Zahl der Kaufsüchtigen in Deutschland nimmt zu

Die Zahl der Kaufsüchtigen hat bundesweit deutlich zugenommen.
Die Zahl der Kaufsüchtigen hat bundesweit deutlich zugenommen.
© dpa, Tobias Hase

02. Dezember 2013 - 13:52 Uhr

Fast ein Viertel der Deutschen kauft als Ausgleich für emotionale Probleme

Shopping wie im Wahn: Kaufsüchtige leiden unter dem Drang, immer einkaufen zu müssen. Viele verschulden sich dabei maßlos, manche Familien zerbrechen unter dieser Sucht. In Deutschland leiden immer mehr Menschen unter Kaufsucht. Das ergab eine Studie von Konsumforschern um Lucia Reisch, Professorin für Konsumverhalten und Verbraucherpolitik an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee.

Im Vergleich zu 2010 sei der Anteil Kaufsüchtiger von sieben auf fast zwölf Prozent gestiegen, so Reisch. Die Zahl derer, die durch Konsum negative Gefühle kompensierten, sei von zehn Prozent im Jahr 2011 auf 14 Prozent gewachsen. Damit kauft insgesamt fast ein Viertel der Deutschen nicht nur zur Bedarfsdeckung ein, sondern auch als Ausgleich für emotionale Probleme - bis hin zum pathologischen Kaufzwang.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Gerhard Raab, Professor für Marketing und Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Ludwigshafen, beobachtet Reisch seit 1990 in regelmäßigen Abständen das Kaufverhalten der Deutschen. Für die aktuelle Studie wurden 1.300 Menschen mit Hilfe eines Screenings befragt. Dabei zeigte sich ein deutlicher Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. Während der Anteil der Kaufsüchtigen im Westen im Vergleich zu 2011 mit knapp zehn Prozent gleich blieb, stieg er in Ostdeutschland von sechs auf 19 Prozent.

Immer mehr Kaufsüchtige in Ostdeutschland

Worauf diese jüngste Steigerung im Osten zurückzuführen ist, sei unklar, sagte Reisch. In den 1990er Jahren habe es das Phänomen Kaufsucht dort praktisch nicht gegeben. In den 2000er Jahren war es schon angestiegen und heute sei das Niveau der westlichen Konsumgesellschaften erreicht. "Kaufsucht hat viel mit Kompensation zu tun, der schnelle Kick, das kurze Glück, das kurzfristige Vergessen der täglichen kleinen und großen Frustrationen", erklärt Reisch. "Jede Gesellschaft bietet dafür unterschiedliche Angebote. Vielleicht hat es einfach zwei Jahrzehnte gedauert, bis andere Formen der Kompensation durch das Kaufen verdrängt wurden."

Die Zunahme in ganz Deutschland könne man unter anderem damit erklären, dass der Zahlungsverkehr immer stärker virtualisiert werde. Dadurch sinke die Hemmschwelle für den Konsum. "Ein Geldschein, den man anfasst, hat ein haptisches Gefühl und dadurch auch einen bestimmten Wert", so Reisch. Bei einer Kreditkartenabrechnung oder einer Ratenzahlung, die Wochen später fällig werde, falle es vielen Menschen schwer, das Geld unmittelbar als Gegenwert wahrzunehmen.

Zudem habe sich das Kaufverhalten in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Während man beispielsweise in den sechziger oder siebziger Jahren Kredite hauptsächlich für Immobilien oder eine Ausbildung aufgenommen habe, sei die Ratenfinanzierung von Konsumgütern - Fernsehern, Möbelstücken, oder auch Handys - heute üblich. "Da hat eine Verschiebung der Normen stattgefunden."

Frauen sind mit zwölf Prozent etwas stärker betroffen als Männer (elf Prozent). "Einkaufen ist nach wie vor - emanzipierte Gesellschaften hin oder her - in vielerlei Hinsicht Aufgabe der Frauen", sagt Reisch. "Sie sind daher dem Kaufreiz stärker ausgesetzt als Männer." Für manche Frauen sei der Konsum zudem ein Bereich, in dem sie sich "selbst kompetent erleben" könnten. "In Interviews hören wir immer wieder die Begründung 'Da kenne ich mich aus, da weiß ich Bescheid'."