Keine Kindheit, keine Hilfe, kein Schulabschluss

Seit sie acht Jahre alt ist, pflegt Lana (15) ihren kranken Vater: „Ich bin ein Papa-Kind“

09. Dezember 2019 - 18:20 Uhr

Doku: Wenn Kinder die eigenen Eltern pflegen

Gerade einmal acht Jahre war Lana alt, als ihr Vater mit Nierenversagen und Lungenentzündung ins Krankenhaus kam. In den nächsten Jahren folgten zahlreiche Krankenhausaufenthalte. Da Papa Jürgen arbeitsunfähig ist, geht Mutter Katharina arbeiten, um die Familie zu versorgen. Die Pflege des Vaters und den Haushalt übernimmt Tochter Lana. Schon mit zehn Jahren putzt, kocht und bügelt Lana. Und sie übernimmt die Pflege des todkranken Vaters. Eine unfassbare Belastung, die Lana auf Dauer nicht stemmen kann. Nachem sie die achte Klasse zum zweiten Mal wiederholt hat, geht die mittlerweile 15-Jährige von der Schule ab, um sich nur noch um ihren Vater kümmern zu können. 

Unsere Reporterin begleitet das junge Mädchen schon seit Längerem, jetzt hat sie Lana wieder besucht. Sie trifft eine junge, mutige Frau, die durch ein Familienschicksal viel zu schnell erwachsen werden musste. In der neunminütigen Dokumentation spricht Lana über die schwierigen letzten Jahre und darüber, wie sie mit ihrer Initiative dafür kämpft, dass pflegende Kinder es irgendwann einfacher haben.

Lana kämpft für sich und alle „Young Carers“

Keiner kann sagen, wie die Krankheit von Vater Jürgen weiter verläuft. Die wenige Zeit, die sie noch gemeinsam haben, wollen sie nutzen. "Ich bin ein Papa-Kind", sagt Lana immer. Die Sorge und ihre Liebe zu ihm bestimmen ihr Leben. Eine enorme emotionale, soziale und auch physische Balastung.

Mit ihrem Schicksal steht Lana nicht alleine da. Sie ist eine von fast einer halben Million Kindern und Jugendlichen in Deutschland, die einen Angehörigen zu Hause pflegen. Das geht aus einer Studie für das Bundesgesundheitsministerium vom Juli 2018 hervor. "Young Carer" nennt man sie in vielen Ländern – hierzulande gibt es keinen Begriff, der sie beschreibt. Und genauso, wie ein Begriff fehlt, fehlt auch die Unterstützung. Diese Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die unter extremer Belastung und Druck aufwachsen, bleibt in Politik und Gesundheitswesen bislang nahezu unsichtbar.

Für Lana war ihre Situation der Anstoß, sich für sich selbst und alle anderen pflegenden Kinder in derselben Situation stark zu machen. Sie baut die Webseite "www.young-carers.de" und schreibt einen Blog. Dort sind ihre Eltern und sie Ansprechpartner für Betroffene. Sie hören zu und erteilen Ratschläge. Zudem gibt es eine Liste mit regionalen Anlaufstellen. Und Lana kämpft in der Politik dafür, dass das Thema "Young Carers" mehr Gehör bekommt. "Es kann doch nicht sein, dass wir mit unseren Ängsten und Problemen alleine gelassen werden", betont sie.

„Sprachrohr" für alle betroffenen Kinder und Jugendlichen

Bis heute hat Lana mehr als 2.000 Politiker angeschrieben, sie sprach bereits vor dem Bayerischen Landtag und bekam von Familienministerin Franziska Giffey (SPD) in Berlin den Pflegekompass in Berlin überreicht. Es kommt also langsam etwas Bewegung in ihr Anliegen. Seit dem letzten Jahr bietet das Ministerium eine Telefonhotline für junge Pflegende an – die sogenannte Pausentaste. Montags bis samstags können pflegende Jugendliche die kostenlose Nummer gegen Kummer erreichen und sich beraten lassen. Doch das kann nur ein erster Schritt sein.

"Da fehlt die persönliche Bindung zu dem Helfer oder der beratenden Person. Und das ist, was "Young Carer" brauchen: eine Person, die dauerhaft da ist. Mit der man reden kann", erklärt Lana. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, auf dem sich Lana als "Sprachrohr" für all die Kinder und Jugendlichen sieht, denen es so geht wie ihr, und für die und deren Unterstützung und Hilfe sie kämpfen möchte.

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In jeder Klasse gibt es statistisch gesehen mindestens ein Kind, das pflegt

​"Young Carers" sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die regelmäßig chronisch kranken, behinderten, sucht- oder psychisch kranken Familienmitgliedern helfen oder diese pflegen. Sie helfen im Haushalt, gehen einkaufen, kümmern sich um jüngere Geschwister und sind auch in die Pflege der Eltern eingebunden. Laut Statistik wird davon ausgegangen, dass in Deutschland über 480.000 pflegende Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren leben. Erweitert man jedoch die Altersspanne, steigt die Zahl deutlich an. Statistisch gesehen gibt es in jeder Klasse mindestens einen Schüler, der sich zu Hause um einen Angehörigen kümmert, so ein Report des Zentrums für Qualität in der Pflege.  

Und die Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen sind gravierend: Die oftmals jahrelange Pflege bewirkt häufig eine Überforderung. Vor allem die soziale Isolation ist ein großes Problem. Viele junge Pflegende verlieren Freundschaften, vergessen ihr Privatleben und werden in der Schulklasse ausgegrenzt. Und auch Scham und die Sorge, dass die Familie auseinandergerissen wird, belastet die jungen Menschen. In vielen Fällen leidet die Schulbildung unter dem ständigen Stress, so die Angaben der Webseite "www.young-carers.de".