Zehn Jahre nach dem Anschlag auf der Keupstraße: "Wir wollen eine gemeinsame Zukunft"

19. März 2015 - 14:08 Uhr

Von Cengiz Ünal und Tobias Elsaesser

Es ist der 9. Juni 2004, 15.57 Uhr. Eine Nagelbombe explodiert auf der Keupstraße in Köln-Mülheim, direkt vor einem türkischen Friseursalon. 22 Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Wie durch ein Wunder kommt keiner ums Leben. Zehn Jahre sind seitdem vergangen, seit zweieinhalb Jahren ist bekannt, dass der Anschlag von Neonazis des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) begangen worden ist. Davor vergingen acht Jahre voller Ahnungen, Vermutungen, Verdächtigungen und falscher Beschuldigungen – hauptsächlich gegen die Opfer des menschenverachtenden neonazistischen Terrors.

"Dieser Straße wurde viel Leid angetan", sagt die Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, Meral Sahin. Zum einen durch den Anschlag selbst, zum anderen durch die Ermittlungen der Polizei, die Bewohner in schlechtes Licht rückte. Finanzielle Einbußen für die vielen Geschäfte waren die Folge, die Straße hatte plötzlich einen 'schlechten Ruf'. Es konnte einfach nicht sein, was nicht sein durfte: Rechtsextreme verüben einen Anschlag auf eine Hauptader des kulturellen Lebens in einer deutschen Großstadt, weil ihr Erscheinungsbild durch türkische Geschäfte und türkische Lebensart geprägt wird. Im Grunde ein Anschlag auf die Bundesrepublik Deutschland.

Wir wollen wissen, wie es zehn Jahre nach dem Anschlag auf der Keupstraße aussieht, wie es sich dort 'anfühlt', wie sich das Leben und die Straße entwickelt haben.

Auf den ersten Blick scheint die Straße eine ganz gewöhnliche Einkaufsstraße zu sein. Die Keupstraße ist aber weit über die Grenzen der Domstadt bekannt – als 'Klein-Istanbul' Kölns. Hier reiht sich eine türkische Imbissbude an die andere, aufwändig zubereitete, orientalische Süßigkeiten dekorieren Schaufenster der Konditoreien.

Nichts mehr erinnert an die Bluttat vom 9. Juni 2004. Und auch zum zehnten Jahrestag richtet sich der Blick der Keupstraße nicht auf ihre Vergangenheit oder ihre Narben, sondern in die Zukunft. Es laufen bereits die Vorbereitungen für das Kulturfest, das am 9. und 10. Juni 2014 stattfinden wird. Bäume werden mit Nazar-Amuletten (in Deutschland besser bekannt als 'türkische Augen') zierlich geschmückt, überall hängen Plakate, die auf das Fest hinweisen. 'Birlikte' steht in auffällig großen roten Buchstaben darauf. Ein einziges Wort, das die Absicht des Kulturfestes deutlich beschreibt, denn 'Birlikte' heißt auf Deutsch 'Zusammenstehen'. Wir auf der Keupstraße stehen zusammen, wir auf der Keupstraße stehen mit Deutschland zusammen und Deutschland mit uns.

Wir gehen mit Meral Sahin, Vorsitzende der Interessengemeinschaft Keupstraße, und Thomas Laue, dem Dramaturg vom Schauspiel Köln, in das 'Kervansaray', eines der zahlreichen türkischen Restaurants. Beim Eintreten kommt uns der Geruch frisch gegrillter Fleischspieße vom Kohlegrill entgegen. Türkischer Tee wird im Minutentakt serviert.

Wir haben unsere Fragen im Vorfeld klar formuliert. Wie hat sich das Leben der Bewohner verändert? Wie gehen sie mit den Folgen des Anschlages um? Wie sehr haben sie unter den falschen Verdächtigungen gelitten? Fühlen sie sich in Deutschland noch willkommen und sicher? Haben sie noch Vertrauen in die BRD.

Unser Konzept hat es jedoch nicht leicht gegen Meral Sahin, deren Präsenz die Atmosphäre am Tisch bestimmt. Sie ist der Mittelpunkt der Gesprächsrunde, sie ist eins mit der Interessengemeinschaft, sie ist zusammen mit Thomas Laue vom Schauspiel Köln die treibende Kraft und sie will, dass andere von dieser Energie und Begeisterung erfasst werden. Und sie spricht klare Worte, konkret und mit Nachdruck. Sie macht deutlich, dass es bei dem Kulturfest den Anwohnern nicht nur darum geht, der Vergangenheit zu gedenken. "Wir wollen in erster Linie auf uns aufmerksam machen." Es soll klargemacht werden, was auf der Straße vor zehn Jahren passiert ist.

Denn die Nagelbombe traf nicht in Deutschland lebende Ausländer, sie traf Deutschland. Sahin will ein Zeichen für Integration setzen. Integration bedeutet nicht nur, dass Menschen in etwas hineingehen, es bedeutet vor allem, dass sie in etwas aufgenommen werden und somit Teil von etwas. Denn wenn das nicht geschieht, dann kommt es "zu einer Isolation mittendrin", so Sahin. "Integration ist dazugehören. Der Staat muss diese Menschen aufnehmen. Unser Engagement gilt nicht der Keupstraße, sondern ganz Deutschland."

"Wir wollen zeigen: Vertrauen ist möglich"

Meral Sahin, Vorsitzende der IG Keupstraße
Meral Sahin, Vorsitzende der IG Keupstraße.

Zu so einer "Isolation mittendrin" kam es nach dem Anschlag auf der Keupstraße. Bereits einen Tag nach dem Anschlag hatte der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) einen terroristischen Hintergrund systematisch ausgeschlossen. So wurden die Täter im Mafiamilieu gesucht. Die Anwohner selbst standen unter Verdacht. Telefone wurden abgehört, verdeckte Ermittler haben sie jahrelang ausgeschnüffelt. Später kam sogar heraus, dass die Kölner Polizei wichtigen Zeugenaussagen nicht nachgegangen ist.

Niemand wollte es wirklich glauben, aber Nachbarn hatten sich auch gegenseitig im Verdacht. Sahin, die selbst seit etlichen Jahren in der Keupstraße wohnt und ein Dekorationsgeschäft betreibt, beklagt: "Die Anwohner waren auf sich alleine gestellt. Neben den seelischen Schäden lief es auch geschäftlich nicht mehr gut."

Seit mehr als einem Jahr wird im Oberlandesgericht München gegen Beate Zschäpe, die neben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Teil des NSU war, und vier weitere Angeklagte aus der rechten Szene verhandelt. Es gibt aber nach wie vor keinen Durchbruch, bedauern Sahin und Laue. Dass die Strukturen des NSU oder seine möglichen Verflechtungen mit staatlichen Institutionen, wie dem Verfassungsschutz, aufgedeckt werden, glaubt kaum noch jemand. Zwar nahm das Verfahren einen turbulenten Beginn, mittlerweile ist es aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden. Dabei messen ihm viele - so auch Laue - die Bedeutung bei, die der Stammheim-Prozess in den Siebziger Jahren gegen die Baader-Meinhof-Gruppe hatte.

Mit einem dreitägigen Kulturfest will Köln nun am Pfingstwochenende (7.-9. Juni 2014) an den Nagelbombenanschlag erinnern, aber auch einen Weg in die Zukunft aufweisen. Organisiert wird das Kunst- und Kulturfest unter anderem von der IG Keupstraße, dem Schaauspiel Köln, der Stadt Köln und der AG Arsch Huh. Die Menschen sollen für die Gefahr von rechts sensibilisiert werden. Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) sieht das Fest als ein "wichtiges Zeichen zur Wiedergutmachung."

Meral Sahin sieht in dem Fest eine große Bedeutung für den Zusammenhalt und lädt alle Interessierten ein: "Die Keupstraße ist eine starke Straße mit Charakter. Wir sind kulturell bunt und nicht einseitig. Wir wollen zeigen: Vertrauen ist möglich. Aus Vertrauen entstehen Freundschaften, reale Freundschaften." Mit tiefem Blick versucht sie die Botschaft in uns einzubrennen. Thomas Laue erklärt, dass in der Berichterstattung über die Keupstraße der Blickwinkel geändert werden muss: "Man hat das Leid der Menschen hier nicht vergessen, aber es ist Zeit, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen und gemeinsam nach vorne zu blicken."

"Wir glauben mit Überzeugung an die Sache", fassen die beiden einstimmig ihr Vorhaben mit dem Kulturfest zusammen. Was wir am Ende mitnehmen: Nur wir alle gemeinsam können das Übel von rechts bekämpfen.



Tobias Elsaesser wurde in Hildesheim geboren und studierte Anglistik und Latein an der Universität zu Köln. Allerdings eher im "Nebenfach" – denn er arbeitete schon während des Studiums bei RTL, was das Studium ins Hintertreffen brachte. Dort wechselte er nach einigen Fernsehjahren in die Online-Redaktion. Den Ärger über aktuelle Themen die ihn (zu sehr) bewegen, versucht er auf dem Rennrad oder mit der Musik von Bruce Springsteen hinter sich zu lassen.