Zerstörung, Gewalt und kein Ergebnis: Diesen G20-Gipfel braucht kein Mensch

10. Juli 2017 - 17:59 Uhr

Was bleibt von diesem Wochenende, was bleibt vom G20-Gipfel in Hamburg? Es sind natürlich die verstörenden Bilder von Gewalt, Zerstörung und der brutalen Auseinandersetzung mitten in den Wohngebieten der Hansestadt. Ein politisches Ergebnis? Nicht wirklich. Solche Gipfel braucht kein Mensch, findet unser Kommentator Oliver Scheel.

Hamburg war für alle Seiten schwer zu ertragen

Der G20-Gipfel in Hamburg wirft weit mehr Fragen auf als er Antworten fand. Die Eskalation war – wenn auch nicht in diesem Maße – erwartet worden, vielleicht sogar im Vorfeld geschürt. Der Austragungsort Hamburg wurde von Konfliktforschern schon lange kritisiert. Warum ausgerechnet die Messehallen, nur den berühmten Steinwurf entfernt vom Schanzenviertel, dem Herz der Hamburger Linken?

Was dann in der Stadt geschah, kann wirklich niemandem gefallen und geriet zu einer deutlichen Unterstützung des Vorschlags von Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD), der anregte, den Gipfel stets im Hause der Vereinten Nationen in New York abzuhalten.

Was ich in Hamburg erleben musste, ist für alle Seiten schwer zu ertragen: Ich sah verängstigte Polizisten, die sich teilweise überaus nervös ihren Weg durch die Demonstranten bahnten. Das beste Beispiel dafür war die junge Frau, die ein Stofftier-Einhorn an einem Bändchen gebunden in die Reihen der Polizei warf und es gleich darauf wieder zurückholte. Mehrere Polizisten reagierten enorm verschreckt. Die Frau nahm wahrscheinlich aus Naivität in Kauf, dass die Polizisten sich zu einer möglicherweise folgenschweren Reaktion hinreißen lassen.

Die Rechnung zahlen die Hamburger, die diesen Gipfel nie wollten

Zerstörung, Gewalt und kein Ergebnis: Diesen G20-Gipfel braucht kein Mensch
Ein schwer zu ertragender Anblick für Menschen, die im Hamburger Schanzenviertel wohnen oder ihre Geschäfte haben.
© imago/xim.gs, xim.gs, imago stock&people

Ich sah nervöse Demonstranten, die bunten und friedlichen Protest gegen eine Politik planten, die ihnen nicht gefällt. Ich sah, wie diese Menschen unverschuldet zwischen die Fronten gerieten und teilweise panisch wegrennen mussten, um nicht durch Steine, Flaschen, aber auch Pfeffer oder Tränengas vonseiten der Polizei verletzt zu werden. Ich sah, wie linke Demonstranten auf Randalierer einredeten, endlich aufzuhören, Flaschen auf die Polizei zu werfen. Ich sah Krawalltouristen und ich sah Menschen, die in der Auseinandersetzung einen gewissen Kick finden.

Das gesamte Wochenende war von einer großen Unverhältnismäßigkeit und Nervosität geprägt. Es genügte stets nur ein Funke, um die nächste Eskalationsstufe zu zünden. Unter dem Aggressionspotenzial der Polizei und des sogenannten Schwarzen Blocks litten am allermeisten die Hamburger selbst. Die Übergriffe auf den Stadtteil Altona hatte niemand vorhergesehen, sicherlich stehen sie in Verbindung mit der Räumung des Protestcamps in diesem Stadtteil. Die Wahllosigkeit bei den Angriffen der Randalierer auf kleine Läden und das In-Brand-setzen von Familienautos in mehreren Stadtteilen sind nicht nachzuvollziehen. Ausbaden mussten es allein die Hamburger.

Das Ergebnis dieses Gipfels ist lächerlich - und der Preis dafür war einfach zu hoch

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Die Tage von Hamburg waren geprägt von Krawallen.
© imago/Pacific Press Agency, Alexander Pohl, imago stock&people

Der G20-Gipfel in dieser Form ist schlicht ein Magnet für Krawallmacher aus ganz Europa. Es sind zynische Bilder, wenn die Mächtigen der Welt sich "Freude schöner Götterfunken" in der nagelneuen Elb-Philharmonie anhören, während drei Kilometer weiter ein Stadtteil zu einem Bürgerkriegsgebiet wird. Es ging nicht mehr um Trump oder Erdogan, es ging um die maximale Eskalation. Ich habe an mir selbst gemerkt, dass mich das Geschehen in den Messehallen überhaupt nicht mehr interessiert, ich habe nur noch in den Tickern nachgeschaut, wo es jetzt brennt und kracht. Die Politik wurde zur Randnotiz. So hatte man in den Tagen des Gipfels niemals das Gefühl, dass die Lenker der Welt nur wenige Hundert Meter entfernt diskutierten.

Und genau das ist ein Kernproblem dieser Gipfel. Die Politik hat den Kontakt zu den Bürgern verloren. Die Eskalation war mit der Wahl des Ortes Hamburg programmiert. Und wenn Olaf Scholz, der Erste Bürgermeister der Stadt, den Gipfel mit dem Hafengeburtstag vergleicht, dann ist das nicht mehr und nicht weniger als eine dramatische Fehleinschätzung.

Wenn sich die 20 mächtigsten Staaten der Welt treffen, um gemeinsam nach dem kleinsten Nenner zu suchen, dann kann man sich das Treffen getrost sparen. Wenn das Ergebnis dieses Gipfels ist, dass wir keinen Protektionismus wollen, aber nationalstaatliche wirtschaftliche Eigenständigkeit und wenn wir froh sind, dass US-Präsident Donald Trump nicht komplett ausschert, und wir einen Dissens festschreiben, nicht aber einen Konsens, dann haben die Hamburger für dieses Ergebnis einen enorm hohen Preis gezahlt.

Nein, einen solchen Gipfel brauchen wir nicht noch einmal. Nicht in einer deutschen Stadt, aber auch nicht in irgendeiner anderen.