Kinder sind etwas Wunderbares:
„Mama! Ja!“
Haushalt, Nachwuchs und Job – diese Kombination empfinde ich viel zu oft als Stress pur. Bin ich am Ende selbst schuld?
„Es regnet heute – und ich hole die Kinder ab“
„Den Druck macht Ihr Euch selber – das ist es!“
Ich bin Reporterin und habe zwei Kinder. Auch mein Mann ist beruflich viel unterwegs. Wir haben oft das Gefühl, dass uns die ganze Organisation rund um die Familie über den Kopf wächst:
„Habe in der letzten Woche 11 E-Mails und Post von der Schule. Da sind so Dinge drin, Dienste Verkehrshelfer, bei Ausflügen dabei sein, zusätzlich zu diesen ganzen Hausaufgaben, Kindergeburtstags-Whats-App-Gruppen, was man da alles beachten muss. Ist schon aufwendig.“
Und dazu kommt, wie in vielen Familien: Der Großteil der Hausarbeit bleibt typischerweise an mir hängen. Eigentlich hätte ich auch mal gerne Zeit für mich – aber wann?
„Wann reite ich, Montag um 11. Morgen! Jo.“
„Essen gekocht, für die Arbeit telefoniert. Nudelwasser übergekocht, also könnte man die einfachsten Sachen nicht.“
„Es ist 23 Uhr, hätte richtig Bock schlafen zu gehen. Kinder und Haushalt, Yay!“
Am nächsten Tag komme ich nach der Arbeit spät nach Hause und treffe meinen Mann, der heute nach dem Büro die Kinderbetreuung übernommen hat, noch in der Küche:
„Was stresst Dich am meisten, Michi?“
„12 Stunden Arbeit, dann Kinder, dann abendliche Vorbereitungen, danach Büro, bis man dann irgendwann ins Bett gehen kann.“
Wir lieben unsere Kids und verbringen gern Zeit zusammen. Aber wir kennen inzwischen mehr Eltern, die wie wir an der Grenze der Belastbarkeit sind, als solche, die alles locker schaffen. Ich recherchiere. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sind wir damit nicht allein.
„Über 60 Prozent aller befragten Eltern fühlen sich gestresst, davon über 70 % fühlen sich sogar ausgebrannt und diese Zahl hat die letzten Jahre sogar zugenommen.“
Warum das so ist, will ich von Nina Grimm wissen. Die Familienpsychologin- und Paartherapeutin hat selbst zwei Kinder. Und erzählt mir, dass sie immer mehr Eltern als Patienten hat – aus genau diesen Gründen.
„Es sind zu viele Aufgaben, während zeitgleich die soziale Unterstützung sinkt. Kultur mit hohen Ansprüchen an Mutter und wie ein Kind zu sein hat“.
Familien leben heute meist nicht mehr mit ihren Großeltern zusammen, dazu fehlen über 430 Tausend Kitaplätze, auch Schulunterricht fällt häufig spontan aus. Und Eltern versuchen, alles zu optimieren. Dazu bekommen sie auch noch zahlreiche Tipps aus dem Umfeld oder Social Media. Trend-Thema hier: Bedürfnisorientierte Erziehung.
„Ich soll nicht drohen, nicht belohnen, nicht laut werden, nicht loben, keine Gefühle ablenken, eine Ja-Umgebung schaffen und auf Augenhöhe sein. Verständnis zeigen. Aber wer hat dann Verständnis für mich oder uns als Eltern!?“
Da läuft doch was falsch, sagt auch meine 83-jährige Mutter, die 2 Stunden Autofahrt entfernt von uns lebt. Sie ist heute 7-fache Oma, hat selbst 3 Kinder und arbeitete früher als Krankenschwester im Schichtdienst.
„Wir damals in dem Auto. Papa hat noch geraucht, Musik laut und los!“
„Unvorstellbar heute. War einfacher für die Erwachsenen. Man hat sich gar nicht so große Gedanken gemacht.“
Auch als wir klein waren, musste alles schon funktionieren, allerdings in erster Linie für die Eltern.
„Es wurde gar nicht so auf die Kinder eingegangen.“
„Dass das ein bisschen zu viel ist manchmal, das Gefühl habe ich.“
Dass heute Kinder gerade in vielen Gesellschaftsbereichen mehr Beachtung erfahren, finden wir beide gut. Aber manchmal wird es auch zu viel, da hat sie wohl recht. Ein kleines Beispiel dafür: Pausenbrote. Meine Mutter macht sie so wie früher, ich wie heute:
„Warum bist Du denn jetzt schon fertig?“
„Das ging ganz schnell, höchstens einen Apfel, und den im Ganzen dann!“
„Den Druck macht ihr Euch selber, das ist es! Heute wollt ihr hundertprozentig sein, Haushalt, Beruf, das kann man nicht.“
Wollen wir also zu viel? Bin ich zu perfektionistisch?
Die Familienpsychologin stellt mir eine Aufgabe: Nicht alles 100%ig machen wollen, den Kindern mehr Grenzen setzen und nicht immer ein schlechtes Gewissen haben.
„Wo wir uns das als schönes Bild vor Augen führen dürfen, dass Kinder aus dem Mittelpunkt der Familie in den Kreis der Familie kommen dürfen, wo sie hingehören, die gehören an unsere Seite. Wir sind ein System, und ja, da ist ein Kind ein wunderschöner und wichtiger Bestandteil, aber Du eben auch und deine Partnerschaft auch.“
Schon für den nächsten Tag nehme ich mir fest vor: Die Kids gehen nach der Schule allein nach Hause, damit ich weniger Zeitdruck habe, allerdings:
Frei: „Es regnet heute. Und ich hol die Kinder ab mit dem Auto. Jetzt hab ich ein schlechtes Gewissen, weil ich die Kinder abhole, weil ich das nicht mehr machen wollte und wenn ich die Kinder abhole, hab ich´s auch, weil sie dann nass werden.“
Genau das soll ich mir doch abgewöhnen! Klappt am nächsten Morgen schon besser, trotz Regen. Und am Nachmittag sollen die Kinder mehr selbst aufräumen, damit am Abend nicht wieder alles an mir hängen bleibt.
„Guck mal, da liegen viele Spielsachen. Wieder dort wo du sie herhast. Ja!“
Und, ich versuche mir bewusst Pausen zu nehmen. Und das, obwohl noch überall Unordnung herrscht, was mich zugegebenermaßen etwas unentspannt macht.
Wir wollen Gleichberechtigung – und sind doch in alten Rollenbildern gefangen. Das sagen Schauspielerin Marie Nasemann und ihr Mann Sebastian Tigges - in ihrem Podcast „Family Feelings“, hier bei RTL:
„Erlebe einen extrem hohen Druck auf Frauen. Jetzt wird von uns erwartet, dass wir soviel arbeiten, die Männer, gleichzeitig auch noch perfekte Mutter sein und die Carearbeit machen. Zu viel von allem.“
Weil genau das eben nicht machbar ist, hat Sebastian - untypisch in Deutschland- nach der Geburt seine Festanstellung als Rechtsanwalt gekündigt, um sich um die Kinder zu kümmern, während Marie nach 3 Monaten wieder arbeitete.
Sebastian: „Es wird erwartet von Männern, dass sie das Geld ranschaffen, Doppelbelastung kennen Mütter und Frauen auch schon über Jahre. Wir als Gesellschaft müssen uns da bewegen und dafür muss es Väter geben, die da bisschen vorwärtsgehen und Verantwortung übernehmen.“
Ich kann für mich sagen: Selbst wenn es finanziell möglich wäre – ich würde meinen Job gar nicht aufgeben wollen. Also machen wir weiter damit, im kleinen Entlastung zu schaffen.
„Ich hab wirklich versucht, die Tipps umzusetzen, und mit mehr Zeit für mich und auch bisschen mehr auf die Bedürfnisse von uns als Eltern geachtet, als auf die der Kinder. Am Anfang schwierig, aber langfristig fahren wir damit wesentlich besser.“
„Findet Ihr, dass wir gute Eltern sind?“
„Ja, natürlich. Die besten. Auch, obwohl wir manchmal gestresst sind! Das ist ja auch eine Riesenaufgabe, Kinder, Haus, Hund, alles.“
Ich freue mich sehr, das von den beiden zu hören. Kinder sind Teil der Familie, nicht Mittelpunkt – was am Anfang für mich irgendwie hart klang, macht jetzt immer mehr Sinn. Und hilft uns allen, im Alltag entspannter zu sein.