Die Wohnsiedlung Litterode in Essen in Nordrhein-Westfa-len ist teilweise aus den 1930er Jah-ren. Insgesamt 36 Miet-Wohnungen in kleinen Häusern, viele haben auch einen Garten. Ein gewachsenes soziales Umfeld, Mehrgenera-tionen-Wohnen und Integration wie aus dem Bilderbuch. Und das soll jetzt alles platt gemacht wer-den.
CUT 2 „das ist so emotional alles, weil da steckt so viel Herzblut drin.“
CUT 5 „Das sind nicht nur Nachbarn für mich, das ist wirklich eine Fami-lie“
CUT 8 „Wir sind Kur-den / jetzt werden meine Eltern nach 37 Jahren hier wieder vertrieben
Aber die Anwohner wollen das nicht so einfach hinnehmen. Sie wollen kämpfen für ihr Häuser und für ihre Gemein-schaft.
Aufsager Michael Statz TC 01:03:39:05
„60 Menschen sollen hier ihre Bleibe verlieren. Die An-wohner haben sich per Mail an uns ge-wandt und ich will mir ihre Sorgen jetzt mal anhören.“
Ich treffe Dirk Bol-duan und seine Frau Simone. Er ist hier in der Siedlung auf-gewachsen, seine Frau wohnt ebenfalls schon seit Jahren hier. Gemeinsam ha-ben sie zwei Söhne. Ende Januar erfahren sie, dass nicht nur ihr Haus, sondern die ganze Siedlung abgerissen werden soll.
OT CUT 1 „Ich war nur noch am Weinen . Wir schlafen nachts kaum noch , weil wir uns überlegen wo müssen wir jetzt hin ? Was wird aus uns ? Unsere Kinder müssen ausziehen . Wir wer-den nie so eine große Wohnung mehr bekommen.“
Die Häuser wurden schon vor dem zwei-ten Weltkrieg ge-baut. Zwischenzeit-lich waren sie auch mal eine Obdachlo-senunterkunft und sollten dann in den 80er Jahren schon einmal abgerissen werden Aber auch da-mals haben die An-wohner gekämpft und gemeinsam die Stadt überzeugt, die Häu-ser in Eigenregie zu sanieren. Mit Erfol-g.
Aufsager2
„Klar die Häuser sind alt, aber was ich hier gesehen ha-ben ist, dass die Menschen in den letzten Jahrzehnten viel investiert und sich hier ein Klein-od geschaffen haben, in dem sie sich sehr wohl fühlen und dar-um nicht wegwollen. Viele hier haben auch Angst, dass sie keine andere bezahl-bare Wohnung fin-den.“
Ich kann das gut verstehen und will versuchen, die An-wohner zu unterstüt-zen. Doch ich merke bei meinen Recher-chen, dass dieser Fall auch eine ande-re Seite hat. Die Anwohner glauben, dass hier luxussa-niert werden soll, deshalb müssen sie weg. Aber ist das hier wirklich so eindeutig?
Um besser zu verste-hen, was in Deutsch-land gerade passier-t, bin ich auf einer Baustelle in Bur-scheid bei Leverku-sen mit Rüdiger Otto verabredet. Er ist Bauunternehmer und hat circa 120 Ange-stellte.
Ich will wissen, woran liegt das.
Freistehend
„Hallo Herr Otto…“ Helmübergabe etc.
Seit 30 Jahren baut seine Firma vom Bü-rokomplex bis zum Wohnhaus alles. Eine Situation wie wir sie im Moment haben, hat er so noch nicht erlebt, erzählt er mir.
CUT 2 OT Baustelle TC 00:20:31:13 -
„Die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist ernst , oder ? Abso-lut . Wirklich ernst . Also bei der An-zahl von Wohnungen , die wir jeden Tag bauen müssten , von dem , was da draußen fehlt , ist das mit Sicherheit kann man das als ernst be-trachten .
Das ist jetzt ein Mehrfamilienhaus , was Sie bauen und davon bauen Sie wahrscheinlich nicht ganz so viele mehr , oder ?
Also ich muss ehr-lich sein , das ist das letzte , was wir momentan jetzt hier so in der Form in der Größenordnung bauen ist jetzt acht Familienhaus . Was wir . Wir haben zwar noch andere Projekte wie Bürogebäude , Schulen und so , wo wir dran aktiv sind , aber als klassi-sches Wohnungsbau-projekt ist das zur-zeit das Letzte wo wohnen .
Das Problem: Die Kosten sind massiv gestiegen. Vor allem die Anforderungen für klimaneutrales Bauen gehen richtig ins Geld, wie zum Beispiel für eine Wärmepumpe oder eine Solaranlage. Und die Auflagen werden im-mer mehr, erzählt mir Rüdiger Otto. Außerdem sind die Zinsen für ein Dar-lehen viel höher als noch vor zwei Jah-ren.
OT Baustelle Cut 1
„Und natürlich auch die Herstellkosten durch die Energie-krise , die Her-stellkosten , ge-stiegene Kosten das hat alles dazu bei-getragen , dass wir heute eben ja eben relativ teuer bauen , so dass der Kunde der Häuslebauer im Grunde genommen zu-rückschreckt und erst mal sagt . Das überlege ich mir erst noch mal , ob ich hier heute jetzt anfange.“
Das treibt natürlich auch Mieten massiv nach oben, gerade in Ballungsräumen. Hier kommt die Politik ins Spiel, um be-zahlbaren Wohnraum zu schaffen. Aber genau da läuft es aktuell auch nicht rund.
Aufsager Michael Statz
„800.000 fehlen…“
Dazu kommt auch noch, dass aktuell viele Sozialwohnun-gen aus der Sozial-bindung fallen – die Förderungen enden, und die Wohnungen landen zu deutlich höheren Preisen auf Wohnungsmarkt. Was soll jetzt passie-ren? Das frage ich das Bundesbauminis-terium. Ein Inter-view bekomme ich nicht, schriftlich versichert man mir:
Schriftliche Stel-lungnahme:
„Ein besonderer Fo-kus liegt auf der Förderung des Sozia-len Wohnungsbaus. Er wurde in den vergan-genen zwanzig Jahren stark vernachlässig-t. Der Bund inves-tiert bis 2027 hier mehr als 18 Milliar-den Euro […] Mit diesen Mitteln wol-len wir die Trendum-kehr schaffen, damit der Bestand an Sozi-alwohnungen wieder wächst.“
Zurück zur Wohnsied-lung, die in Essen abgerissen werden soll. Ich habe einen Termin mit dem Ge-schäftsführer des Wohnungsunternehmens ALLBAU. Das hat die Siedlung vor einem Jahr von der Stadt Essen gekauft und will sie jetzt ab-reißen lassen.
Stattdessen sollen 60 öffentlich geför-derte Mietwohnungen und 13 Reihenhäuser zum Kauf entstehen – damit sollen auf dem Gelände rund doppelt so viele Menschen wie bisher Wohnraum finden. Ein Luxussa-nierung sei das kei-neswegs, versichert er mir. Aber die vorhandenen Häuser zu sanieren, sei keine Option.
ALLBAU
Cut 2 „Also eine Sa-nierung ist wie ge-sagt unfassbar teuer , weil uns der Ge-setzgeber über die Klimaschutzziele 2045 und jetzt auch die Europäische Uni-on verpflichtet , hier umfangreich zu handeln . Und wie gesagt , das ist überhaupt nicht wirtschaftlich dar-zustellen . Im Er-gebnis würde das auch zu Mieten füh-ren , die an der Stelle kein Mensch bereit ist zu bezah-len .“
Ob bei Dämmung, Fenstern oder Hei-zung: Die Häuser seien deutlich zu alt, um sie bezahl-bar auf aktuellen Stand zu bringen – gerade bei den ge-ringen Mieten, die die Menschen hier aktuell zahlen.
Ich erzähle dem Ge-schäftsführer, wie verzweifelt ich die Menschen erlebt habe und frage ihn, ob es nicht möglich ist, die Häuser nachein-ander zu erneuern. Also erst die bau-fälligen abzureißen und neuzubauen, so-dass die Anwohner dann nahtlos umzie-hen könnten.
CUT 5 „Also wir ha-ben auch das ge-prüft. Es würde eben zu einem , wenn man so will , erhebli-chen Verzug in der Gesamtbaumaßnahme führen , weil wir für alles einen Bau-antrag stellen und für alles die ent-sprechenden Vorgaben vorbereiten und or-ganisieren wollen . Und in der Folge ist die Differenz , die im Vergleich zu kom-pletten Verlegung und Neubau entstehen würde , so groß , dass wir sagen das ist uns wirtschaft-lich nicht zumut-bar“.
Die Bewohner der Siedlung wollen nicht kampflos auf-geben – und sie sind nicht wehrlos. Um den Wohnungskündi-gungen zu widerspre-chen, können vor al-lem soziale Gründe angeführt werden, erfahre ich von Rechtsanwalt Michael Pietsch.
OT Anwalt TC 3:30:20 (Länge 18s)
„Das kann beispiels-weise ein hohes Al-ter sein , das kann Gebrechlichkeit sein , das kann eben die Pflege von Angehöri-gen sein oder aber auch eine Verwurze-lung insbesondere alter Menschen in den Wohngebieten und in der Wohngegend , wo man eben dann sagt , in dem Falle ist es nicht ge-rechtfertigt , auch wenn der Vermieter an sich recht hätte , den Mieter halt auszusetzen."
Die Allbau führt mittlerweile Gesprä-che mit allen Anwoh-nern und will ihnen einen Ersatzwohnung zur Verfügung stel-len und beim Umzug helfen. Doch unser Experte rät den An-wohnern: sie sollten auch versuchen, Ent-schädigungen zu ver-langen – dafür sieht er gute Chancen.
CUT 4
„Wenn ich als Ver-mieter damit ein schnelles Ergebnis erreichen kann und die Leute ohne lang-wierige Prozesse . Bewegen kann . Aus der Wohnung auszu-ziehen , habe ich damit mehr erreicht , als wenn ich hier es drauf ankommen lasse.“
Sollten sich die Parteien nicht eini-gen können, dann bleibt nur der Kla-geweg. Den wollen die Anwohner dann auch gemeinsam be-streiten, um ihre Wohnsiedlung zu ret-ten.
Aufsager Michael Statz, RTL Reporter
„Also bei unseren Dreharbeiten habe ich eins erlebt, und zwar den Zusammen-halt der Menschen. Denn sie wollen wirklich alles tun, damit sie hier wei-terleben können."
Und auch wenn die Situation ausweglos erscheint, wollen die 60 Anwohner, die hier seit Jahrzehn-ten leben, weiter kämpfen, um ihre Gemeinschaft zu erhalten und den Abriss der Siedlung doch noch zu verhindern.