"Ein Teil der Bevölkerung kann sich nicht so richtig mit den Corona-Regeln anfreunden"

Zweite Welle? Virologen warnen vor leichtsinnigem Verhalten

Es gilt zwar noch die Maskenpflicht in öffentlichen Einrichtung, viele andere Maßnahmen wurden jedoch nach und nach gelockert.
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28. Juli 2020 - 10:12 Uhr

Zahl der Neuinfektionen deutlich angestiegen

Die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus steigt inzwischen wieder deutlich – Sachsens Ministerpräsident Kretschmer ist sich sicher: "Die zweite Corona-Welle ist schon da. Sie findet bereits jeden Tag statt." Virologen sehen dafür noch keine Anzeichen, registrieren aber kritische Signale. Die Virologen Jonas Schmidt-Chanasit und Alexander Kekulé haben die aktuelle Situation eingeordnet und sprechen eine Warnung an sorglose Menschen aus.

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Kein zentraler Herd, sondern allgemeiner Infektionsanstieg in der Fläche

"Wir sind noch längst nicht in einem Bereich, wo die Gesundheitsämter die Nachverfolgung nicht mehr hinbekommen würden", sagte Schmidt-Chanasit dem "Spiegel". Aber der Virologe sieht "kritische Signale". Bedenklich findet er vor allem, dass es "nicht den einen zentralen Herd, sondern einen allgemeinen Anstieg in der Fläche" gibt. Die Infektionsketten seien so schwieriger nachvollziehbar und nicht so leicht zu unterbrechen. "Man muss jetzt genau hinschauen und prüfen, woran es liegt: An größeren Versammlungen, die jetzt wieder erlaubt sind? An wiedereröffneten Kitas und Schulen? Oder sind es vor allem Reiserückkehrer?"

Immer wieder Infizierte aus Urlaubsländern

Tatsächlich wurden in jüngster Zeit eine ganze Reihe von eingeschleppten Ansteckungen registriert. Unter anderem kam eine vierköpfige Familie infiziert aus dem Mallorca-Urlaub zurück, in Hamburg wurde eine türkischstämmige Pflegekraft nach einem Familienbesuch positiv getestet. Besonders gefährlich sind derzeit aber Reisen in Balkanländer, wo die Zahl der Neuinfektionen rapide ansteigt. Laut SWR zählte alleine Baden-Württemberg vom 15. bis 22. Juni 59 Fälle bei Rückkehrern aus Serbien. 28 Personen waren im Kosovo, 16 in Bosnien-Herzegowina und 13 in Kroatien.

"Junge Leute, die einfach nicht verstehen, worum es geht"

Auch Alexander Kekulé sieht einen bedenklichen Trend, nachdem Deutschland jetzt einen leichten Anstieg über vier, fünf Tage gesehen habe. Das Besondere sei, dass mit Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg hauptsächlich zwei Bundesländer für die gestiegenen Zahlen verantwortlich seien, sagte er dem NDR. "Wie das Robert Koch-Institut sagt, haben die Neuinfektionen viel mit privaten Familienfeiern oder Freizeitverhalten zu tun. Das ist natürlich schwerer in den Griff zu bekommen, als wenn es Infektionen an einem Ort wie etwa in einem Krankenhaus gibt."

Bei solchen Ausbrüchen sei es in der Regel so, dass sie in bestimmten Bevölkerungsgruppen besonders häufig seien. "Ich gehe davon aus, dass sich hier ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung aus verschiedenen Gründen nicht so richtig mit den Corona-Regeln abfinden kann - und dass aus diesem Bereich letztlich die neuen Infektionsherde kommen." Als Beispiel nennt er "junge Leute, die einfach nicht verstehen, worum es geht."

Stark gestiegene Zahlen unter anderem wegen erhöhtem Testaufkommen

Kekulé warnt vor einer zu großen Sorglosigkeit, die die aktuell gute Situation im Land hervorrufe. "Wir kennen aus der Epidemiologie das Phänomen, dass immer dann, wenn etwas gut funktioniert, die Menschen sorglos werden. Wir nennen das Vorsorge-Paradox." Solange dies nur kleine Gruppen der Bevölkerung betreffe, könne dies die vernünftige Mehrheit kompensieren. "Aber in dem Moment, in dem das Ausscheren zu einer Bewegung wird und zusätzlich noch Reiserückkehrer dazukommen, kann ganz schnell ein Punkt überschritten werden, an dem die Situation kippt." Die Behörden könnten dann die neuen Fälle nicht mehr einfangen und identifizieren. "Dann laufen wir wirklich Gefahr, ähnliche Situationen zu erleben wie wir sie im Süden der USA oder in Israel gesehen haben", befürchtet Kekulé.

Davon ist Deutschland allerdings noch weit entfernt. Auch die stark gestiegenen Zahlen an registrierten Neuinfektionen sind an sich kein Grund zur Sorge, da sie zu einem guten Teil an einem erhöhten Testaufkommen liegen. So ist die Rate der positiven Befunde mit 0,6 Prozent konstant geblieben. Trotzdem sei die Entwicklung "sehr beunruhigend" und man werde die Entwicklung sehr genau beobachten, teilte das RKI mit.

Die Ansicht teilt Epidemiologe Timo Ulrichs im Interview mit RTL. Er fürchtet, "dass wir in der Disziplin nachlassen, Abstände einzuhalten und den Mundschutz zu tragen." Dabei sei es gerade jetzt im Sommer wichtig, die Zahlen niedrig zu halten. Denn wenn sich die Menschen mit den niedrigeren Temperaturen im Herbst wieder mehr in Innenräumen aufhielten, steige das Risiko einer Übertragung generell, sagt Ulrichs.