Zur 'Kampfhund'-Diskussion: Wie gefährlich ist eigentlich der Mensch?

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5. April 2018 - 22:44 Uhr

Schon wieder diskutieren wir über "Kampfhunde"

Warum darf jeder einen Hund halten? Und warum ist am Ende der Hund schuld, wenn etwas passiert? Diskussionen über "gefährliche Kampfhunde" haben wir in den letzten Jahren immer wieder geführt. Und zwar jedes Mal dann, wenn etwas passiert ist. Wie auch diese Woche: In Hannover hat ein Staffordshire-Mischling offenbar seine beiden Halter getötet. Als ich später erfuhr, dass da jemand in einem Mehrfamilienhaus mit einem Staffordshire-Mischling lebte, schlug ich zugegebenermaßen die Hände überm Kopf zusammen.

Von Camilla Koziol

Ich bin eine absolute Tierfreundin, mein Partner und ich leben mit einem Hund und zwei Katzen zusammen. Ich sehe im Tier das schwächste Glied unserer Gesellschaft. Schwach, weil es in den meisten Fällen dem Menschen ausgeliefert ist. In Hannover starben eine Frau und ihr Sohn. Acht Jahre lang wohnten sie mit Chico in einer Wohnung in einer Mehrfamilienhaussiedlung. Warum tut man das einem solchen Tier an?

Die Nachbarn gaben zu Protokoll, dass Chico in einem Zwinger gehalten wurde, kaum raus ging, sein Geschäft auf dem Balkon machte. Die Halter sollen restlos überfordert gewesen sein. Vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst auf Hilfe angewiesen waren: Die Halterin soll im Rollstuhl gesessen haben, möglicherweise war das der Grund, warum das Tier kaum an die frische Luft kam. Chico sollen sie bekommen haben, als er ein Welpe war. Sie haben die Verantwortung für ein süßes Bündel Fell übernommen, eine Art unbeschriebenes Blatt, auf dem sie mit Sicherheit eine schöne Geschichte schreiben wollten.

Sie meinten es sicher gut, übersahen jedoch den Moment, in dem man Chico hätte ein würdigeres Leben schenken können. In einem Tierheim oder bei erfahrenen Haltern zum Beispiel. Warum hat ihnen niemand gesagt, dass sie sich besser von ihm trennen sollten? Wo war das Veterinäramt? Wo die Tierschützer, wenn die Nachbarn offensichtlich immer wieder beunruhigt waren? Haben alle weggeschaut?

Aus dem Märchen über ein Leben mit einem Hund wurde ein Albtraum. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was in der Frau und ihrem Sohn vorging als ihnen klar war, dass sie den Angriff ihres Vierbeiners nicht überleben würden. Und ich mag mir auch nicht vorstellen, was in ihnen vorging, als sie merkten, dass der Welpe sich nicht in die Richtung entwickelt, die sie sich bestimmt wünschten. Weil sie ihm nicht das geben konnten, was er brauchte.

Vielleicht haben sie sich überfordert gefühlt, weil der Hund aggressiv war, sein gutes Recht auf Auslauf und Zuwendung bellend einforderte. Und mir ist auch klar, dass es verdammt schwer sein muss, sich einzugestehen, dass das Loslassen des Hundes die beste Idee wäre. Ein Hund braucht Platz, ein Hund braucht frische Luft und jede Menge Gelegenheiten, seine Energie loszuwerden. Liebe alleine reicht oft nicht.

Ich will auch nicht weiter spekulieren, denn ich kann mich auch nur auf die Informationen verlassen, die ich über Dritte gehört oder gelesen habe. Ich war nie dort, nie in dem Haus und schon gar nicht in der Wohnung. Aber als ich erfuhr, dass da jemand in einem Mehrfamilienhaus mit einem Staffordshire-Mischling lebte, war mein erster Gedanke: "War ja klar!" Ich will nicht sagen, dass jeder Hundebesitzer auf dem Land und in einem Einfamilienhaus leben muss, denn es gibt sicher Hunde, die in einer Wohnung glücklich sind. Aber ich würde sagen: Aus der Liebe zum Hund würde ich persönlich schauen, was für ihn das Beste ist. Und nicht für mich. Das ist selbstlos.

Wir können jetzt nicht mehr sagen, wie es den Haltern oder dem Tier gehen würde, wenn dem Hund geholfen worden wäre. Wir können bloß sagen, dass heute zwei Menschen tot sind und ein Hund eingeschläfert wird. Zwei Schicksale, die nicht hätten sein müssen. Und Leute: Hört bitte auf, über Kampfhunde zu diskutieren. Denn ein Hund ist in der Regel genau das, was ein Mensch aus ihm macht.