Christan Paulsen hat alle Hände voll zu tun. Gemeinsam mit seiner Schafshütehunde-Dame namens Queen muss er jetzt die rund 200 bewollten Tiere vom Deich treiben. Einsammeln und Zählen.
Bei seiner Arbeit hier bei -6 Grad hat Paulsen jedoch auch immer im Hinterkopf: die Wolle, die die Schafe bei dieser Eiseskälte hier an der Nordseeküste wärmt - bringt schon längt kein Geld mehr. Pro Kilo geschorener Wolle verdient der Berufsschäfer gerade einmal 20 Cent. Die Schur eines Schafes kostet allerdings das Vielfache.
"So dann hast du einen Erlös von 0,90 € gerade mal und hast Schurkosten von 3 € Das ist ein Minusgeschäft . Also , wir zahlen noch obendrauf, und Sie müssen einmal im Jahr geschoren werde"
Sie müssen geschoren werden, damit das Fell nicht verfilzt. Das Problem: Die Schafe in Norddeutschland tragen ein sehr robustes Wollkleid.
"Hier kann man ja richtig gut sehen , wie die Wolle auch die Kälte abhält von dem Schaf. Also die frieren ja nicht , wenn man das mal aufstellt . Da kann man richtig mal sehen . Die , die die Fasern , die Locken , das sind ja doch bestimmt bald acht Zentimeter Wolle Und wie schön weich das auch ist . Also richtig sauberes Vlies . Zimmer raus. Da kann man mal richtig sehen, was für richtig schöne Wolle das ist."
Schön ist die Wolle - aber:
"Sie ist sehr rau, sie ist sehr lockig. So und das ist ja dass die ist nicht so fein/Die Wolle ist halt so ein bisschen ein bisschen kratziger."
Deswegen ist sie auch nicht so beliebt. Gerade im Textilbereich. Nicht nur das: Der Markt für deutsche Schafswolle ist fast komplett zum Erliegen gekommen. Die Lager bei einem der größten deutschen Wollhändler sind daher: fast voll. Die Wolle wird hier sortiert und für den Transport zu 400 Kilo schweren Ballen gepresst. Gesellschafter John Semmelhaak ist seit 4. Generation im Unternehmen. Eine solche Situation wie jetzt hat er noch nie erlebt.
"Die Situation in Norddeutschland hat sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Wolle hat durch die Umstände Covid, durch die Produktionsreduktionen in China, auch durch das immer weiter Vordringen von Kunstfasern immer mehr an Marktanteilen verloren. Und das hat sich in den letzten Jahren verschärft. Dieses Jahr im Sommer hatten wir die schwierigste Situation seit langem , weil einfach die Lagerkapazitäten erschöpft war."
Ein Großteil der Wolle hier soll eigentlich nach Asien gehen, wo sie unter anderem in Teppichen und Dämm-Materialien landet. Doch während Corona kam der Handel zum Beispiel nach China durch den Lockdown ganz zum Erliegen. Zur mangelnden Nachfrage kommen steigende Kosten.
"Denken Sie daran, die Maut ist schon wieder erhöht worden. Energiekosten sind gestiegen. / Das muss unser Bestreben sein , dass wir die Wertschöpfungskette wieder so gestalten , dass es möglich ist , für die Wolle auch wieder dem Schäfer einen einigermaßen auskömmlichen Preis zu bezahlen , wovon wir im Moment Lichtjahre entfernt sind."
Neben Kunstfasern machen feinere Wollarten aus Übersee der norddeutschen Schafswolle immer mehr Konkurrenz. Merinowolle aus Neuseeland oder Australien wird immer beliebter.
In Deutschland stirbt die Industrie rund um die heimische Wolle langsam aus. Trotzdem will Heinz-Jürgen Gerdes aus der friesischen Wollweberei in Zetel es wagen: er verarbeitet hier seit 2 Jahren gemeinsam mit 15 Mitarbeitern regionale Wolle - kombiniert mit feiner Wolle - zu Decken.
"Wir haben vor allen Dingen von der Wolle. Wir wissen immer, wo die Wolle herkommt, über den gesamten Arbeitsprozess bis zum fertigen Produkt die Kontrolle darüber. Und alles wird hier unter diesem Dach gemacht."
"Allerdings suchen wir natürlich auch bei der norddeutschen Wolle die feinsten Wolle. Also wir machen kategorisch keine kratzigen Decken, weil das würde würden Kundinnen und Kunden nicht akzeptieren."
Deswegen sind die Decken ab 230 Euro auch nicht ganz billig. Die Maschinen hier hat Gerdes ersteigert, sie werden noch analog gesteuert. Im ersten Jahr das Start-Up schon 20 Tonnen Wolle verarbeitet.
An der Nordseeküste hat Christan Paulsen mittlerweile alle seine Schäfchen zusammen. Er bringt sie jetzt zum überwintern auf die Geest. Der Familienvater hofft, dass seine Wolle in den nächsten Jahren nicht gänzlich zum Abfallprodukt wird. Und er weiterhin wenigstens noch etwas Geld für seine Wolle bekommt.