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Zehn Jahre Afghanistan-Krieg: Ende der Gewalt ist nicht in Sicht

Zehn Jahre Afghanistan-Krieg: Ende der Gewalt ist nicht in Sicht

Zehn Jahre nachdem ausländische Truppen nach Afghanistan kamen, herrscht immer noch Krieg am Hindukusch.
Die Hoffnungen wurden auf allen Seiten enttäuscht: Auch zehn Jahre nachdem ausländische Truppen nach Afghanistan kamen, herrscht immer noch Krieg am Hindukusch.
dpa

Die Hoffnungen wurden enttäuscht

Zehn Jahre ist es her, dass ausländische Truppen nach Beginn des Konflikts in Afghanistan einzogen. Von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung wurden sie freudig begrüßt, Kinder winkten den Patrouillen selbst in einstigen Taliban-Hochburgen zu. Die Afghanen glaubten den Versprechen des Westens, dem geschundenen Land Frieden, Sicherheit und Wohlstand zu bringen. In den Truppenstellernationen ging man von einem kurzen Einsatz aus, die Taliban galten schon als geschlagen. Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht: Heute herrscht immer noch Krieg am Hindukusch – und ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht.

Zwar gibt es etwa im Bildungswesen unbestreitbare Fortschritte, doch Milliarden Dollar an Hilfsgeldern flossen in die falschen Taschen. Vorgesehen war ein 'Light Footprint', also ein möglichst zurückhaltendes internationales Engagement - während eigentlich ein massiver Einsatz notwendig gewesen wäre.

Als einer der größten Fehler gilt der Irak-Krieg, der Ressourcen band, die in Afghanistan fehlten. Dabei hätte das Land am Hindukusch nach Einschätzung von Experten in den ersten Jahren noch relativ leicht stabilisiert werden können. Stattdessen schaute die Staatengemeinschaft hilflos zu, wie die Taliban sich nach dem Sturz ihres Regimes in Pakistan neu formierten. Zwei Jahre nach Beginn des Einsatzes waren in Afghanistan nicht einmal mehr 20.000 ausländische Soldaten im Einsatz. Inzwischen umfasst die Schutztruppe Isaf 130.000 Soldaten - aber die Lage ist dennoch nicht unter Kontrolle.

Vor Anschlägen der Taliban ist niemand sicher

In den ersten Jahren hätte die Lage der Einschätzung von Experten zufolge noch stabilisiert werden können.
Der Einschätzung vieler Experten zufolge hätte die Lage in den ersten Jahren noch stabilisiert werden können.
dpa, Pool

Selbst die westlichen Ausländer scheinen ihren eigenen Versprechen von Sicherheit und Stabilität schon lange nicht mehr zu trauen. Die mit Mauern und Sprengschutzwällen von der Außenwelt abgeschirmten Botschaften erinnern nach zahlreichen Anschlägen regelrecht an Festungen. Deutsche und andere Diplomaten mussten bereits vor Jahren auf ihre jeweiligen Botschaftsgelände ziehen. Zu Terminen fahren Botschafter nie ohne Personenschützer, auch bekannt als 'Close Protection'-Teams.

Doch nicht nur ausländische Staatsmänner können sich nicht mehr frei im Land bewegen: Präsident Hamid Karsai, dessen Verhältnis zu den USA seit seiner von schwerem Betrug überschatteten Wiederwahl 2009 dramatisch abgekühlt ist, wurde bereits mehrfach zum Ziel von Anschlägen. Angaben des afghanischen Geheimdienstes zufolge wurde gerade erst ein von Al-Kaida geplantes Mordkomplott gegen Karsai verhindert. Nicht umsonst wird das Diplomatenviertel, in dem auch der Präsidentenpalast liegt, schon als 'Green Zone' bezeichnet, in Anlehnung an die abgeriegelte Grüne Zone im umkämpften Bagdad.

Die Sicherheitslage in Kabul ist zwar nicht mehr mit der zu den schlimmsten Zeiten zu vergleichen, doch gelang es den Taliban in den letzten Wochen, mehrere spektakuläre Anschläge zu verüben. Am 20. September wurde Ex-Präsident und Vorsitzenden des Hohen Friedensrates Burhanuddin Rabbani durch die Turbanbombe eines Selbstmordattentäters in seinem Haus im Kabuler Diplomatenviertel in den Tod gerissen. In Anbetracht der Tatsache, dass Rabbani im Auftrag Karsais mit den Aufständischen hatte verhandeln wollen, erstickte dieser Anschlag jede noch so kleine Friedenshoffnung schon im Keim.

Zivilisten besonders von Anschlägen betroffen

Zivilisten in Afghanistan leben in Angst, da sie besonders von Anschlägen betroffen sind.
Afghanische Zivilisten leben in Angst: Sie sind besonders von Anschlägen betroffem.
dpa, Anja Niedringhaus

Nur eine Woche zuvor hatten Aufständische die US-Botschaft und das Isaf-Hauptquartier in der Hauptstadt beschossen, der Angriff konnte erst nach mehr als 20 Stunden niedergeschlagen werden. US-Botschafter Ryan Crocker schien der Ernst der Lage nicht bewusst zu sein, er tat die Attacke verächtlich als "Belästigung" ab und sagte mit Blick auf die Aufständischen: "Wenn das alles ist, was sie drauf haben, dann ist das eigentlich ein Zeichen ihrer Schwäche." Auch nach dem Beschuss ihres Hauptquartiers hielt die Nato-geführte Isaf an ihrer Analyse fest, dass sich die Sicherheitslage verbessert habe und es gelungen sei, "den Trend der Vorjahre zu brechen".

Selten dürfte die Wahrnehmung der Afghanen einerseits sowie westlicher Militärs und Diplomaten andererseits weiter auseinandergelegen haben. "Wir haben Angst, sobald wir aus dem Haus gehen", sagt etwa der 21-jährige Kabuler Student Wahidullah. Und sein Kommilitone Turyalay meint: "Die Ausländer haben versagt." Auch Isaf-Sprecher Carsten Jacobson räumt ein, dass die Afghanen sich nicht sicher fühlen.

Dass auch Zivilisten sich in ihrem Land nicht sicher fühlen können, da sie besonders von Anschlägen betroffen seien, bestätigt Jacobson: "Deswegen haben die Menschen draußen das Gefühl, die Gewalt habe zugenommen." Er räumte aber dennoch ein, die Zahl der Vorfälle sei statistisch gesehen in den vergangenen Monaten zurückgegangen.

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Die aufständischen Kämpfer werden nicht müde

Vor wenigen Tagen teilten die Taliban mit, sie seien "stärker und vereinter als je zuvor".
Die Taliban teilten vor wenigen Tagen mit, sie seien "stärker und vereinter als je zuvor".
REUTERS, JIM HOLLANDER

Der Krieg in Afghanistan ist längst auch zur Schlacht um die Deutungshoheit geworden. Isaf und US-Regierung werten die neue Taktik der Aufständischen, spektakuläre Angriffe mit gut ausgerüsteten Selbstmordkommandos zu verüben und Regierungsvertreter gezielt zu ermorden, als Zeichen der Schwäche. Die Argumentation: Die Taliban trauten sich nicht mehr in die offene Schlacht gegen die Truppen. US-Verteidigungsminister Leon Panetta sieht die Bemühungen in Afghanistan trotz "Herausforderungen" auf dem richtigen Weg.

Die Taliban sprechen von feindlicher "Propaganda" und teilten vor wenigen Tagen mit, sie seien "stärker und vereinter als je zuvor". Die Aufständischen kontrollierten die Hälfte des Landes und würden von der Bevölkerung unterstützt. "Es wäre besser für Amerika und seine Alliierten, die Besatzung Afghanistans schnellstmöglich zu beenden und jetzt zu tun, was unweigerlich getan werden muss."

Auch Abdul Hakim Mudschahid glaubt nicht daran, dass der Aufstand austrocknet. Der frühere inoffizielle Gesandte des Taliban-Regimes bei den Vereinten Nationen ist führendes Mitglied im Hohen Friedensrat. "Die Stimmung bei der bewaffneten Opposition ist sehr gut", hatte er noch vor dem Mord an Rabbani gesagt. "Aber die sehr jungen Leute sind voller Eifer dafür, den Heiligen Krieg gegen die ausländischen Truppen fortzuführen." Zwar würden hochrangige Aufständische zu einer politischen Lösung tendieren, doch die Kämpfer seien nicht müde.