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Zugunglück nahe Santiago de Compostela: Mindestens 80 Tote

Zugunglück nahe Santiago de Compostela: Mindestens 80 Tote

"Wir haben da kaputte Menschen gesehen"

Bei dem schwersten Zugunglück seit Jahren in Europa sind in Nordspanien mindestens 80 Menschen getötet worden. Der Hochgeschwindigkeitszug Alvia sprang etwa vier Kilometer vor dem Bahnhof der Pilgerstadt Santiago de Compostela mit 218 Passagieren und 29 Zugbediensteten an Bord aus den Schienen. Die Katastrophe war das erste Unglück mit Todesopfern auf einem Abschnitt des spanischen Hochgeschwindigkeitsnetzes.

Spanien Zugunglück
Bei dem Unglück wurden mindestens 187 Menschen verletzt.
REUTERS, STRINGER

Der Zug schliff funkensprühend an einer massiven Mauer parallel zur Streckenführung entlang. Durch die Wucht der Entgleisung wurden die acht Waggons auseinandergerissen, einige verformten sich unter dem Druck der gewaltigen Kräfte. Mindestens 178 Menschen wurden verletzt, einige von ihren schwer. Nach dem schweren Bahnunglück hat der Lokführer eingeräumt, viel zu schnell gefahren zu sein. Der Zug sei mit rund 190 Stundenkilometern unterwegs gewesen, obwohl in der Unglückskurve höchstens Tempo 80 zulässig gewesen sei, bestätigte er nach Angaben der Ermittler.

Die Waggons des Zuges wurden bei dem Unglück auseinandergerissen und sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten neben den Gleisen gegen eine Betonwand und stürzten um, andere Waggons verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog sogar über die Begrenzungsmauer hinweg.

Die Bergungsmannschaften durchsuchten die beiden am meisten zerstörten Waggons und stellten fest, dass sich dort keine weiteren Opfer befanden. An der Unfallstelle hatten die ganze Nacht über Rettungskräfte gearbeitet. Der Unglückszug hatte sich auf der Fahrt von Madrid zur Küstenstadt El Ferrol im Nordwesten Spaniens befunden.

"Es geschah alles ganz schnell", berichtete der Passagier Ricardo Montesco dem spanischen Sender SER. "In einer Kurve fing der Zug an zu schlingern, dann schoben sich die Waggons ineinander." Viele Menschen seien auf dem Boden der Großraumwagen eingequetscht gewesen. "Wir versuchten uns aus dem Zug zu winden, als uns bewusst wurde, dass der Zug brannte. Ich war im zweiten Wagen und in dem war ein Feuer ausgebrochen." Auch Leichen habe er dort gesehen.

Die Unglücksstelle war auch über zwölf Stunden nach der Entgleisung ein Trümmerfeld. "Wir haben da kaputte Menschen gesehen, wie sie Kinder aus den Zugtrümmern herausgeholt haben", sagte ein junger Mann spanischen Journalisten. Auf dem Schotterbett der Gleise lagen neben den Wracks der Waggons herausgerissene Stühle, Gepäckstücke, Teile der Waggons und Decken, mit denen Verletzte zugedeckt worden waren. Mit riesigen Kränen wurden die tonnenschweren Zugteile angehoben, um die Arbeit der Rettungsmannschaften zu erleichtern und mit den Aufräumarbeiten zu beginnen.

Vor einer offiziellen Bewertung soll die Auswertung der Black Boxes - also der Fahrtenschreiber - abgewartet werden. Gegen den Zugführer wurden staatsanwaltliche Ermittlungen eingeleitet. Er soll auf Anordnung des Ermittlungsrichters als Beschuldiger vernommen werden. Gewerkschaften nahmen den erfahrenen 52-Jährigen aber in Schutz und behaupteten: Schuld war das ungeeignete Tempokontrollsystem. Ein Terroranschlag oder ein Sabotageakt als Unglücksursache wird ausgeschlossen, wie das spanische Innenministerium mitteilte.

Religiöses Fest in Pilgermetropole abgesagt

Kurz nach der Katastrophe waren zuerst Anwohner zum Unglücksort geeilt. "Wir hörten ein gewaltiges Krachen und gingen sofort runter", berichtete der Bäcker Ricardo Martinez. Er habe dann geholfen, Verletzte zu retten und Tote zu bergen. "Ich bin in die Waggons reingekrochen, aber was ich da gesehen habe, möchte ich nicht erzählen", sagte der 47-Jährige zu Reuters. Viele der herbeigeeilten Helfer schlugen mit Steinen die Scheiben der Waggons ein, um den Verletzten helfen zu können. Polizei und Zivilschutz organisierten einen Großeinsatz, aus Madrid wurden Spezialisten an die Unfallstelle beordert.

Am kommenden Wochenende hatte in Santiago de Compostela ein großes Fest zu Ehren des Heiligen Jakobs stattfinden sollen. Die Stadt sagte die Feierlichkeiten, die das wichtigste Fest des Jahres in der Pilgermetropole sein sollten, aufgrund des Zugunglücks vollständig ab.

Papst Franziskus zeigte sich betroffen über das Bahnunglück. Der Papst sei über den Unfall informiert worden und im Schmerz mit den Familien und Angehörigen der Opfer verbunden, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi in Rio de Janeiro, wo sich Franziskus bis Sonntag anlässlich des Weltjugendtages zu seiner ersten Auslandsreise aufhält. Lombardi bat vor Beginn der täglichen Pressekonferenz um eine Gedenkminute für die Opfer.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich erschüttert über das schwere Zugunglück in Spanien gezeigt und die Anteilnahme Deutschlands "in diesen Stunden des Schmerzes" übermittelt. "Die Bilder von der Unglücksstelle lassen das entsetzliche Leid nur erahnen", schrieb Merkel in einem Telegramm an den spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy, der die Unglücksstelle besuchte. Rajoy, der selbst aus Santiago stammt, ordnete eine dreitägige offizielle Trauer für das Land an.

"Die ganze Stadt steht wie unter Schock", sagte der Koordinator des Projekts 'Deutschsprachige Pilgerseelsorge in Santiago', Wolfgang Schneller. Das Unglück löste eine Welle der Solidarität aus. Als die Behörden zu Blutspenden aufriefen, meldeten sich so viele Freiwillige, dass die Krankenhäuser den Andrang kaum bewältigen konnten.