Zu krank für den Prozess, aber am nächsten Abend wieder auf der Bühne

Zwickau: Chorleiter soll Kinderpornos besessen und Schülerinnen belästigt haben

6. Dezember 2019 - 10:42 Uhr

Er war angeblich kurzfristig erkrankt: Schwänzte Chorleiter Uwe M. seinen Kinderporno-Prozess?

Als Chorleiter und Dirigent gewann er Wettbewerbe, vergangenen Donnerstag sollte Uwe M. aber vor Gericht auftreten. Der ehemalige Musiklehrer wird beschuldigt, hunderte kinderpornografische Bilder besessen zu haben – außerdem behauptet eine junge Frau, der 58-Jährige habe sie wiederholt sexuell belästigt. Doch Uwe M. erschien nicht zum Prozess. Angeblich, weil er zu krank war. Aber schon einen Tag später stand er wieder auf der Bühne, wirkte kerngesund. Wir haben mit einem mutmaßlichen Opfer gesprochen, Michaela B. Sie sagt, sie habe sich als Schülerin von Uwe M. hilflos gefühlt. Wie sie auf sein Fehlen vor Gericht reagiert - in unserem Video.

Kinderpornos und sexuelle Belästigung: Michaela M. will ihrem Peiniger noch einmal in die Augen schauen

Donnerstagmittag, 28. November: Michaela wartet vor dem Amtsgericht Zwickau auf ihren Peiniger. Ein letztes Mal will sie Uwe M. in die Augen schauen. Ihr ehemaliger Musiklehrer soll die heute 24-Jährige mehrfach belästigt, ihr Vertrauen schamlos missbraucht haben. Hilflos und ohnmächtig, so habe sie sich damals als seine Schülerin gefühlt, sagt sie. 

Jetzt aber will Michaela über den Erlebnissen stehen, will mit ansehen, wie der 58-Jährige sein Urteil erhält. Ihm wird nicht der Prozess gemacht, weil er Michaela angeblich sexuell belästigt haben soll – stattdessen aber wegen des Besitzes kinderpornografischer Schriften.

"Ich hoffe noch, ihn zu sehen und ihm einen Blick zu schenken", sagt Michaela. Ihre Stimme bricht. "Und dass er einmal vielleicht das fühlt, was wir gefühlt haben die ganze Zeit." Denn sie sei nicht die Einzige gewesen, sagt Michaela. "Das weiß ich."

"Ich würde gerade gerne deine Stirn küssen"

Bis vor rund vier Jahren hat Uwe M. am Clara-Wieck-Gymnasium in Zwickau unterrichtet. Als Dirigent leitete er damals den Schulchor – in dem auch Michaela als begeisterte Musik-Liebhaberin Mitglied war. Zunächst vertraut sie ihrem Lehrer, Uwe M. wirkt sympathisch.

Die beiden verbindet ihre Liebe zur Musik. "Er hat immer diesen total vertrauenswürdigen Eindruck gemacht in der Schule", meint Michaela. "Und alle anderen fanden auch immer: Der ist zwar ein bisschen komisch, aber eigentlich nett."

Nach einiger Zeit aber, sagt Michaela, sei Uwe M. zunehmend aufdringlich geworden. "Irgendwann fing das an, dass er mir mehr und mehr Nachrichten geschickt hat. Von wegen: 'Ich würde gerade gerne über deine Stirn streicheln und sie küssen'. Solche seltsamen Nachrichten." Sie habe sich verfolgt gefühlt, sagt sie. Hilflos, ohnmächtig.

Pädophiler Dirigent: Uwe M. schon einmal wegen Sex mit Schülerin verurteilt

Dann verlässt Michaela B. die Schule. Kurz vorher will sie Uwe M. noch wegen Nachstellung angezeigt haben, beteuert sie – die Ermittlungen seien aber eingestellt worden. Trotzdem wird Uwe M. im Jahr 2015 suspendiert. Er hatte mit einer Schülerin einvernehmlichen Sex gehabt. Ein Jahr später wird er dann wegen des Missbrauchs einer Schutzbefohlenen zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

Damit aber nicht genug: Bei einer Razzia entdeckt die Polizei kürzlich Hunderte Kinderporno-Bilder auf seinem Computer und seinem Smartphone. Jetzt also der nächste Prozess – aber Uwe M. kommt nicht. Angeblich ist er krank, meldet sich kurzfristig ab. Michaela B. ist erschüttert: "Das ist einfach nur feige." Sie ringt mit den Tränen. "Nachdem er uns alle gesehen hat, nicht reinzukommen."

Prozess in Zwickau: Am Gerichtstag zu krank, am Abend danach kerngesund auf der Bühne

Kurios: Nur einen Tag später ist der Dirigent offenbar wieder kerngesund, steht als Chorleiter eines Männergesangsvereins bei einem Adventskonzert auf der Bühne. Hat er seinen Gerichtstermin etwa bloß geschwänzt?

Einen neuen Prozesstermin gibt es jedenfalls noch nicht. Die Staatsanwaltschaft will Uwe M. diesmal aber für mindestens ein Jahr hinter Gitter bringen – wegen des Besitzes kinderpornografischer Schriften.