Dienstbeginn für Sabrina und Lukas in Hamburg-Marienthal. Dass ihnen der Tag viel abverlangen wird, ahnen die beiden Polizisten noch nicht. Nach nicht mal zwei Minuten spüren sie schon den ersten Verkehrssünder auf: einen Senioren, der bei Rot über die Ampel fährt. Eine Kamera an Lukas' Helm ermöglicht uns eine einzigartige Perspektive.
"Guten Tag, die Polizei. Einmal bitte anhalten."
"Ich bin nicht bei Rot darübergefahren."
"Doch, die erste Fuß- und Radfahrampel hat Rot gezeigt, haben wir beide gesehen."
Eine Ordnungswidrigkeit, die den 83-jährigen 60 Euro kostet.
"Scheiße hier Mensch. Das darf ja nicht wahr sein sowas."
"Wollen Sie den Verstoß zugeben?"
"Sie können mir den Buckel runterrutschen. Das können Sie."
Der Mann uneinsichtig.
"Die zweite Ampel hat noch Grün gezeigt und da bin ich rüber gefahren."
Beleidigungen und aggressive Reaktionen erleben Sabrina und Lukas täglich. Doch da stehen beide drüber.
OT Sabrina Friedrich, Verkehrspolizistin
"Man braucht schon ein dickes Fell. Das gehört dazu. Links rein, rechts wieder raus."
Sabrina arbeitet bereits seit 22 Jahren bei der Polizei, Lukas seit sechs. Genug Erfahrung, um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen.
"Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, können Sie Ihren Weg fortsetzen."
Doch dafür muss er erstmal sein Fahrrad zurückholen.
"Helfen Sie mir lieber hier, Mensch. Sie stehen da wie angegossen."
"Wenn Sie Ihr Fahrrad wegwerfen vorsätzlich, dann helfe ich Ihnen nicht dabei."
"Ja, ja...die Polizei. Dein Freund und Helfer."
Der Mann wird in den nächsten Wochen den Bußgeldbescheid per Post bekommen. Eine eher erzieherische Maßnahme. Für die Stadt lohnt sich der bürokratische Aufwand finanziell kaum.
Rund 20 Beamte hat die Hamburger Fahrradstaffel - zuständig für 1,8 Millionen Hamburger. Ihre Aufgabe: Fußgänger, Rad- und Autofahrer an Regeln und Gesetze "erinnern". Und auch so manchen E-Roller-Fahrer.
"Das Fahrzeug fährt laut Tacho 32 km/h. Sie haben den Ursprungszustand des Elektrokleinstfahrzeugs verändert, damit er schneller fährt."
Erlaubt sind höchstens 20. Der E-Roller ist getuned - wie jeder zweite private Roller in der Hansestadt. Normalerweise ist ein Führerschein kein Muss. In diesem Fall aber schon, weil der Roller so schnell ist. Doch den hat der Mann nicht. Die Liste seiner Vergehen wird immer länger.
"Sie haben hinten noch eine Versicherungsplakette aus dem Jahr 2023.
"Ich weiß gar nichts davon. Ich war zu spät zur Arbeit.
"Das ist nicht mein Roller."
"Das spielt aber keine Rolle. Sie dürfen sich auch nicht in ein Auto setzen, wenn Sie keine Kraftfahrzeugversicherung abgeschlossen haben."
Der Mann wird immer nervöser.
"Neben dem Fahren ohne Fahrerlaubnis kommt hier auch noch die Straftat Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz hinzu. Haben Sie das verstanden?"
"Ja."
"Alles klar."
Der Mann läuft davon. Sabrina und Lukas, aber auch unser Filmteam, können so schnell nicht reagieren: Was hat er zu verbergen?
"Ich fahre hinterher. Hast du seinen Ausweis noch?"
"Nein, den hat er mir ja gerade aus der Hand gerissen."
"Stehen bleiben. Die Polizei. Wir kriegen Sie sowieso."
Werden die beiden den Mann noch schnappen? Dazu später mehr.
Nachmittag. Feierabendverkehr. Die Jüthornstraße im Osten Hamburgs - ein Unfallschwerpunkt. Ein wichtiger Teil von Sabrinas und Lukas Arbeit: LKW kontrollieren. So auch heute - zusammen mit ihren Kollegen und ausgestattet mit Polizeikelle und Lasermessgerät.
Erlaubt ist für LKW beim Abbiegen nur Schrittgeschwindigkeit, übersehen viele von ihnen doch häufig Radfahrer im toten Winkel.
Der nächste rasende Brummifahrer lässt nicht lange auf sich warten.
"Das war deutlich über Schrittgeschwindigkeit. Das waren gemessene 20kmh."
Der LKW hat einen Abbiegeassistenten verbaut, so wie es ab Juli bei allen neuen schweren Fahrzeugen in der EU Pflicht ist. Trotzdem gilt auch für ihn beim Abbiegen abbremsen.
"Das ist echt traurig. Da frage ich mich, warum man das eigentlich serienmäßig oder extra Bestellung verbaut hat."
"Nichtsdestotrotz sind Sie dazu verpflichtet, die Schrittgeschwindigkeit einzuhalten. Technik kann auch mal ausfallen."
Mehr als 4.000 Radfahrunfälle gab es im vergangenen Jahr in Hamburg. Neun davon endeten tödlich. Doch der Mann hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig.
"Wir haben auch leider Termindruck und sowas leider, ist leider so. Einem hängt die Dispo im Nacken, die Kunden im Nacken."
Den LKW-Fahrer erwartet ein Bußgeld von 70 Euro und einen Punkt in Flensburg. Mitleid hat Lukas nicht.
OT Lukas König, Verkehrspolizist
"Er ist dort fast ungebremst durch die Kurve.
"Also das hat genau den richtigen getroffen, wenn ich das mal sagen darf."
Die heutige Bilanz: in nur drei Stunden 15 zu schnelle LKW. 15 potentielle Unfälle. Sabrina und Lukas appellieren an die Radfahrer.
OT Sabrina Friedrich und Lukas König, Fahrradstaffel Polizei Hamburg
"Sobald ein LKW neben einem steht und man merkt, der möchte rechts abbiegen, versuchen über die Spiegel, über das Führerhaus Sichtkontakt aufzunehmen. Und wenn das Ganze nicht funktioniert, dann gern sich selbst zurücknehmen und den LKW rechts abbiegen lassen und ihn vorfahren lassen."
Zurück zum geflüchteten E-Roller-Fahrer am Vormittag. Der Scooter getuned, kein Führerschein, keine Versicherung. Sabrina und Lukas nehmen mit ihrem Rad die Verfolgung auf.
Nach nur wenigen Minuten rückt Verstärkung an.
"Dann habe ich gesehen, wie er hier reingeflitzt ist. Aber hier ist alles voller Hinterhöfe und Hauseingängen."
Die Beamten schauen sich unsere Filmaufnahmen an.
OT Sabrina Friedrich, Polizei Hamburg
"Er kann hier vielleicht illegal sein. Vielleicht hat er noch ganz andere Sachen auf dem Zettel." // "Wir stecken in diesen Personen nie drin, was er für einen anderen Hintergrund hatte, warum er gerade geflüchtet ist. Das war gerade Adrenalinspiegel pur."
Lukas und Sabrina ist klar: Sie müssen ihn finden.
"Und dort hinten bist du auch reingefahren? Nein? Dann lass uns doch mal da reinfahren."
Die richtige Entscheidung? Plötzlich sieht Lukas eine Person in einem Gebüsch.
"Stehen bleiben. Die Polizei. Die Polizei. Stehen bleiben."
Es ist der gesuchte Mann. Lukas springt vom Fahrrad ab, rennt ihm hinterher.
"Bleiben Sie stehen. Der ist jetzt zum Nachbarsgrundstück rüber in Richtung Osten. Stehen bleiben. Wir kriegen Sie sowieso."
Lukas ist auf sich allein gestellt. Für den 24-jährigen Polizisten eine gefährliche Situation.
Plötzlich bleibt der Mann tatsächlich stehen. Scheinbar sind ihm die Kräfte ausgegangen. Trotzdem ist die Gefahr noch nicht gebannt.
Nur 30 Sekunden später treffen auch Lukas Kollegen ein. 30 Sekunden, die Lukas wie eine halbe Ewigkeit vorkommen. Es klicken die Handschellen.
Ein Drogentest beim 32-jährigen wird später tatsächlich positiv ausfallen. Er muss sich nun auch noch wegen Fahrens unter Betäubungsmitteln verantworten.
Ein anstrengender Tag geht für Sabrina und Lukas zu Ende. Rund 20 Kilometer legen die beiden am Tag im Durchschnitt zurück. Ihr Fahrrad gegen den Streifenwagen austauschen - das kommt für sie trotzdem nicht in Frage.
OT Sabrina Friedrich/Lukas König, Polizei Hamburg, Verkehrspolizist
"Wir haben keine Fensterscheibe zwischen uns und dem Bürger. Und so kommen wir viel schneller mit den Leuten ins Gespräch." // "Die ältere Dame , die sich in der Fußgängerzone bewegt und sich freut, dass wir endlich mal wieder eine Kontrolle machen, weil sie sich dann dadurch sicher fühlt. Für mich sind das so diese kleinen Momente."
"Es macht jedenfalls deutlich mehr Spaß aus meiner Sicht, als den ganzen Tag nur Streifenwagen zu fahren."
Auf Sabrina und Lukas wartet nun der lästige Papierkram: Strafanzeigen schreiben, Statistiken führen. Aber sie wissen: Heute haben sie Hamburgs Straßen ein kleines bisschen sicherer gemacht.