Wir haben mit einer Psychologin gesprochen

Youtuber lässt Jugendliche den Koran küssen - ist das gefährlich?

Deutschsprachige Koran-Ausgabe
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© dpa, Peer Grimm

10. Dezember 2020 - 16:55 Uhr

Wer dreimal den Koran küsst, bekommt ein iPhone

Der Youtuber Fayez K. provozierte bereits Anfang des Monats mit einem fragwürdigen Video. In dem Clip macht der syrische Flüchtling Jagd auf Darsteller, die als Polizisten verkleidet sind. Nun veröffentliche der 26-Jährige das nächste Skandal-Video: K.läuft über den Alexanderplatz und verteilt iPhones oder MacBooks an Jugendliche, die dreimal den Koran vor laufender Kamera küssen. Was will der Youtuber damit erreichen? Ist die Aktion vielleicht sogar gefährliche Beeinflussung von Minderjährigen? Wir haben mit einer Psychologin gesprochen und sie um eine Einschätzung gebeten.

Psychologin hält das Video für Provokation, um sich ins Gespräch zu bringen

"Ich habe einen jungen Mann gesehen, der sehr motiviert ist, seine Follower- oder Abonnentenzahl zu erhöhen", erklärt die Psychologin Rüya Kocalevent im RTL-Interview. Um sich ins Gespräch zu bringen, schrecke er offenbar auch nicht davor zurück, provokative Inhalte hochzuladen. In seinem Video kündigt er beispielsweise auch an, die Aktion wiederholen zu wollen. Dann aber wolle er Muslime dazu auffordern, die Bibel zu küssen.

Sie glaubt aber, dass man die Aktion im Zusammenhang mit dem Alter des Youtubers sehen müsse. Es handle sich um einen Mann im jungen Erwachsenenalter. "In diesem Alter haben wir bestimmte Entwicklungsaufgaben", erklärt die Psychologin. "Da interessiert und im Hinblick auf uns selbst, unsere Identität herauszubilden, in Bezug auf gleichaltrige interessiert und Sexualität oder Beziehungen zu festigen und auch eine Zukunftsperspektive im Hinblick auf Berufliches".

All das könne man in dem Video des 26-Jährigen sehr gut erkennen. Der Youtuber versuche sich, beruflich zu positionieren, Sexualität spiele eine Rolle und er versuche, eine Art Wertesystem aufzubauen – in diesem Fall orientiert an einer religiösen Gruppierung. Bevor K. die angesprochenen Jugendlichen den Koran küssen lässt, erkundigt er sich nämlich, wann sie das letzte Mal Sex gehabt hätten und ob sie sich danach geduscht hätten. Sie seien sonst unrein und dürften den Koran nicht berühren, erklärt er als Begründung.

Psychologin Rüya Kocalevent
Im Interview erklärt Psychologin Rüya Kocalevent, dass es dem Youtuber aus ihrer Sicht hauptsächlich um Provokation gehe.
© RTL

Ist das Video des Youtubers gefährlich?

Kocalevent hält das Video nicht grundsätzlich für gefährlich. Die Psychologin glaubt aber, dass die Aktion eine gewisse Gefährdung für Jugendliche darstellen könne, die schon Erfahrungen mit Ausgrenzungen und Abwertungen gemacht hätten. Gerade die wären auf der Suche nach einer "gefühlten Aufwertung, nach Anerkennung, nach Orientierung". Sie seien dann anfälliger dafür, sich von religiösen oder radikalisierten Gruppierungen vereinnahmen zu lassen.

Die Psychologin glaubt aber, dass Religion für den Youtuber zwar eine Rolle spiele, aber eher eine untergeordnete. Die Koran-Aktion sei nicht als Bekehrungsmaßnahme zu verstehen, sondern eher als Provokation. "Ich würde in diesem Fall wirklich sagen, es geht ihm um sich selbst und um die Anzahl der Follower und wie er sich präsentieren kann", meint Kocalevent. Dafür nutze er eben Themen, die polarisieren, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen.