Haben 200 Menschen die Beamten bedrängt?

Zeugen über Polizisten bei Festnahme in Duisburg: „Mit Gewalt, Pfefferspray und Schlagstock"

22. Mai 2020 - 14:49 Uhr

NRW-Innenminister setzt auf Null-Toleranz-Strategie gegen Clans

Nachdem es bei der Festnahme eines 18-Jährigen in Duisburg-Marxloh durch rund 200 Menschen zu erneuten Aggressionen gegen Polizisten und Journalisten gegeben haben soll, setzt NRW-Innenminister Herbert Reul weiterhin auf eine Null-Toleranz-Strategie gegen Clans. Währenddessen melden sich Freunde des Festgenommenen zu Wort. Sie bestreiten jegliche Aggressivität gegen die Polizei.

Ansammlung von rund 200 Menschen bei Polizeieinsatz

Alles begann am Dienstagabend: Auf einer Polizeistreife fiel den Beamten der mit Haftbefehl gesuchte 18-Jährige im Duisburger Stadtteil Marxloh auf. Als der Mann die Polizisten entdeckt habe, sei er zunächst in ein Haus geflüchtet. Bei der Festnahme im Flur habe er sich körperlich gewehrt. Mehrere Menschen seien daraufhin in den Flur gekommen und hätten die Maßnahmen der Polizei gestört. Laut Polizeisprecher drohten die Beamten damit, Pfefferspray einzusetzen. Als die Beamten das Haus gemeinsam mit dem 18-Jährigen verlassen wollten, standen laut Polizei vor der Tür bereits rund 200 Menschen.

Stecken Clans dahinter?

Zusammenhänge mit Familienbanden, sogenannten Clans, seien laut Innenminister Herbert Reul naheliegend, aber aktuell nicht 100-prozentig nachweisbar. "Es spricht vieles dafür, dass Familienbande da eine Rolle spielen. Sagen wir es mal ein bisschen allgemeiner: Denn so schnell kriegt man ja so viele Leute nicht zusammen, die dann auch das Interesse haben, dem Einen zu helfen. Es muss irgendwas mit Familienzusammengehörigkeit zu tun haben", erklärt der Minister uns im Interview.

Der Vorfall in Marxloh ist kein Einzelfall. Immer mal wieder soll die Polizei bei ihren Einsätzen von Clanmitgliedern behindert oder sogar attackiert werden, so Reul. Dennoch sieht der Minister keinen akuten Handlungsbedarf: "In der Polizeiarbeit müssen Sie Geduld haben und konsequent sein. Sie müssen erstens entscheiden und etwas machen und zweitens, müssen Sie kontinuierlich dranbleiben. Das braucht Dauer. Genauso wie ein Kriminalist einen Fall nicht in Sekunden aufklärt, sondern Wochen, Monate, manchmal Jahre braucht, genauso muss die Polizei auf der Straße konsequent dranbleiben."

Bilal O.: „Das stimmt alles gar nicht“

Zum Fall in Marxloh haben sich jetzt Freunde des 18-jährigen Festgenommenen gemeldet. Laut ihnen sei die Situation bisher völlig falsch dargestellt worden. "Die haben uns alle beleidigt. Die Bullen haben uns alle kontrolliert, obwohl wir gar nichts damit zu tun hatten, wurden wir wie Dreck behandelt und nach hinten gedrückt. So ein älterer Mann wurde auch festgenommen, obwohl der damit nichts zu tun hatte und wir wurden einfach in einem schlechten Bild dargestellt", beschreibt Bilal O. die Situation im RTL-Interview.

Er und seine Freunde waren anwesend, als es passiert ist. Die Polizei soll dabei regelrecht aggressiv gegen ihren Freund vorgegangen sein: "Mit Gewalt, Pfefferspray und Schlagstock" sollen die Polizisten den jungen Mann aus dem Haus herausgezerrt haben, berichtete uns Justin A. "Das Schlimmste ist, sie haben ihm ja noch eine Tüte über den Kopf gezogen, als sie ihn festgenommen haben und dann ins Auto gesperrt", sagte er.

Auch der Vorwurf, dass vor dem Haus rund 200 Menschen die Polizeiarbeiten blockiert haben sollen, weisen die beiden zurück. "Im Endeffekt wird das wieder so dargestellt, als ob wir uns gewehrt haben, als ob wir keine Ahnung was gemacht haben, obwohl wir nur da standen und geguckt haben. Da waren mehrere Leute und dann waren das auf einmal 200 Mitglieder – so viele sind wir gar nicht hier in Marxloh", erklärt Bilal O.

Gesetzliches Vorgehen gegen Clans?

Was genau am Dienstagabend in Duisburg-Marxloh geschehen ist Ansichtssache. Die Fakten sprechen jedoch dafür, dass es zu einem regelrechten Massenauflauf vor dem Haus gekommen sein soll. Die große Menschenansammlung soll es den Beamten erheblich erschwert haben, die Vollstreckung des Haftbefehls gegen den 18-Jährigen umzusetzen.

Darüber hinaus könne ein Zusammenrottungsverbot per Gesetz in Fällen wie diesen zwar die Arbeit der Polizei erleichtern, sei laut NRW-Innenminister Reul aber nicht praktikabel. Der Grund: "Weil wir in Deutschland ein sehr stark ausgeprägtes Grundrecht auf Versammlungsfreiheit haben. Das heißt Menschen dürfen sich treffen, dürfen sich zusammentun, solange sie nicht gewalttätig werden."