Inserts:
!!00:42 – 00:50 Levke Schwanz, Verbraucherschützerin
02:11 – 02:20 Caroline Nichols, Gründerin 3Bears Foods
02:55 – 03:01 Martin Drohsel, Punkt 12-Reporter
05:13 – 05:20 Levke Schwanz, Verbraucherschützerin
05:52 – 06:00 Arnd Zschiesche, Marketing-Experte
08:31 – 08:37 Levke Schwanz, Lebensmittelexpertin
08:48 – 08:54 Kontakt zu den Punkt 12-Reportern: punkt12@rtl.de
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Reporter: REP Basic aber teuer
Ich bin auf das Thema gestoßen, als ich diese Meldung gelesen habe: Foodwatch wirft hier einem Unternehmen vor, im Grunde normale Haferflocken, also ein eher günstiges Produkt, geschickt viel teurer als nötig zu verkaufen – als Porridge für 3,99. Der Hersteller wehrt sich seitdem öffentlich, fühlt sich ungerecht behandelt.
Es heißt Kerniger Klassiker. Wenn ich auf die Zutatenliste gucken, sehe ich tatsächlich nur – und zwar ausschließlich – Vollkornhaferflocken.
Im eigenen Onlineshop kostet es sogar 4,99. Ich werde mir dieses Produkt und noch etliche andere mit Ernährungsexpertin Levke Schwanz genauer anschauen.
Das ist tatsächlich einer der Hauptbeschwerdegründe bei uns. Im Alltag kommt’s ganz oft dazu, dass Verbraucher Produkte kaufen, vielleicht auch, weil etwas bestimmtes draufsteht oder ausgelobt ist, und dann merkt man: Ok, im Vergleich zu anderen Produkten haben ich da jetzt gar nichts Besonderes oder was hervorsticht gekauft, aber ein bisschen Geld mehr dafür ausgegeben. Und das ist natürlich frustrierend.
Genau deshalb mache ich auch ein kleines Experiment, das zeigen wird, wie einfach es sogar juristisch möglich ist, stinknormale Lebensmittel als etwas super Besonderes zu vermarkten. Natürlich werden wir interessierte Kunden aufklären und nicht zur Kasse bitten. Aber bevor wir starten, schauen wir noch einmal genauer auf das Porridge.
Optisch auf den ersten Blick muss man ja sagen: Es ist ein ansprechendes Produkt, ich sehe direkt, es ist ein Porridge und es ist zuckerfrei, Nutri-Score A und auf der Rückseite sehe ich einen Haufen Eigenschaften, die mich zum Kauf anregen könnten. Zum Beispiel, dass es ein Vollkornprodukt ist, eine Proteinquelle, , eine Ballaststoffquelle. Das sind auch alles Angaben, die sind korrekt, die dürfen auch so draufstehen. Nun ist es aber nicht unbedingt so, dass ich im Vergleich zu einem anderen Produkt einen Mehrwert habe durch diese ganzen Angaben. Haferflocken sind in der Regel immer in Vollkornqualität, und auch auf andere Haferflocken trifft es zu, dass sie eine Protein- und Ballaststoffquelle darstellen.
Hier werde etwas falsch verstanden und bewertet, findet dagegen Caroline Nichols. Sie ist die Gründerin von 3 Bears, dem Hersteller des Porridge.
Ich kann die Begründung grundsätzlich nachvollziehen, und verstehe gleichzeitig auch, wenn Kunden zu diesem Preis nicht zugreifen. Und ich bin neugierig geworden: Was wird uns im Supermarkt möglicherweise überverkauft, was sozusagen in simpel viel weniger kostet? Dazu gehe ich nun einfach einkaufen, Verbraucherschützerin Levke Schwanz wird die Lebensmittel im Anschluss genau unter die Lupe nehmen.
Das ist ein Produkt, das mich natürlich anspricht, weil ich nicht der größte Koch der Welt bin: Bolognese-Basis. Klingt mega einfach, ne Bolognese zu machen. Aaaber... 1,99 finde ich jetzt auch nicht so billig dafür...
- Ich habe hier als Hauptzutat Tomatenmark, dann kommen gehackte Tomaten, bisschen Zwiebeln, Karotten, Zucker, Salz. Das ist nicht großartig etwas anders als eine Tomatensauce.
- Ich habe hier zum Vergleich mal eine No-Name-Tomatensauce gekauft für 1,49, also 50 Cent billiger. Wir können ja den optischen Vergleich schonmal machen...
- Kaum Unterschied, ja.
- Vielleicht können wir mal die Zutaten vergleichen von No-Name-Tomatensauce und dem Markenprodukt.
- Also, hier ist der Anteil gehackter Tomaten größer. Dann kommt Tomatenmark, Zwiebeln, Zucker, Basilikum, Speisesalz, Knoblauch, schwarzer Pfeffer – also sehr ähnlich wie in diesem Produkt. Hier haben wir noch Thymian, Rosmarin, Orgeno mit drin. Darin ist wahrscheinlich auch begründet, warum das eine Bolognese-Basis ist.
- Also eine spezielle Gewürzmischung, aber die macht’s ja nicht unbedingt teurer, oder?
- Nein genau. Am Preis wird das nicht viel ändern, aber an der Geschmacksrichtung, sodass man das eher der Bolognese zuordnet.
In der Tat: Der Hersteller schreibt mir, die Sauce sei als „Kochhilfe“ gedacht und sie sei bereits nach klassischer Bolognese-Art gewürzt. Die zusätzlich nötige Zubereitung sei deutlich ausgewiesen. Okay, eine fertige Sauce, ein bestimmter Geschmack. Aber wie erklärt sich dann hier der Preis?
4,99 für ein Pizza-Gewürz. Und wenn man mal hinten drauf guckt: Es sind halt drin Knoblauch, Oregano, Zwiebel, Majoran und Basilikum. Also eigentlich das, was man eh irgendwie in der Küche ja stehen hat.
- Sieht einfach ein bisschen schicker aus, ne? Zahle ich dafür auch drauf am Ende?
- Genau, das macht auf jeden Fall was her. Vielleicht hat man noch mehrere Sorten von der Marke und die stehen dann in einer schönen Reihe nebeneinander – und dafür zahlt man dann auf jeden Fall drauf. Also, für Marketing, für das Design.
- Es gibt auch einfachen Thymian, also: Das ist keine Mischung! Und da kostet dieselbe Packungsgröße 3,99. Oder ums genauer zu sagen: 159 Euro 60 pro Kilo. Für nur Thymian. Inwieweit ist das denn noch zu rechtfertigen, auch wenn die Packung schön aussieht?
- Das ist schon wirklich grenzwertig. Für 160 Euro pro Kilo brauche ich nicht zu diesem Markenprodukt greifen, da kann ich auch ein viel günstigeres Vergleichsprodukt nehmen und ordentlich Geld sparen.
So die Einschätzung der Expertin. Auch dieser Hersteller sagt mir, der Thymian für sein Produkt komme nur aus Deutschland. Bei Mischungen werde bewusst kein Salz verwendet, was neben anderen Faktoren den Preis auch beeinflusse. Klar, hohe Qualität und guter Geschmack darf auch bei einer einzigen Zutat seinen Preis haben – aber der Marketing-Experte Arnd Zschiesche sieht hier einen generellen Trend.
O-Ton Prof. Arnd Zschiesche
- In dem Moment, wo Sie in diesem Bereich eine Packung sehr auffällig nach modernen Maßstäbchen designen, können Sie eine Branche, in der seit 20, 30 Jahren überhaupt nichts passiert ist, reinkommen, und wenn Sie’s gut machen für ein Produkt, das banal ist, einen ganz anderen Preis verlangen.
Übrigens, besonders betroffen von solch einem Vorgehen seien auch Kundengruppen mit sehr konkreten Bedürfnissen – zum Beispiel junge Mütter. Mir fallen da diese Cracker in einer Drogerie auf, 1 Euro 95 für 100 Gramm für eher einfache Zutaten, wie ich finde. Beworben für Schwangerschaft und Stillzeit. Das sieht die Expertin besonders kritisch.
- Da wird mit Sorgen gespielt, die werdende Mütter oft haben. Die sind sehr besorgt darum, ob sie ihren Nährwertbedarf decken können, für sich und für das ungeborene Baby. Und dann sieht man hier vorne drauf: Da habe ich Eisen, Magnesium, Vitamin B1, es ist ballaststoffreich, ich hab‘ Eisen, das trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei. Klingt alles supertoll, ich kann aber auch einfach irgendwelche anderen Cracker essen. Und ich kann mich auch einfach ausgewogen ernähren als werdende Mutter.
- Sind diese Bestandteile gar nichts Besonderes und auch nicht hinzugefügt worden?
- Die sind in den natürlichen Zutaten schon enthalten. Und weil sie in einer gewissen Menge enthalten sind, sind solche Aussagen wie „Eisen trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei“ erlaubt. Das darf draufstehen. Das sagt nichts darüber aus, dass hier jetzt besonders viel Eisen drin ist oder dass in einem Vergleichsprodukt nicht so viel Eisen drin ist.
Der Hersteller schreibt mir, die Verpackung suggeriere aus seiner Sicht nicht, dass, ohne seine Cracker wichtige Nährstoffe für die Entwicklung des ungeborenen Kindes fehlen könnten“, und der Preis erkläre sich unter anderem dadurch, dass „die Produktion von glutenfreien Produkten aufwendiger sei“. Was mich dann ehrlich überrascht, ist dieser Satz des Herstellers: „Sofern es andere Bio-Snacks aus Hafer, Leinsamen und Sesam gibt, sind diese natürlich auch empfehlenswert.“
Einfache Lebensmittel besonders vermarkten und so im Zweifel mehr Geld verdienen – ich will jetzt selbst testen, wie das funktionieren kann. Die Ernährungsexpertin und ich pressen Orangen aus und füllen den puren Saft in kleine Flaschen. Präsentieren wollen wir ihn aber so, als: Vitamin C Boost auf Orangenbasis mit Wacheffekt. Das Logo hat unsere RTL-Grafik gebaut – und es wäre völlig legal.
Levke zu Vitamin C-Boost
Von einem Boost kann man sprechen, wenn ein hoher Vitamin-C-Gehalt drin, dann müssen mindesten 12 Milligramm pro 100 Milliliter drin sein. Das haben wir hier locker erreicht.
Das ist eine EU-Verordnung – und auch der von uns beworbene Wacheffekt ginge laut einer anderen EU-Vorschrift in Ordnung, so die Expertin. Hier ist aber der folgende Satz entscheidend.
Levke zu Wacheffekt
Vitamin C trägt zu Verringerung von Müdigkeit bei. So, und jetzt haben wir ja mal viel mehr Vitamin C drin und die Verringerung von Müdigkeit kann man ja vielleicht mit Wacheffekt gleichsetzen. Hier wäre nur wichtig, dass dieser erlaubte Claim an irgendeiner anderen Stelle auf der Flasche steht.
Wir verzichten jetzt in unserem Experiment aber auf den Hinweis, denn natürlich werden wir unsere Fläschchen nicht wirklich verkaufen. Wir wollen nur wissen: würden bei diesen Ankündigungen auf dem Etikett die Leute zugreifen? Und wenn ja, zu welchem Preis?
- Vitamin C Boost auf Orangenbasis mit Wacheffekt.
- Ja, klingt gut!
- Würde es Sie wundern, sowas heute im Supermarkt zu sehen, ich dachte so an 3,99 € pro Flasche.
- Nee, würde mich nicht wundern. Ich glaub‘ nicht.
- Würden Sie sowas kaufen?
- Ja, absolut. Total.
- Ich find‘ auch, das Logo sieht gut aus.
- Die Werbung passt, ne?!
Ja, so einfach kann’s sein. Um es noch einmal klar zu sagen: Natürlich können besondere Qualität und auch heimische Produktion Produktpreise nach oben treiben. Trotzdem rät die Expertin dringend: Gerade bei einem schick aufgemachten Etikett wie unserem auch einmal auf die Zutatenliste schauen - und sich dann fragen, ob die wirklich zum Preis passt.