Psychologe erklärt unser Zeitgefühl

Zeitempfinden während Corona: Warum rennt uns die Zeit davon?

Eine kleine Sanduhr. Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv
Eine kleine Sanduhr. Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv
© deutsche presse agentur

01. März 2021 - 14:36 Uhr

Von Lauren Ramoser

Objektiv betrachtet vergeht die Zeit immer gleich schnell – doch gefühlt bestehen große Unterschiede. Mal rennt die Zeit, mal vergeht sie kaum. Aber woran liegt das und mit welchem Empfinden sind wir glücklicher? Psychologe Dr. Marc Witmann erklärt unser Zeitempfinden.

Manchmal rennt die Zeit, mal vergeht sie kaum

An manchen Tagen rennt die Zeit, als würde sie uns wie Sand durch die Finger gleiten. An anderen Tagen ist sie zäh wie Kaugummi. Aktuelle Studien zeigen, dass die Corona-Pandemie unser Zeitempfinden durcheinanderbringt. Manche Menschen haben das Gefühl, alles verginge schneller. Andere kämpfen sich durch scheinbar unendlich lange Tage.

Der Psychologe und Zeitforscher Dr. Marc Wittmann erklärt, woher dieses Zeitempfinden kommt. In einigen aktuellen Studien, die Menschen in westeuropäischen Ländern nach ihrem Zeitempfinden gefragt haben, kam laut Wittmann folgendes heraus. Etwa 80 Prozent der Menschen sagen, dass die Zeit anders läuft als sonst. Und die lassen sich wieder grob in 40 und 40 Prozent einteilen, die sagen, dass sie schneller oder langsamer läuft als sonst.

Glück ist, wenn die Zeit schnell vergeht

Egal in welche Richtung Sie fühlen, der Ursprung dieser Wahrnehmung ist bei uns allen der gleiche. "Ich kann jetzt nichts tun, würde aber gerne etwas tun. Ich glaube, so einfach kann man das runterbrechen", erklärt Dr. Marc Wittmann. Das sorgt bei vielen aktuell für Frustration.

"Es hat sich gezeigt, dass die Leute, die relativ zufrieden sind mit ihrer sozialen Situation und auch die Leute, die ein Ziel haben, also eine Beschäftigung haben – für die läuft es schneller als sonst. Und für die Leute, die kein Ziel haben und die mit der sozialen Situation nicht zufrieden sind, für die läuft es viel, viel langsamer als sonst", so der Psychologe und Zeit-Forscher.

Das Dilemma: Langeweile, wenn die Zeit langsam vergeht

Bezogen auf unsere Lebenszeit müssten wir uns alle wünschen, dass die Zeit möglichst langsam vergeht, damit wir mehr davon haben. Faktisch ist das aber nicht so, denn Langeweile – also langsames Zeitempfinden – versuchen die meisten Menschen möglichst zu vermeiden. "Wenn wir also Binge-Watchen, irgendwie Videospielen oder im Internet surfen. Das sind ja genau die Zeiten, wo wir uns selbst nicht erleben und die Zeit vergeht ganz schnell", erklärt der Psychologe. Die meisten Menschen befinden sich also permanent in einem internen Dilemma zwischen dem Wunsch, keine Langeweile zu fühlen und mehr Zeit für was auch immer zu haben.

Im Laufe des Lebens verändert sich unser Zeitempfinden auch. Bis wir etwas 60 Jahre alt sind, läuft die Zeit gefühlt immer schneller, danach befinde man sich auf einer Art Plateau. Das betrifft aber nur Erwachsene, denn Kinder haben zunächst überhaupt kein Zeitempfinden. Sie leben sehr präsenzorientiert, wie Wittmann erklärt. Das Konzept eines internen Zeitstrahls, der vorgibt, wann im Leben idealerweise welche Erlebnisse zu passieren haben, lernen Kinder erst im Laufe des Heranwachsens. Sie haben daher auch nicht das Gefühl, ihnen würde durch die Corona-Pandemie zeit gestohlen werden.

Was hilft gegen Das Gefühl des Zeit-Verlierens?

Das Gefühl, Zeit zu verlieren ist für Erwachsene ganz normal. Dennoch empfinden es viele Menschen als unangenehm. Dr. Marc Wittmann beschreibt aus der Psychologie zwei einfache Tipps, um in der Pandemie mit dem Gefühl umgehen zu können: "Es gibt zwei Möglichkeiten. Das eine ist das emotionale Coping, dass ich quasi akzeptiere, weil ich die Situation ja nicht ändern kann. Und vielleicht kann ich dadurch auf völlig neue Ideen kommen, weil ich ja jetzt die Zeit habe."

Die zweite Möglichkeit ist das instrumentelle Coping. "Das heißt, dass ich mir völlig neue Ziele suche. Also Dinge, die ich jetzt noch machen könnte. Und wenn ich dieses Ziel vor Augen habe, vergeht die Zeit auch viel schneller und ich fühle mich auch wohl."

Kinder können das Gefühl ihrer Eltern übrigens noch nicht nachempfinden. Ihr Zeitbewusstsein reicht noch nicht aus, um das Gefühl zu bekommen, sie würden wichtige Zeit verlieren. Dennoch können Eltern gegen ihre eigenen Sorgen ankämpfen. Hierfür können sie die beiden beschriebenen Techniken anwenden und für ihre Kinder neue Anreize schaffen.