Eine Schneedecke verwandelt den Wahlkreis Pinneberg in eine mysteriöse Märchenlandschaft. Und tatsächlich verbirgt sich hier im Wahlkreis 007 das letzte geheimnisvolle Rätsel unserer Demokratie. Uns gegenüber geben sich die Pinneberger natürlich ahnungslos.
"Sie meinen das Giftzeug unten am Wasser?"
Ähm. Nein, das meine ich nicht.
"Wissen Sie eigentlich, dass mit Ihrem Ort hier etwas nicht stimmt?"
"Oh ja, hab ich das Gefühl schon seit längerem."
"Och, da hab ich keine Frage drauf, kann ich Ihnen nicht antworten."
Wir bringen Licht ins Dunkel: Denn das Wahlorakel könnte auch in diesem Jahr wieder zuschlagen. Es besagt: Die Partei, dessen Direktkandidat hier im Wahlkreis Pinneberg gewinnt: die stellt am Ende auch den Bundeskanzler!
So holte 1983 die CDU das Direktmandat in Pinneberg. Regierungschef, damals noch in Bonn: Helmut Kohl.
1998 gewann die SPD den Wahlkreis. Gerhard Schröder wurde Kanzler.
2005 gewann dann der Direktkandidat der CDU in Pinneberg. In Berlin der Beginn der Ära Merkel.
Und auch bei der letzten Wahl 2021, als Ralf Stegner das Direktmandat holte und Scholz Kanzler wurde, war das nicht anders.
"Die Frage, wer Bundeskanzler wird, wird hier im Wahlkreis Pinneberg entschieden. Und das schon seit 1953. Das kann doch kein Zufall sein."
Die Pinneberger können sich das Phänomen auch nicht erklären.
"Kriege ich überhaupt nicht zusammen, was Sie da sagen."
"Als Kreisstadt ist das hier tot. Wir haben zehn Friseurläden, und wir haben drei Bäcker oder vier. Und hier ist doch nix."
Zum Wahlkreis Pinneberg zählt da schon ein bisschen mehr.
Nämlich 49 Gemeinden: nicht nur die Stadt Pinneberg, sondern unter anderem auch Elmshorn und Wedel, aber auch die Insel Helgoland. Rund 240.000 Wahlberechtigte (236.868) wohnen hier. 30 Prozent der Menschen sind hier über 60. Die Arbeitslosenquote liegt bei 5,4 Prozent.
Also alles ziemlich durchschnittlich.
Bei der diesjährigen Bundestagswahl treten für den Wahlkreis unter anderem Daniel Kölbl von der CDU und Ralf Stegner von der SPD gegeneinander an.
Daniel Kölbl versucht auf dem Wochenmarkt von Barmstedt die letzten Wähler zu überzeugen. Barmstedt gehört ebenfalls zum Wahlkreis Pinneberg.
"Für Sie?"
"Dankeschön."
"Bitte schön. Und dann frohes Wählen."
"Hat denn Herr Merz schon bei Ihnen angerufen und meinte Du musst das Direktmandat für mich holen, ansonsten werde ich nicht Bundeskanzler?"
"Den Anruf gab es noch nicht, aber ich sitze jeden Freitagmorgen in einer Videokonferenz zusammen mit Carsten Linnemann und allen anderen Bundestagskandidaten. Und dort kämpfen wir dann gemeinsam dafür, dass wir einen Politikwechsel in Deutschland bekommen."
"Das heißt, Sie sind nicht abergläubisch? Sie glauben nicht an das Wahlorakel?"
"Hm, doch. Ich glaube da schon dran. Also ich glaube, wenn wir hier vor Ort gewinnen, dann wird Friedrich Merz auch Kanzler."
Währenddessen ein paar Kilometer weiter: Ralf Stegner beim Klinken putzen.
"Guten Tag. Ralf Stegner. Bundestagsabgeordneter von der SPD. Ich mache ein bisschen Werbung für die Bundestagswahl. Vielleicht gucken Sie mal rein. Alles klar. Tschüss."
Dass der Wahlkreis Pinneberg zukünftigen Kanzlern Tür und Tor öffnet - daran glaubt der 65-jährige Bundestagsabgeordnete ganz fest.
"Wenn ich im Wahlkreis gewinne , dann ist Olaf Scholz auch Bundeskanzler." // "Ich glaube , das hängt zum einen zusammen, dass die Mischung hier eine ist, wo ländlicher Raum und Urbanes sich so mischt, wie das repräsentativ ist. Das etwas progressivere Hamburg, das etwas konservativere Schleswig Holstein, das mischt sich hier."
Könnte das eine Erklärung sein? Wir fragen Politikberater Bendix Hügelmann. Was steckt hinter dem Phänomen?
"Dieses Phänomen ist rein wissenschaftlich nicht zu erklären. Also es gibt jetzt keine Besonderheiten in Pinneberg, die inhaltlich das begründen würden. // Ich gehe davon aus, dass wir es hier mit einem Zufallsergebnis zu tun haben, was durchaus selten ist. Aber auch seltene Ereignisse können in der Tat dann ja auch eintreten."
"Heißt das also, man könnte eigentlich auf die Bundestagswahl in Deutschland verzichten und Sie nur noch in Pinneberg abhalten?"
"Da freuen sich wahrscheinlich die Pinnebergerinnen und Pinneberger. Ich persönlich als Hamburger finde die Idee nicht so besonders gut und damit belasse ich das vielleicht mal."
Ob Zufall oder doch Magie - wer wird denn nun der nächste Bundeskanzler? Manchmal lohnt sich ja ein Blick in die lokale Presse...
"Das ist ja interessant. Im Tageshoroskop von Scholz heißt es: Die Kraft, die Sie augenblicklich für Ihre beruflichen Aufgaben benötigen, schöpfen Sie glücklicherweise aus Ihrem abwechslungsreichen Privatleben. Und eine Finanzkrise ist vorüber. - Darüber wird er sich sicherlich freuen."
"Und im Sternzeichen von Merz heißt es... Er ist ja Skorpion. Möchten Sie beruflich etwas verändern? Jupiter hilft Ihnen, die richtigen Akzente zu setzen. Sie sollen ruhig etwas mehr wagen und werden sehen, dass Sie dann weiterkommen als gedacht. - Wenn das nicht mal ein Omen ist."
Statt die Sterne zu fragen, fragen wir jetzt jetzt doch einfach mal die Pinneberger: Für welche Partei würden sie am Sonntag stimmen?
"Ich wähle die CDU, weil ich selber Mitglied bin."
"Ich weiß es nicht im Moment. Aber auf der anderen Seite wiederum kommt die Äußerung von Herrn Merz mir eigentlich sehr entgegen."
"Definitiv die AfD."
"Die Wirtschaft, die ist mir sehr, sehr wichtig. Es geht ja hier nun wirklich alles bergab."
Merz, Scholz oder vielleicht doch jemand anders? Am Sonntag entscheidet sich nicht nur, welche Partei stärkste Kraft wird und den Bundeskanzler stellt. Es entscheidet sich auch, ob das Wahlorakel von Pinneberg ein weiteres Mal Recht behält.