Sie erzählt mir, wie hilflos sie sich fühlt.
Vor gut fünf Jahren war Maria mit Hamza zusammen, der aus Tunesien stammt. Als ihr gemeinsamer Sohn Luis geboren wird, ist das Paar schon getrennt. Luis ist nicht sein richtiger Name, wir nennen ihn in diesem Beitrag so, um ihn zu schützen. Das Verhältnis der Eltern sei in Ordnung gewesen, so Maria, nach anfänglichen Schwierigkeiten sieht der Vater Luis regelmäßig. Deshalb kann auch die Oma nicht begreifen, was jetzt passiert ist.
Luis ist kein Einzelkind, er hat noch zwei Halbgeschwister. Tochter Marisa leidet auch sehr unter dem Verlust. Für sie war das Ganze ein großer Schock:
Seit über einem halben Jahr hat die Familie den Jungen nicht gesehen. Lediglich ein Video von seinem Geburtstag hat der Vater vor Monaten zugeschickt. Mutter Maria kann nur hoffen, dass es ihrem Sohn gut geht.
Luis Spielsachen sind unangetastet, sein Bett ist leer. Mutter Maria erzählt mir, dass
Hamza mit Luis einige Tage gemeinsamen Urlaub machen wollte, in der Türkei. Da
das nicht das erste Mal passiert, ist sie einverstanden. Doch von diesem Urlaub
kommen beide nicht zurück. Warum, das weiß Maria bis heute nicht, sagt sie. Ein
Streitthema sei wohl gewesen, dass sich der Junge gerne mal Prinzessinnenkleider
angezogen hat. Das scheint Vater Hamza ein Dorn im Auge gewesen sein.
Hat der Vater tatsächlich doch aus kulturellen Gründen seinen Sohn verschleppt?
Später werde ich Gelegenheit haben, ihm selbst diese Fragen zu stellen –
er erklärt sich bereit, mit mir zu sprechen. Bei der Familie merke ich, wie sehr sich
die Mutter jetzt an Erinnerungen festhält.
Für mich steht fest, hier muss etwas passieren. Bevor ich weitere Schritte gehe, will
ich mich genauer über solche Fälle informieren und treffe mich mit Ursula Rölke. Sie
ist Leiterin des Internationalen Sozialdienstes und hat schon etliche Fälle dieser Art betreut.
Ich nehme mit der aktuellen Ehefrau des Vaters Kontakt auf, verabrede mich mit ihr
in einem Cafe. Weil sie nicht möchte, dass wir filmen, arbeiten wir mit nachgestellten
Szenen. Sie erzählt mir, dass sie mit Hamza regelmäßig über
spreche.
Ich bekomme den Kontakt, tatsächlich spricht Hamza auch mit mir. Bevor ich
versuche, auf ihn einzuwirken, will ich mich noch mehr in die Perspektive
von Luis hineinversetzen – was ist für ihn jetzt das Beste? Dazu bin ich mit
Psychologin Dr. Inés Brock-Harder zu einem Videochat verabredet.
Dr. Inés Brock-Harder, Vorsitzende des Bundesverbandes für Kinder-
und Jugendlichenpsychotherapie
Mir ist jetzt noch klarer geworden, wie behutsam ich hier vorgehen muss – zum Wohl
von Luis. Hamza fasst Vertrauen zu mir, wir beginnen auch über Videochat Kontakt
aufzunehmen. Um wieder Kontakt zwischen den Eltern herzustellen, gründen wir
eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe. Immer wieder ist es Thema, dass Maria Luis
angeblich zu sehr wie ein Mädchen behandelt habe. Ich schreibe:
„Hallo Hamza, ich habe nochmal mit Maria gesprochen. Sie denkt auch,
dass damals mit dem Kleidertragen alles nicht gut gelaufen ist. Sie sagt, dass er als
Junge geboren ist und sie auch nicht will, dass er ein Mädchen wird.“
„Ein Schritt zum Besseren“
Ich habe den Eindruck, dass Hamza versucht, wieder einen Schritt auf Maria zuzugehen. Er schickt uns Fotos von Schulaufgaben, die Luis gemacht hat.
Und dann geraten die Dinge noch mehr in Bewegung. Ich spreche erneut mit Maria:
Marias Emotionen kochen über - der Kontakt bricht zunächst ab. Ich habe aber
weiterhin Hoffnung, dass etwas vorangeht, wir den Kindsvater vielleicht etwas zum
Umdenken bewegen können. Nach vielen Gesprächen erklärt er sich zu einem
offiziellen Interview per Videocall bereit, möchte das aber bei diesem sensiblen Thema in seiner eigenen Sprache mit Dolmetscher führen. Ich beauftrage Dolmetscher Yassin N’Sir.
Hamza sagt mir, dass erst einige Dinge geklärt werden müssten, bevor er mit seinem
Sohn eventuell zurückkäme. Wir sprechen darüber, dass erst einmal nur er alleine zu
einem Gespräch mit Maria und mir nach Deutschland kommen könnte.
Ich habe den Eindruck, dass er es ernst meint – und dass er sich gut um sein Kind
kümmert und aus seiner Sicht Beste für Luis will. Dann passiert etwas, dass ich
so nicht erwartet hatte. Er zeigt uns den Kleinen, der während des Interviews
eingeschlafen ist.
Ich bin voller Hoffnung, dass es dieses Treffen zwischen Maria und ihm in
Deutschland tatsächlich bald geben wird. Ich werde weiter versuchen, darauf
einzuwirken – für Luis.