Zentimeter-Entscheidung bei der US-Präsidentschaftswahl

06. November 2012 - 9:24 Uhr

Offenbar leichte Vorteile für Obama in Schlüsselstaaten

17 Monate Wahlkampf gehen zu Ende: In der kommenden Nacht bestimmt Amerika den nächsten US-Präsidenten. Das Rennen ist so eng, dass möglicherweise wenige hundert Stimmen den Ausschlag geben. Deshalb kämpfen Präsident Barack Obama und Herausforderer Mitt Romney sogar noch am Wahltag selbst um jeden Wähler.

USA Wahl Obama Romney
Wahlkampf-Endspurt in den Schlüsselstaaten: Mitt Romney war unter anderem in Florida.
© Reuters

Allerdings zeichneten sich auf der Zielgeraden leichte Vorteile für den Präsidenten ab. In der Mehrzahl der besonders hart umkämpften Bundesstaaten schnitt Obama etwas besser ab. Meist war der Abstand statistisch gesehen zwar irrelevant. Doch im Schlüsselstaat Ohio, in dem sich die Wahl entscheiden könnte, baute der Präsident seinen Vorsprung binnen 24 Stunden um drei Punkte auf 48 zu 44 Prozent aus. "Das ist extrem eng. Aber es sieht ziemlich optimistisch für Obama aus", sagte die Meinungsforscherin Julia Clark vom Ipsos-Institut.

Siegesgewiss kann Obama deswegen jedoch nicht sein. Dazu fiel sein Vorsprung in der Umfrage in den meisten Bundesstaaten zu gering aus. Daher konnte sich der Präsident auch zum Ende des Wahlkampfs keine Pause erlauben - und sein Herausforderer erst recht nicht.

Als käme es darauf an, Vielfliegermeilen zu sammeln, jetteten Obama und Romney von Swing State zu Swing State, von Sporthallen zu Flugzeughangars, von Marktplätzen zu Parkanlagen. Manchmal kreuzten sich ihre Wege, hätten sie sich fast aus ihren Flugzeugen zuwinken können. Denn ihre Ziele waren dieselben: Die weniger als ein Dutzend Staaten mit gerade mal gut 20 Prozent der Bevölkerung, in denen sich entscheiden wird, wie der nächste Präsident der USA heißt.

"Die Tür zu einem besseren Ort ist offen. Geh mit mir hindurch, Iowa", rief Romney den Menschen zu. "Ich bin nicht müde, ich habe noch Kampfeslust in mir. Kämpfe mit mir, Ohio", so Obama. "Es ist die falsche Zeit, sich auszuruhen. Wir sind fast am Ziel, New Hampshire", sagte der Titelverteidiger. "Haltet noch ein bisschen durch. Jede Stimme zählt, Wisconsin", meinte der Herausforderer.

Auch Romney mit Mammutprogramm zum Endspurt

Das Ergebnis in den einzelnen Staaten ist wichtig, denn am Ende ist nicht entscheidend, wer landesweit die meisten Stimmen insgesamt bekommen hat, sondern wer sich die meisten Wahlleute sichern kann. Und die werden über die Bundesstaaten vergeben. Dort gilt in der Regel: Wer die meisten Stimmen in einem Staat erhält, bekommt alle Wahlleute zugesprochen, während der Verlierer leer ausgeht. Für den Wahlsieg benötigt ein Bewerber mindestens 270 Wahlleute. In Ohio geht es beispielsweise um 18.

Dass Obama sich für seinen letzten Auftritt vor dem Wahltag den Bundesstaat Iowa ausgesucht hat, ist kein Zufall: Dort hatte 2008 mit einem unerwarteten Auftaktsieg bei den Vorwahlen der Demokraten sein Aufstieg begonnen. Sollte er Iowa, Wisconsin und Ohio gewinnen und er gleichzeitig von unangenehmen Überraschungen in anderen Bundesstaaten verschont bleiben, dürfte ihm der Wiedereinzug ins Weiße Haus gewiss sein.

Auch Romneys Programm zum Wahlkampffinale war prall gefüllt: Florida, Virginia, New Hampshire und Ohio, alles umkämpfte Bundesstaaten, in denen unentschlossene Wähler überzeugt werden wollen. Noch nie hat ein Republikaner ohne einen Sieg in Ohio die Präsidentenwahl gewonnen. Auch für Romney gilt ein Sieg in dem Bundesstaat als unverzichtbar. Wenn er in sein Bett im heimischen Boston fällt, liegen Blitzbesuche in acht Staaten binnen drei Tagen mit vielen Zwischenstopps hinter ihm.

Das Rennen ist so knapp wie selten in der Geschichte der USA. "Die Demokraten werden die letzte Nacht genauso verbringen wie die Republikaner", sagte Experte David Gergen beim Sender CNN voraus. "Sie werden auf die letzten Umfragen blicken, zählen und zählen, rechnen und rechnen. Es wird für alle eine unruhige Nacht."