Zwischen Leben und Tod: Belgien will Sterbehilfe für Kinder legalisieren

Wenn das Gesetz von der zweiten Parlamentskammer durchgewunken wird, wäre Belgien eines der ersten Länder weltweit, das eine Sterbehilfe für Kinder gesetzlich zulassen würde.
© dpa, Etienne Ansotte

13. Februar 2014 - 19:16 Uhr

Kritiker zweifeln an Entscheidungsfähigkeit von Kindern

Unheilbar kranke Kinder und Jugendliche könnten in Belgien schon bald auf legalem Weg Sterbehilfe erhalten. Nach hitzigen Debatten dürfte das Parlament heute in Brüssel eine entsprechende Gesetzesänderung beschließen. Demnach kann ein Arzt etwa einem krebskranken Kind auf dessen erklärten Wunsch hin eine tödliche Dosis Medikamente verabreichen. Belgische Ärzte erwarten etwa eine Handvoll solcher Fälle pro Jahr. Kirchen und Patientenverbände kritisierten die Pläne.

Die neuen belgischen Regeln setzen enge Grenzen. Voraussetzung für aktive Sterbehilfe bei Minderjährigen ist - anders als bei Erwachsenen - eine unheilbare Krankheit. Der Patient muss unter starken Schmerzen leiden, die kein Medikament lindern kann. Ein Psychologe muss bezeugen, dass das Kind urteilsfähig und in der Lage ist, die Entscheidung zum Sterben zu fassen. Damit sind psychisch kranke Kinder und todkranke Babys ausgenommen. Außerdem bedarf es final der Zustimmung der Eltern.

Doch es bleiben Fragen. Wann befindet man einen Zehnjährigen für urteilsfähig? Wie stark überwiegt das Eigeninteresse des Kindes im Falle einer Vormundschaft? Und ist einem Kind überhaupt zuzumuten, selbstständig über ein solch komplexes Thema wie Leben und Tod zu entscheiden? Kirchen, aber auch Kinderärzte und Patientenverbände protestieren seit langem gegen die Ausweitung. In einem gemeinsamen Aufruf warnten christliche, jüdische und muslimische Gemeinden in Belgien: "Wir sollten nicht den Tötungsakt verharmlosen."

Eine Gruppe von Kinderärzten erklärte, ein Gesetz sei wegen der geringen Zahl an Fällen nicht nötig. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte die Bundesregierung auf, sich auf europäischer Ebene gegen die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe für Minderjährige einzusetzen und nannte die Ausweitung der aktiven Sterbehilfe "eine Tragödie auf internationalem Parkett".

Ein todkrankes Kind wolle zwar nicht mehr leiden, jedoch sei das nicht dasselbe, wie sterben wollen, so die belgische Abgeordnete Marie-Christine Marghem, bekennende Gegnerin des Gesetzentwurfs. Sie fürchtet, dass daraus unglaubliche psychologische Komplikationen für junge Patienten resultieren könnten, die über ihr Leben entscheiden müssten. Ein 16- oder 17-Jähriger habe ein ganz anderes Verständnis vom Tod als ein Fünfjähriger. Und doch seien "alle Kinder, von null bis 18 Jahren, in dieselbe Kategorie gesteckt" worden, empört sich Marghem.

Kinder haben ein Recht, "in Würde und Freiheit zu sterben"

Sozialisten, Liberale und Grüne sind mehrheitlich für die Gesetzesänderung. Nur die Christlichen Demokraten beider Landesteile sowie der rechtsextreme Vlaams Belang lehnen sie ab. Ihrer Ansicht nach wurden die Pläne nicht ausreichend diskutiert und sind juristisch nicht wasserdicht. "Dieses Projekt ist nicht reif zur Abstimmung", sagte Sonja Becq von den flämischen Christdemokraten in der Parlamentsdebatte, wie die Nachrichtenagentur Belga berichtete.

Die Befürworter halten dagegen, dass Leiden keine Altersgrenze kenne. Auch Jugendliche hätten ein Anrecht darauf, "in Würde und Freiheit zu sterben", sagte der liberale Abgeordnete Daniel Bacquelaine. Umfragen belegten, dass eine Mehrheit der Belgier hinter der Ausweitung der Sterbehilfe stehe.

Belgien ist eines der wenigen Länder, in denen aktive Sterbehilfe für Erwachsene bereits legal ist. Bisher gilt eine Altersgrenze von 18 Jahren. Nun soll das Gesetz von 2002 so ergänzt werden, dass es auch für Kinder gelten könnte.

Die erforderliche Mehrheit dürfte in der belgischen Abgeordnetenkammer - wie bereits zuvor im Senat - zusammenkommen. Mit dem Votum des Abgeordnetenhauses wäre der Gesetzesvorschlag durch. Dann müsste nur noch Belgiens König Philippe das Gesetz unterzeichnen. Damit wird gerechnet.