Selbst nach seiner Verurteilung hält die Mutter zu dem Täter

Vom Stiefvater jahrelang missbraucht - Kristin A. (29): "Mama, warum glaubst du mir nicht?"

06. Oktober 2020 - 10:31 Uhr

Verzweifelte Videobotschaft des Opfers an Mutter und Bruder

Kristin ist neun Jahre alt, als es anfängt. Erst sind es vermeintlich zufällige Berührungen, dann ein Griff unter ihr T-Shirt, bis es irgendwann zu Vergewaltigungen kommt. Der Täter: Stiefvater Wolfgang L. Lange glaubt Kristin, all das wäre normal. Erst viele Jahre später findet sie die Kraft und den Mut, den heute 59-Jährigen anzuzeigen. Doch selbst ihre Mutter und ihr Bruder glauben ihr nicht. Auch jetzt nicht, nachdem das Landgericht Zwickau ihn zu einer Haftstrafe verurteilt hat. Was Kristin ihrer Familie in einer Videobotschaft zu sagen hat, sehen Sie im Video.

“Ich bin damit groß geworden. Ich habe es nicht als Verbrechen angesehen“

Über den jahrelangen Missbrauch zu sprechen, fällt Kristin A. bis heute schwer. Vor allem, weil sie ihn lange nicht als solchen verstanden hat. "Er war ja auch ein guter Vater. Er war immer für mich da", erinnert sie sich. "Ich bin damit groß geworden. Ich habe es nicht als Verbrechen angesehen".

Meist passiert es, wenn sie mit Wolfgang L. alleine im Haus oder die Mutter in einem anderen Stockwerk ist. "Es war wie ein Überfall. Wenn ich zum Beispiel im Keller war, hat er mich geschnappt, an die Tür gedrängt, mich geküsst, mir unter mein T-Shirt gefasst. Das war ruckartig. So schnell konnte ich gar nicht reagieren. Ich hatte auch Angst und habe mir selbst die Schuld gegeben."

"Ich kann nicht verstehen, wie eine Mutter einem Kind nicht glauben kann"

Aus Angst und Scham vertraut sie sich niemandem an, wahrt nach Außen eine heile Fassade. Kristin glaubt ihrer Mutter Ingrid, dass sie von all dem nie etwas mitbekommen hat. "Es konnte niemand was merken. Ich war ein ganz normales Kind", sagt sie.

Erst kurz vor ihrem 17. Geburtstag, als es wieder fast zu einer Vergewaltigung kommt, wehrt Kristin sich und beschließt, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Sie zieht in eine andere Stadt und erzählt ihrer Mutter erst viel später davon. Doch die Reaktion ist anders als erhofft: "Sie hat mir nicht geglaubt und sie glaubt mir auch heute noch nicht (...) Ich kann nicht verstehen, wie eine Mutter einem Kind nicht glauben kann". Seither hat sie keinen Kontakt mehr zu ihr.

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Stiefvater zu Haftstrafe verurteilt: "Für mich ist er nichts!"

Wolfgang L. ist zu einer Haftstrafe verurteilt worden.
Wolfgang L. ist zu einer Haftstrafe verurteilt worden.
© RTL

Der Weg zu einer Anzeige ist lang. Kristin geht davon aus, dass die vor Gericht keine Chance hat, weil es außer einiger Fotos, die Wolfgang L. von ihr gemacht hat, keine Beweise gibt. Erst nach der Betreuung durch die Opferschutzorganisation "Opferhilfe Sachsen e.V." geht sie zur Polizei und der Prozess kommt ins Rollen.

Wolfgang L. wird zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt - wegen schweren sexuellen Missbrauchs an Kindern, sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen, versuchter Vergewaltigung, Vergewaltigung und sexueller Nötigung. Über ihren Stiefvater sagt Kristin: "Für mich ist er nichts, ich fühle nichts für ihn. Er ist mir egal". Zu ihrer Mutter und ihrem Bruder hätte sie aber gerne wieder Kontakt. Die Videobotschaft soll ein Anfang sein.

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