Zehn Jahre Stalking-Paragraf – Gesetze alleine können Opfer nicht schützen

06. April 2017 - 18:43 Uhr

Opfer sind doppelt verzweifelt: Über die Täter und über die Justiz

Wer schon einmal betroffen war weiß: Stalker können einem das Leben zur Hölle machen. Seit zehn Jahren ist Stalking zwar ausdrücklich per Gesetz verboten, der Nachstellungs-Paragraf wurde sogar vor kurzem noch verschärft, doch Gesetze allein können die Opfer nicht schützen. Darum tagt nun in Berlin eine Stalking-Konferenz, wo über Experten über Verbesserungen in der Strafverfolgung, Opferhilfe und den Umgang mit Tätern sprechen.

Stalker fühlen sich ermutigt

Stalking ist ein großes gesellschaftliches Problem
Auch zehn Jahre nach Einführung des Nachstellungsgesetzes ist Stalking noch immer ein großes gesellschaftliches Problem.
© picture-alliance/ dpa, Frank Kleefeldt

Dass es da massiven Nachholbedarf gibt, weiß auch Roland Weber, Opferbeauftragte der Senatsjustizverwaltung. Seit 2012 unterstützt der Rechtsanwalt Opfer von Straftaten – vor allem nach Gewalt. Bei ihm melden sich Frauen, die gleich doppelt verzweifelt sind: Über den Psychoterror eines Stalkers, aber auch über die Berliner Justiz. Denn auch wenn die Opfer den Peiniger anzeigen, brauchen die Behörden oft Wochen oder sogar Monate, um den Fall zu bearbeiten, erklärt Weber. "Dadurch fühlen sich viele Stalker geradezu ermutigt", meint er.

"Stalking ist kein Kavaliersdelikt"

Stalking ist ein großes gesellschaftliches Problem geworden. Statistisch gesehen ist jeder zehnte Bundesbürger mindestens einmal im Leben davon betroffen – Frauen weitaus häufiger als Männer. "Stalking ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine schwerwiegende Straftat", sagte Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD). Rund 20.000 Strafverfahren hat es nach den jüngsten Zahlen für 2015 in Deutschland wegen Stalkings gegeben. Die Zahl der Verurteilungen aber lag weit darunter. "Häufig wurde Stalking gar nicht erst angeklagt oder die Verfahren wurden wegen Geringfügigkeit wieder eingestellt", sagt der Opferbeauftragte Weber.

Wenn man Stalking-Opfern wirklich helfen will ist ein Gesamtkonzept nötig. "Es geht nicht ohne Strafverfolgung. Aber sie allein greift viel zu kurz - weil sie die Täter nicht abbringt und die Opfer nicht schützt", meint Wolf Ortiz-Müller, Leiter der Berliner Beratungsstelle 'Stop-Stalking'. Anders als zum Beispiel in Großbritannien gibt es in der Bundesrepublik bisher keine Klinik für hartnäckige Stalker. Viele gelten als psychisch krank. "Bei uns gibt es höchstens eine Sicherungsverwahrung. Das meinen wir aber nicht", sagt Ortiz-Müller als Psychologischer Psychotherapeut.

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Das fiese Nachstellen kann jeden treffen

Hoffnung ruht auf dem jüngst geänderten Nachstellungsparagrafen im Strafgesetzbuch. Danach müssen Betroffene nicht mehr mit Umzügen oder Jobwechseln nachweisen, wie sehr Stalking ihren Alltag beeinträchtigt. "Nun wird mehr das Tatverhalten und die Tat selbst bestraft, unabhängig von der Reaktion des betroffenen Menschen", erläutert Ortiz-Müller. Wie sich das auswirke, müsse aber erst die Praxis zeigen.

Pro Jahr kommen bisher rund 500 Menschen, die sich massiv durch Nachstellungen belästigt fühlen, in die Berliner Beratungsstelle. Treffen kann es jeden. Menschen, die anderen ganz klar signalisieren, dass sie keinen Kontakt mehr wünschen. "Viele Betroffene sind zermürbt und verängstigt, können sich schwer konzentrieren und müssen immer wieder an ihren Stalker denken", berichtet Therapeut Ortiz-Müller. Was sie bei der Beratung lernen sollen, ist, ein Gefühl für innere Sicherheit wiederzugewinnen und sich stalkingfreie Räume zu schaffen. In ganz extremen Fällen ziehen Betroffene sogar ins Ausland.

Auch Täter suchen Hilfe

Die Therapeuten bei 'Stop-Stalking' bieten aber auch Tätern ihre Dienste an. Bis zu 130 suchen jedes Jahr Hilfe. Rund die Hälfte hat keine Auflagen von Polizei und Justiz bekommen, sondern kommt aus eigenem Antrieb. Denn es ist ein Irrglaube, dass alle Stalker Freude beim Tyrannisieren empfinden. Oft ist es Wut und Hass. Knapp 40 Prozent der Menschen, die sich in Berlin als Stalker zu erkennen geben, sind dabei Frauen. "Vielleicht entwickeln Täterinnen ein höheres Problembewusstsein", mutmaßt Ortiz-Müller. Weil sie für sich merkten, dass Stalking sie nicht glücklich macht. Es gebe aber auch Menschen, bei denen nichts zu greifen scheint, meint er: "Manche müssen vielleicht weggesperrt werden."