Ernährungsministerin Klöckner stellte bisherige Ergebnisse der Reduktionsstrategie vor

Zwischenbilanz zu Nutri-Score und Co: Viele Lebensmittel werden (etwas) gesünder

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner stellt auf einer Pressekonferenz 2019 in ihrem Ministerium das Nährwertkennzeichen Nutri-Score vor. Foto: Wolfgang Kumm
Bundesernährungsministerin Julia Klöckner stellt auf einer Pressekonferenz 2019 in ihrem Ministerium das Nährwertkennzeichen Nutri-Score vor. Foto: Wolfgang Kumm
© deutsche presse agentur

22. April 2021 - 9:16 Uhr

Zu viel Zucker, Fett und Salz: Wie gut funktioniert die Reduktionsstrategie?

Funktionieren Nutri-Score und anderen Maßnahmen, um den Zucker-, Fett- und Salz-Gehalt von Lebensmitteln wirklich zu reduzieren? Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) stellte am 21. April neue Daten vor. Hintergrund ist die vom Kabinett 2018 beschlossene Reduktionsstrategie. Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisiert diese heftig und verlangt verpflichtende Maßnahmen statt Freiwilligkeit.

Wirksamkeit der freiwilligen Branchenzusagen soll überprüft werden

Die vom Kabinett 2018 beschlossene Reduktionsstrategie für den Zucker-, Fett- und Salz-Gehalt von Tiefkühlpizza und Co will, dass sich Hersteller freiwillig zu schrittweisen Rezeptur-Änderungen verpflichten, um damit allgemein zu einer gesünderen Ernährung beizutragen. Um die Wirksamkeit der freiwilligen Branchenzusagen zu überprüfen, hat das bundeseigene Max-Rubner-Institut (MRI) jetzt weitere Produkte für eine Studie untersucht.

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Zahlen teilweise noch nicht zufriedenstellend - wenn "nötig, wird reguliert"

Für eine gesündere Ernährung sind laut dieser Studie in weiteren Fertigprodukten wie Toastbrot, Müsliriegel und Wurst Zucker oder Salz reduziert worden. Manche Zahlen - etwa für weniger Salz in Wurstwaren - seien aber noch nicht zufriedenstellend. Es werde weiter eine engmaschige Kontrolle geben. "Dort, wo es hakt, wird nachgebessert und wenn nötig, reguliert."

Um Zusagen der Lebensmittelbranche zu überprüfen, hat das MRI knapp 5000 Produkte untersucht. Im Vergleich zu einer Ausgangs-Erhebung 2016 waren demnach nun durchschnittlich 4 Prozent weniger Salz in verpacktem Brot und Kleingebäck - bei Toastbrot lag das Minus bei 8,3 Prozent. In Müsli-Riegeln mit Schokolade stecken nun 10,9 Prozent weniger Zucker. Bei Snack-Salami sank der Salzgehalt im Schnitt um 10,6 Prozent und bei vorgegarten Frikadellen um 15 Prozent.

Klöckner will "Quetschies" stärker ins Visier nehmen

Stärker ins Visier nehmen will Klöckner Quetschprodukte für kleine Kinder - etwa Fruchtpürees, die direkt aus kleinen Plastikbeuteln verzehrt werden. Gut zehn Prozent dieser "Quetschies" enthalten laut einer erstmaligen MRI-Untersuchung zugesetzten Zucker. Der habe darin aber nichts zu suchen, sagte Klöckner. Sie wolle sich daher auf EU-Ebene für ein Verbot von Zuckerzusätzen in solcher Beikost einsetzen.

Nutri-Score ist zentrale Maßnahme der Strategie

Eine zentrale Maßnahme der Bundesregierung, die es Verbraucherinnen und Verbrauchern erleichtern soll, die gesündere Wahl zu treffen, ist die nationale Einführung des Nutri-Score als erweiterte Nährwertkennzeichnung. Er ergänzt die bisherigen Pflichtkennzeichnungen, wie zum Beispiel das Zutatenverzeichnis und die Nährwerttabelle. Allerdings handelt es sich dabei für die Hersteller und Anbieter um eine freiwillige Selbstverpflichtung.

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Foodwatch: "Industrie trägt Mitverantwortung an Adipositas-Epidemie"

Der eingeschlagene Weg verhindere dringend notwendige gesundheitspolitische Maßnahmen, kritisiert bereits im Vorfeld der Vorstellung die Verbraucherorganisation Foodwatch. "Die Lebensmittelindustrie trägt eine Mitverantwortung an der globalen Adipositas-Epidemie", erklärte Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei Foodwatch. Julia Klöckner müsse die Branche mit verbindlichen Maßnahmen in die Pflicht nehmen, anstatt nur höflich um ein paar Gramm weniger Zucker in Fertigprodukten zu bitten, so Foodwatch. Die Zuckerlobby sei nicht Teil der Lösung, sondern Kern des Problems, heißt es weiter. "Die Strategie der Ministerin ist ein Irrweg: Programme zur Tabak-Prävention entwickelt man auch nicht gemeinsam mit Philip Morris", so Huizinga.

Zuckersteuer in Großbritannien wesentlich erfolgreicher

Foodwatch fordert unter anderem eine Limo-Steuer nach dem Vorbild Großbritanniens. Dort haben Getränkehersteller den Zuckergehalt ihrer Produkte deutlich heruntergeschraubt - seit Einführung der Steuer 2015 um etwa 35 Prozent. In Deutschland ist nach wie vor etwa jedes zweite Erfrischungsgetränk mit mehr als fünf Gramm pro 100 Milliliter überzuckert. Während in Großbritannien eine Fanta von Coca-Cola 4,6 Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthält, liegt der Anteil einer deutschen Fanta bei knapp 8 Gramm.

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Nur ausgewogene Lebensmittel in Werbung für Kinder

Die Verbraucherorganisation fordert darüber hinaus eine gesetzliche Beschränkung des Kindermarketings. Nur ausgewogene Lebensmittel sollen demnach an Kinder beworben werden dürfen. Die Industrie vermarkte ungesunde Lebensmittel mit Comic-Figuren auf Süßwaren-Verpackungen, mit Werbespots im Fernsehen und mit Social-Media-Stars auf Youtube oder Instagram direkt an Millionen von jungen Fans. Damit torpediere sie die Bemühungen vieler Eltern, ihren Kinder eine gesunde Ernährung beizubringen.

GUT ZU WISSEN: Nutri-Score auf Lebensmitteln - so lesen Sie ihn richtig!

Ist eine Tiefkühlpizza wirklich genauso gesund wie ein Vitamingetränk? Das glauben derzeit viele Menschen, nachdem Ernährungsministerin Julia Klöckner ihre Ampel für Lebensmittel vorgestellt hat: den Nutri-Score. Damit sollen Sie eigentlich auf einen Blick erkennen, wie gesund etwas ist - oder eben nicht. Leider stiftet das Ganze zurzeit eher Verwirrung. Deshalb zeigen wir Ihnen hier, wie Sie den Nutri-Score richtig lesen.

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